Wie pünktlich ist die Bahn?

Ein Jahr pendeln mit der Deutschen Bahn: Von einem, der auszog, das Warten zu lernen

Mehr als 94 Prozent ihrer Regionalzüge sind pünktlich. Sagt die Deutsche Bahn. Doch ein Feldversuch auf der Strecke zwischen Bremen und Syke ergibt für 2018 ganz andere Werte.
29.12.2018, 18:32
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Ein Jahr pendeln mit der Deutschen Bahn: Von einem, der auszog, das Warten zu lernen
Von Ralf Michel
Ein Jahr pendeln mit der Deutschen Bahn: Von einem, der auszog, das Warten zu lernen

Die RS 2 am Bremer Hauptbahnhof auf ihrem Weg gen Syke. Ein Jahr lang standen sie und ihr Pendant, der RE 9 der Deutschen Bahn, im Fokus einer Untersuchung.

Frank Thomas Koch

Es ist der 14. November 2018. Auf dem Weg zur Arbeit von Syke nach Bremen. Kurz hinter Kirchweyhe plötzlich eine Vollbremsung, dann bleibt der Zug minutenlang auf freier Strecke stehen. Wie so oft ohne jede Erklärung per Durchsage. Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Und trotzdem ein ganz besonderer Moment. Denn genau in diesem Augenblick verrinnt die 1000. Verspätungsminute 2018. Irgendwie wär's ja ein Grund zum Feiern. Wenn es um Momente purer Freude geht, sind Bahnpendler genügsam.

Das Jahr ist um, der Feldversuch abgeschlossen. Zwölf Monate Buchführung: Wie pünktlich ist die Bahn? Für ein ganz persönliches Stück Gewissheit, was stimmt: die amtliche Pünktlichkeitsstatistik der Bahn mit Werten von mehr als 94 Prozent Pünktlichkeit für ihre Regionalzüge? Oder die gefühlte Pünktlichkeit des Pendlers, die deutlich niedriger liegt?

Versuchsstrecke ist der Weg von Syke nach Bremen und retour. Entweder mit dem Regioalexpress RE 9 der Deutschen Bahn oder mit Regio-S-Bahn RS 2 der Nordwestbahn. Um die Werte vergleichen zu können, werden schweren Herzens die Rahmenbedingungen der offiziellen Bahnstatistik übernommen. In der gilt ein Zug erst ab sechs Minuten als verspätet. Und Züge, die komplett ausfallen, tauchen in der Verspätungsstatistik des Unternehmens gar nicht erst auf.

Mehr als jeder vierte Zug kam zu spät

Trotzdem fiel das Ergebnis deutlich aus: 1194 Verspätungsminuten standen am Ende des Jahres zu Buche. Fast 20 Stunden Warten auf die Bahn, mehr als jeder vierte Zug kam zu spät. Insgesamt lag der Pünktlichkeitswert 2018 auf dieser Strecke bei 71 Prozent. Die Deutsche Bahn schnitt dabei mit 73 etwas besser als die Nordwestbahn mit 70 Prozent, wobei aber die Verspätung der RS 2 nicht selten darauf zurückzuführen war, dass sie verspätete Fernzüge der Deutschen Bahn durchlassen musste.

Thema Pendler mit der Deutschen Bundesbahn - Autor Ralf Michel

Pendler Ralf Michel am Bahngleis.

Foto: Frank Thomas Koch

In besonderer Erinnerung bleibt eine Woche im Mai, als es in der gesamten Arbeitswoche nur ein einziger Zug pünktlich schaffte. Das positive Pendant dazu dann Ende August: von Montagmorgen bis Freitagabend nicht eine Verspätung. Aber als ob jemand all die glückseligen Pendler davor bewahren wollte, deshalb etwas Gutes über die Bahn zu sagen, kam es anschließend im September wieder knüppeldick. Eingeleitet mit dem Klassiker der Bahn schlechthin, der Salamitaktik: Die RS 2, Abfahrt 18.33 Uhr Gleis 7, kommt zu spät. Laut Durchsage erst zehn, dann 15, dann 20 Minuten. Das wäre dann 18.53 Uhr. Allerdings wurde für 18.54 Uhr auf demselben Gleis der verspätete IC nach Frankfurt angekündigt.

Die Lösung dieses Problems erfolgte in Form einer kleinen sportlichen Übung für einen ganzen Bahnsteig voller Pendler. Um 18.50 Uhr kam die Durchsage, dass die RS 2 von Gleis 3 fuhr – in drei Minuten, um 18.53 Uhr. Also im Sprint die Treppe von Gleis 7 runter und zum Gleis 3 wieder hoch. Aber gemach – auf Gleis 3 stand ja noch der Regionalexpress nach Norddeich Mole, Abfahrt um 18.53 Uhr. Erst als der weg war, kam mit inzwischen 25-minütiger Verspätung die Nordwestbahn. Als Zugabe dann noch eine weitere Viertelstunde Warten im Bahnhof, dann ging es los. Aber nur bis Hemelingen. Dort stoppte der Zug weitere zehn Minuten. „Es staut sich jetzt alles, wir bitten um ein wenig Geduld“, sagte die Stimme im Lautsprecher.

