Zukunft der Galopprennbahn in Bremen

Experte empfiehlt Bau von 1500 Wohnungen

Fachleute stellten Konzepte für das Rennbahngelände in Bremen-Hemelingen vor. Sie plädieren für eine enge Bebauung und lehnen einen Gesamtverkauf der Grundstücksflächen ab.
15.02.2018, 13:50
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Hasemann

Bisher gilt in Bremen bei Grundstücksverkäufen das Prinzip des Höchstgebots. Allerdings: Dieses System, das auf den ersten Blick Sinn macht, um möglichst viel Geld in die öffentlichen Kassen zu spülen, ist endlich. In absehbarer Zeit sind alle verfügbaren Flächen verkauft, und die Stadt hat keinen direkten Zugriff mehr darauf, um zum Beispiel Kitas oder Schulen zu bauen. Der Regionalausschuss Galopprennbahn der Beiräte Vahr und Hemelingen hatte deshalb Experten eingeladen, die Alternativen für das Rennbahngelände vorstellten.

Genossenschaften, Baugemeinschaften und Erbpacht – diese Modelle sind in Bremen noch nicht verbreitet, aber das Interesse daran scheint auch in der Verwaltung und Politik vorhanden zu sein. Im Publikum war neben Stadtplaner Ronald Risch und Dirk Kühling, Abteilungsleiter Wirtschaft beim Senator für Wirtschaft und Häfen, auch die Linken-Politikerin Claudia Bernhard.

Vielfalt statt Einheit

Besonderes Augenmerk legten die Experten auf das System Erbpacht. „Es gibt keinen sofortigen Gewinn, aber langfristige Einnahmemöglichkeiten, die an die allgemeine Mietpreisentwicklung angepasst werden können“, sagte der Sozialexperte Karl Bronke. Bei einer Erbpacht – eigentlich Erbbaurecht – verkauft der Eigentümer das Grundstück nicht, sondern verpachtet es für einen festgelegten Zeitraum an einen Nutzer und bekommt dafür einen sogenannten Erbzins. Vereinfacht gesagt: Der Eigentümer vermietet Grundstücke an Bauherren. Die Laufzeiten werden dabei vertraglich festgelegt und betragen üblicherweise zwischen 50 und 100 Jahren. „Man kann Grundstücke nicht nur nach Höchstgebot vergeben, sondern anhand eines Konzepts“, erklärt Karl Bronke. Zuschlag bekommt also nicht derjenige, der mit den meisten Scheinen wedelt, sondern derjenige, der das beste Konzept vorlegt. „Mein Plädoyer ist: Vielfalt statt Einfalt!“

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Für den Berliner Sozialwissenschaftler Andrej Holm bietet die Rennbahn ein großes Potenzial. „Es ist eine Riesenchance für ein integratives, ökologisches Quartier, weil es der Stadt gehört.“ Er empfiehlt, einen Grundstücksbeirat nach Wiener Vorbild zu gründen. „Das geht weit über ein formales Beteiligungsverfahren hinaus.“ Für ihn stellt das Erbbaurecht nicht nur ein Mittel zur Verfügung, Grundstücke in städtischem Besitz zu behalten, sondern auch dauerhaft günstigen Wohnraum bereit zu stellen. Ein weiterer Vorteil aus seiner Sicht: „Im Erbbaurecht kann ich im Zweckparagrafen Ziele festlegen, die detaillierter sind, als es ein Bebauungsplan hergibt.“ Für ihn bietet eine verdichtete Bauweise – die von den meisten Mitgliedern des Regionalausschuss abgelehnt wird – Chancen. „Mir ist aufgefallen: Bremen braucht Wohnungen, aber man will auf keinen Fall eine verdichtete Bauweise. Ich halte Einfamilienhäuser aber für keine gute Lösung.“

Empfehlungen: Anzahl der Wohneinheiten erhöhen

Ein Beispiel für Erbbaurecht in Bremen ist der Neue Ellener Hof im Ellener Feld. Dort vergibt die Bremer Heimstiftung Grundstücke genau nach diesem Prinzip. Jeder Nutzer bekommt ein Gestaltungshandbuch für sein Gebäude mit bestimmten Vorgaben. „Ökologie ist ein großer Schwerpunkt“, erklärte Edo Lübbing von der Bremer Heimstiftung. Umgesetzt werden die Neubauten auf dem Ellener Hof nach einem höheren als gesetzlich vorgeschriebenen Energiestandard. „Wir setzen auf ökologische Baustoffe und da setzt sich Holz durch.“ Bremen hinke in der Hinsicht anderen Städten hinterher. Auch Edo Lübbing sieht in einer verdichteten Bauweise mehr Chancen als Risiken: „Welches sind die attraktiven Stadtteile? Ostertor, Steintor, seit ein paar Jahren die Neustadt. Extrem dichte Stadtteile. Da gehen die Leute hin, da ist die Kaufkraft vorhanden, um Geschäfte, Kneipen und Läden am Leben zu halten.“ Eine Reihe Einfamilienhäuser könne maximal den Bäcker an der Ecke am Leben halten. Er empfehle für die Rennbahn 1500 Wohneinheiten statt der bisher häufig genannten Obergrenze von 1000 Wohnungen, um ein städtisches Leben überhaupt erst möglich zu machen. „Ich glaube, es gibt ein erhebliches Potenzial an Menschen, die nicht in einem Reihenhaus wohnen wollen, sondern in einem sozialen Kontext.“ Urbane Qualität gehe nur über Dichte. „Sonst hat man langweilige Quartiere, wie man sie überall hat. Wenn ich Lebensqualität will, brauche ich eine gewisse Dichte und keine Garagen.“

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Die Meinungen im Ausschuss gingen allerdings in eine andere Richtung. Ulrich Maas (SPD), Beiratsmitglied Vahr: „Ich glaube nicht, dass auf der Rennbahn ein hochverdichtetes Mittelschichtsquartier entstehen kann.“ Eine eher lockere Wohnbebauung mit viel Grün würde eher passen. Karin Kauert von der Bürgerinitiative Rennbahn findet: „Bei den Vorträgen war einiges dabei, was mir gefallen hat, zum Beispiel, dass die Stadt die Verfügungsgewalt behalten sollte, aber das sieht im Moment anders aus.“ Sie spielte darauf an, dass die Stadt den Pachtvertrag mit dem Golfverein für vier Millionen Euro auflösen musste. „Das muss ja wieder reingeholt werden.“ Für Oliver Saake (Grüne) muss nun erst mal eine Idee für das Gelände entstehen. „Wir müssen den ersten Schritt gehen: Was wollen wir eigentlich auf dem Gelände? Wenn wir diesen Punkt haben, müssen wir dafür die passenden Instrumente aussuchen.“

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