Bremen-Schwachhausen Engagiert für den Elefanten

Seit zehn Jahren setzt sich der gleichnamige Verein gegen das Vergessen der Deutschen Kolonialgeschichte ein.
11.06.2018, 19:19
Lesedauer: 3 Min
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Von Elisabeth Nöfer

Ein zehnjähriges Bestehen – für viele Vereine ist das ein Grund zum Feiern. Beim „Elefant e. V.“ gibt es keine Jubiläumsfeier – erst dann, wenn man etwas erreicht habe, sagt der Vereinsvorsitzende Ralph Saxe. Auch ohne Feier lohnt es sich aber, einen Blick darauf zu werfen, was in den zehn Jahren erreicht wurde, die der Verein nun besteht. Seit der Gründung geht es darum, das Denkmal zu erhalten, das auf Bremens unrühmliche Kolonialgeschichte verweist. Um das öffentliche Bewusstsein an dessen dunkle Vergangenheit wachzuhalten, sagt Ralph Saxe, der neben Michael Weisser eines der Gründungsmitglieder ist.

Und der Elefant kam vor 87 Jahren an den Platz zwischen Parkstraße und Gustav-Deetjen-Straße, damals als „Reichkolonialdenkmal“ aus dunkelrotem Backstein. Es sollte an die deutschen Soldaten erinnern, die in den Kolonien, während des Ersten Weltkrieges gefallenen waren.

Denn die deutschen Besatzer verursachten in Namibia, dem damaligen „Deutsch-Südwestafrika“, den Tod von rund 80 000 Afrikanerinnen und Afrikanern. Durch einen betrügerischen Vertrag hatte sich der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz das Land angeeignet. Zwischen 1904 und 1908 kam es zum Aufstand der Völker der Nama und Herero. Nachdem die Herero am Waterberg geschlagen wurden, trieben die Deutschen sie in die Wüste und riegelten die Wasserversorgung ab, wo die Menschen mit Kind und Vieh verdursteten.

Gegen das Vergessen

Mit dem Zweck, die Gräueltaten der deutschen Kolonialisten in Afrika und im Pazifik nicht länger zu verherrlichen, wurde das Monument 1988 zum Anti-Kolonialdenkmal umgewidmet, während der Anti-Apartheid-Bewegung auf Initiative der IG-Metall-Jugend.

Vor zehn Jahren sei der Elefant in einem schlechten Zustand gewesen, berichtet Gründungsmitglied Ralph Saxe. Feuchtigkeit hatte dem Bauwerk über die Jahre zugesetzt. Im Inneren habe das Umweltamt Rasenmäher verwahrt. Erste Mission des Vereins: Das Monument unter Denkmalschutz stellen lassen. Es gelang, „mit viel Überzeugungsarbeit“ sagt Saxe. Vor neun Jahren dann wurde mit Unterstützung des Vereins das Nama- und Herero-Denkmal auf der Grünfläche vor dem Elefanten errichtet, mit Steinen aus der namibischen Wüste. Noch ist es das einzige Denkmal in Deutschland, das an den Völkermord erinnert.

Damit sei der Verein Vorreiter einer „De-Kolonialisierung“, sagt Saxe. Die Bundesregierung habe bis heute keine Entschädigung gezahlt, erst 2016 sei der Völkermord in einem offiziellen Dokument anerkannt worden. Inzwischen gebe es einen Zulauf an neuen Mitgliedern, sagt die zweite Vereinsvorsitzende Gudrun Eickelberg. „Dabei war es am Anfang mühsam, da uns niemand zuhören wollte. Das hat viele frustriert“, so die 62-Jährige. Von den 22 Gründungsmitgliedern seien einige ausgestiegen. Heute hätten sich, auch durch das „Erinnerungskonzept“, mehr engagierte Gruppen gebildet. Aktuell seien es in etwa wieder so viele aktive Mitglieder wie zu den Anfängen des Vereins.

Beliebte Bühne für Kultur

Die fünf Meter hohe Krypta im Elefanten ist inzwischen zu einem beliebten Veranstaltungsort für experimentelle elektronische Musik avanciert, berichtet Eickelberg. Sie freue sich, jungen Künstlern kostenlos einen Raum anbieten zu können. „Jetzt muss ich Leuten absagen, weil wir so viele Angebote bekommen“, sagt sie, die selber freischaffende Künstlerin ist. Sie suche die Anfragen aus, denn „die Veranstaltungen müssen zur Würde des Denkmals passen“. Der Elefant ist mittlerweile auch international bekannt, das Interesse an Führungen und Vorträgen ist groß. Neulich habe sie eine Gruppe internationaler Studierender durch die Krypta geführt, berichtet Eickelberg. „Die hatten zum Thema Kolonialisation überhaupt keine Vorbildung, die waren vollkommen erschüttert.“ Immer häufiger werde sie gebeten ehrenamtlich über den Kolonialismus vorzutragen. Sie sieht besonders an den Schulen Nachholbedarf, im Geschichtsunterricht sei die Kolonialzeit noch unterrepräsentiert, sagt Eickelberg.

Am Tag des Jubiläums ist Ralph Saxe zum Elefanten gegangen und hat davor die Scherben entfernt, „als kleine symbolische Aktion für mich selber“. Die Grünfläche sei eben ein Ort, wo Menschen feiern. „Das finden wir auch nicht schlimm“. Nur weniger Müll wären schön, denn die beseitigten die Aktiven. „Damit das Denkmal von außen in einem angemessenen Zustand ist“, sagt Saxe.

Seit drei Jahren ist nun durch die finanzielle Unterstützung der Stadt Bremen und Hilfe des Landesdenkmalschutzes die Sanierung im Gange. Der Verein will das Thema Kolonialisierung weiter deutlicher im Bewusstsein der bremischen und deutschen Öffentlichkeit verankern. Am Ziel sei man da noch nicht. Ein nächstes Projekt ist in Arbeit: Man will sich um die Umbenennung von Straßennamen bemühen, zum Beispiel die Lüderitzstraße, die nur zwei Kilometer vom Antikolonialdenkmal entfernt ist.

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