Immerhin, zumindest gab es eine Durchsage. Eigentlich das einfachste Mittel, um aufgebrachte Bahnreisende wenigstens etwas zu beruhigen. Dennoch blieben Durchsagen das gesamte Jahr über eher die Ausnahme. Und wenn sie kamen, dann meist kurz und inhaltsleer. „Wegen Verspätung aus vorheriger Fahrt“, hieß es. Oder: „wegen technischer Probleme“. Gern genommen wurde auch „wegen Verzögerungen im Betriebsablauf“ – was in etwa so viel aussagt wie der Satz „Der Zug hat Verspätung, weil er zu spät kommt.“

Lesen Sie auch

Die Königsdisziplin der Bahn in der Kategorie Anzeigen/Durchsagen ist und bleibt allerdings die Rubrik „sinnlos und verwirrend“. Auf der Anzeigetafel an Gleis 7 wird die RS 2 angezeigt. Sie soll pünktlich kommen. Allerdings steht zum Zeitpunkt von deren geplanter Abfahrt um 18.33 auf dem Gleis noch unübersehbar ein Regionalexpress nach Hannover. Kein Hinweis, was los ist. Weder auf der Anzeigetafel noch per Durchsage. Doch dann plärrt der Lautsprecher plötzlich los, sogar zweimal in drei Minuten: „Gleis 7 steht RE 8 nach Hannover über Achim und Verden. Abfahrt ursprünglich 18.17.“

Wo ist der Zug?

Was eigentlich alle sehen. Was aber ist mit der RS 2? Um zwanzig vor acht fährt der Zug nach Hannover los. Und mit ihm verschwindet auf der Anzeigetafel kommentarlos der Hinweis auf die RS 2, die hier angeblich vor sieben Minuten pünktlich abfahren sollte. Stattdessen wird dort jetzt der IC nach Frankfurt, Abfahrt 18.44 Uhr, angekündigt. Und während auf dem Bahnsteig noch allgemeine Verwirrung herrscht – Fällt die RS 2 etwa aus? Oder fährt sie von einem anderen Gleis? – rollt in aller Seelenruhe ein Zug auf Gleis 7 ein. Nicht der IC nach Frankfurt, sondern die RS 2 nach Twistringen, treue Seele die.

Und dann war da noch eine kleine Episode Mitte Oktober: Der Regionalexpress um 19.07 kommt zu spät. Allerdings nur drei Minuten. Geschenkt. Doch dann bleibt er im Bahnhof stehen. Nach guten fünf Minuten folgt die Erklärung per Durchsage: Man wartet auf Personal zum Wechseln. Das aber sitzt noch in einem anderen Zug und der hat deutlich mehr als drei Minuten Verspätung, am Ende wird es eine Viertelstunde. Witzige Idee, das eigene Personal ausgerechnet mit dem Zug anreisen zu lassen und dann zu glauben, dass es pünktlich zur Arbeit kommt.

Als das neue Personal dann endlich da ist, vergeht übrigens eine weitere knappe Viertelstunde, bis der Zug tatsächlich losfährt. Ohne erklärende Durchsage. Was irgendwie mindestens so nervig ist wie die Anzeigetafel auf dem Bahnsteig, die für diesen Zug weiterhin stoisch zehn Minuten Verspätung anzeigt, obwohl inzwischen mehr als eine halbe Stunde vergangen ist.

Grafik zur Pünktlichkeit der Bahn.

Grafik zur Pünktlichkeit der Bahn.

Foto: Weser-Kurier

Zugegeben, einmal kam fast so etwas wie Verständnis auf für die andauernden Verspätungen. An dem Morgen, als zwei radelnde Ehepaare auf den letzten Drücker mit ihren schwer bepackten Fahrrädern am Syker Bahnsteig ankamen. Eine der Frauen wuchtete ihr Rad in den Zug, blieb aber in der geöffneten Tür stehen. Dann schickte sie ihren Mann los, um die Karten für die Räder am Automaten auf dem Bahnsteig abzustempeln. „Ich halte so lange die Tür auf.“ Bis alle Räder und der stempelnde Gatte im Zug waren, vergingen zwar nur etwa drei Minuten. Doch hochgerechnet auf die sieben Stationen zwischen Twistringen und Bremen wären es auf diese Weise am Ende über 20 Minuten Verspätung. Ohne dass die Bahn etwas dafür könnte.

Vielzahl von Gründen für Verspätungen

Die Bahn selbst nennt als Ursache für die Verspätungen eine Vielzahl von Gründen, von extremen Witterungsverhältnissen und „Personen im Gleis“ über Störungen an Infrastruktur und Fahrzeugen bis hin zu Bauarbeiten am Schienennetz. Insgesamt gingen die Verspätungen zu etwa je einem Drittel auf die Eisenbahnverkehrsunternehmen mit ihren Zügen, die Infrastruktur sowie äußere Einwirkungen zurück, erklärt eine Sprecherin der Deutschen Bahn.

Zur Frage, warum gerade diese Strecke so deutlich von der offiziellen Statistik der DB-Regio mit ihren Pünktlichkeitswerten von mehr als 94 Prozent abweicht, ließ die Deutsche Bahn auf Anfrage des WESER-KURIER unbeantwortet. Stattdessen der Hinweis auf die große Zahl der Fahrten – im Nahverkehr deutschlandweit rund 780 000 im Monat – sowie die allgemeine Erklärung, dass Störungen auf einzelnen Strecken sich in dem engmaschig vertakteten System wie ein Dominoeffekt auf das gesamte Netz übertragen würden. In den Regionen arbeiteten allerdings schon seit Anfang 2017 Pünktlichkeitsmanager intensiv daran, „Schwachstellen zu analysieren und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten“, so eine Bahnsprecherin.

Manchmal ist ein Pünktlichkeitsmanager allerdings gar nicht nötig. Man braucht einfach nur etwas Glück. Am 10. Dezember hatten wegen eines Warnstreiks reihenweise Züge gehörige Verspätung. Wenn sie denn überhaupt fuhren. Und am Syker Bahnhof? Standen morgens plötzlich gleich zwei Nordwestbahnen Richtung Bremen. Nicht nur auf Gleis 1 die eigentlich vorgesehene, sondern auf Gleis 3 noch eine weitere, die eine Stunde lang bestreikt wurde. „Sie haben die freie Auswahl“, meinte grinsend ein freundlicher Mitarbeiter der Bahn auf Gleis 1. „Sie können auch rüber zum Kollegen auf Gleis 3.“ Lieber nicht. Drüben dürfte die Stimmung gerade etwas weniger entspannt sein. Schließlich sammelten die Fahrgäste dort gerade weitere 60 Minuten für ihre Verspätungsstatistik 2018.

Lesen Sie auch

Zeitsprung der Deutschen Bahn

Die Deutsche Bahn spricht in ihrer Statistik über verspätete Züge von der „Fünf-Minuten-Pünktlichkeit“. Tatsächlich gilt ein Zug aber erst ab der sechsten Minute als verspätet. Dies geht auf eine Zeit zurück, als die Bahnhofsuhren noch keine Sekundenzeiger hatten, erklärt das Unternehmen. Seinerzeit endete am Bahnsteig die fünfte Minute deshalb optisch erst mit einem „Zeitsprung“ auf die sechste Minute. Und so werde bis heute die Pünktlichkeit nach fünf Minuten und 59 Sekunden gemessen. Auf die Frage, seit wann auch die Bahn Uhren mit Sekundenzeiger einsetzt, muss die Pressestelle der Bahn passen. „Versuchen Sie es doch einmal beim DB Museum in Nürnberg.“ Doch dort weiß man es auch nicht so genau. Es gebe aber Hinweise darauf, dass die Umstellung auf Sekundenzeiger in den 1950er-Jahren stattfand.

Den Sprung in die Gegenwart macht die Deutsche Bahn dagegen mit ihrer Navigations-App. „Der Navigator informiert Sie nicht nur vor der Reise über Ihre Verbindung, sondern dank aktueller Pünktlichkeits-Informationen auch währenddessen“, heißt es hierzu in der Werbung. „So sind Sie immer rechtzeitig über Störungen, Verspätungen und Zugausfälle informiert.“ Und die Realität? Mittwoch, 12. Dezember: Der Zug soll um 9.33 Uhr abfahren. Ein Blick auf die App um 9.25 Uhr – der Zug ist pünktlich. Am Bahnhof wird um 9.30 Uhr eine Verspätung von zehn Minuten angezeigt.

Die App ignoriert das. Erst als der Zug zwölf Minuten zu spät in den Bahnhof einfährt, zeigt das die App an. Das Spiel funktioniert auch in die andere Richtung. Ein Freitagabend im November. Wieder einmal zu knapp aus dem Büro gekommen. 15 Minuten Fußweg bis zum Bahnhof, der Zug fährt in zehn, das wird eng. Aber zum Glück soll der Zug neun Minuten zu spät kommen. Sagt zumindest die App fünf Minuten vor der regulären Abfahrt. Hat dann leider aber nicht gestimmt, der Zug ist pünktlich abgefahren. Also eine halbe Stunde Wartezeit. Es werden 38 Minuten, denn dieser Zug hat Verspätung. Die App sagt, dass er pünktlich ist.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+