Fahrradmodellquartier Bremen

Fahrrad-Repair-Café nimmt Gestalt an

Es soll das Herzstück des Fahrradmodellquartiers in der Alten Neustadt werden: Derzeit entsteht ein klimaneutrales Haus als Fahrradwerkstatt und Café vor der Hochschule Bremen an der Langemarckstraße.
28.07.2019, 23:01
Lesedauer: 5 Min
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Von Karin Mörtel

Es ist ein Gemeinschaftswerk mit Vorbildfunktion, dieses ungewöhnliche Holzhaus, das derzeit vor der Hochschule Bremen an der Langemarckstraße entsteht. Das künftige Fahrrad-Repair-Café gilt auch schon vor seiner Eröffnung als das Herzstück des neuen Fahrradmodellquartiers in der Alten Neustadt. Bis Ende September muss es fertig sein.

An dem Projekt der School of Architecture an der Hochschule Bremen haben über zehn Fachbereiche von Architektur über Bau, ­Statik, integrale Planung bis hin zur Umwelttechnik zusammengearbeitet, um die Gestalt und das technische Innenleben des klimaneutralen Bauwerks zu perfektionieren. Auch ­Studierende waren mit Bachelor-Arbeiten und Ideenwettbewerben an der Konzeption beteiligt.

Zusätzlich waren die Landesdenkmalpfleger eingebunden sowie das Gestaltungsgremium der Stadt. Herausgekommen ist „in absoluter Teamarbeit der Kristallisationspunkt für das Fahrradmodellquartier, der offen steht für den Stadtteil“, sagt die Dekanin der Hochschulfakultät für Architektur, Bau und Umwelt, Ulrike Mansfeld.

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Das Konzept bietet weit mehr als eine Werkstatt für Radler, die ihr Fahrrad selber reparieren oder es reparieren lassen wollen: Hinzu kommen ein Cafébetrieb mit ökologisch angebauten und fair gehandelten Angeboten und ein offener Raum für Veranstaltungen und Workshops zu Klimaschutzthemen.

Für die Studierenden der Hochschule Bremen ist aber auch das Gebäude selbst besonders interessant: Denn es ist ein hochmoderner, nachhaltiger Bau, an dem sie viel darüber lernen können, wie Häuser in Zukunft besonders energiesparend gebaut und genutzt werden können. „Ein Reallabor für unsere Studierenden“, nennt es Mansfeld.

Energieeffizienz soll weiter optimiert werden

Die angehenden Maschinenbauer müssen also künftig nicht mehr weite Strecken fahren, um die Praxis ihres künftigen Berufes kennenzulernen. Sie können schon bald direkt vom Hörsaal nebenan in das hochschuleigene „Zentrum für energieeffiziente Technik und Architektur“ gehen und von dort aus die Steuerung der modernen Haustechnik des Fahrrad-Repair-Cafés beeinflussen. „Ziel ist es, angepasst an die Nutzung, Tageszeit und Wetterverhältnisse, die Energieeffizienz des Gebäudes weiter zu optimieren“, erklärt Mansfeld.

Rolf Strauß ist als Professor für regenerative Energie für das Energiekonzept des Hauses zuständig und hebt hervor, „dass die eingebaute Haustechnik Pilotcharakter haben wird.“ Wie sie funktioniert, ist unten erklärt.

Doch auch in allen anderen Bereichen wird das Ziel der bestmöglichen Nachhaltigkeit ernst genommen: Die Dämmung kommt ohne das übliche Styropor auf Erdölbasis aus, sondern es wurde ressourcenschonendes Schaumglas verwendet, das aus aufgeschäumtem Altglas hergestellt wurde.“Übrigens ist das ganze Gebäude recyclebar, alle Teile lassen sich wiederverwerten, selbst das Stahlskelett, das man problemlos wieder abmontieren kann“, betont Mansfeld.

In dem Gebäude soll zudem Regenwasser genutzt werden, und das spezielle Gründach kann besonders viel Regenwasser speichern und später langsam wieder abgeben. Eine Regenrinne müssen die Handwerker daher nicht montieren.

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Knapp zehn Wochen Zeit haben die Tischler, Elektriker und Sanitärfachleute noch, das Gebäude und die Außenanlagen fertigzustellen. Dann endet die Frist für die Bundesfördermittel des Umweltministeriums, mit denen der Bau maßgeblich finanziert wird. Auch die Hochschule hat Geld dazugegeben. Die Zeit drängt also und es gibt noch viel zu tun: Es fehlen noch weitere Glaselemente und Türen in der transparent gestalteten Fassade, das Gründach muss noch aufgebaut werden, die Außenterrasse errichtet sowie die komplette Haustechnik eingebaut werden.

Zusätzlich kommen noch ein Fußboden und die Möbel wie Tresen, Werkstatt, Küche, Fahrradbügel, E-Bike-Ladestation und barrierefreie Toilette in und an das etwa 130 Quadratmeter große Haus. „Das ist ambitioniert, doch wir bekommen das hin, die Eröffnung ist dann für Anfang Oktober geplant“, kündigt Ulrike Mansfeld an. Mithilfe der Bundesfördermittel hat die Hochschule auch eigens Architekt Justus Dietz eingestellt, der sich ausschließlich um den Bau des Gebäudes kümmert.

Café und Werkstatt gehen ineinander über

Er hat auch die Urheberrechte an dem heutigen Entwurf. Das weit ausladende Dach wirkt zusammen mit der Glasfassade sehr luftig, aber trotzdem robust. Im Inneren gibt es einen Holzkern, der die spätere Küche, Toilette und Haustechnik auf kleinstem Raum beherbergen wird. Rundherum steht keine Wand, sodass Café und Werkstatt ineinander übergehen werden.

Ursprünglich sah die Gestalt des Fahrrad-Repair-Cafés noch etwas anders aus: Die Studierenden Johannes Eckhardt von der School of Architecture und Katharina Dacrées von der Hochschule für Künste hatten sich bereits im Jahr 2017 im Zuge eines Ideenwettbewerbs zur „mobilen Stadt“ Gedanken zum Standort und späteren Aussehen eines solchen Treffpunkts gemacht – und haben mit ihrem Entwurf gewonnen. Ein erster Anknüpfungspunkt für die spätere Planung war geschaffen.

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Noch ist kein Name für den neuen Treffpunkt gefunden. Im Gespräch war bislang „Café Musette“, benannt nach der Tasche, in der Profi-Radfahrer ihre Verpflegung oder Werkzeug für Touren und Rennen verstauen. Aber auch der Vorschlag „Café Kollmann“ steht auf der langen Liste mit Namensvorschlägen, „weil unsere wissenschaftliche Mitarbeiterin Steffi Kollmann die Ideengeberin für das Fahrradmodellquartier ist und sie sehr viel Energie in das Projekt steckt“, erklärt Mansfeld.

Gastronomie erst nach Eröffnung

Für die Gastronomie und den Werkstattbetrieb werden noch ein Betreiber und Pächter gesucht. Die Ausschreibung dazu wird es allerdings erst nach der Eröffnung geben, „weil wir zur Zeit ausschließlich mit der Fertigstellung beschäftigt sind.“

Aus Ulrike Mansfelds Sicht ist das Café mit Werkstatt ideal dafür geeignet, die Hochschule noch stärker sichtbar zum Stadtteil hin zu öffnen. Dieses Anliegen verfolgt die Hochschulleitung ohnehin seit einigen Jahren.

„Es ist ein Treffpunkt, in dem wir für unsere Studierenden und den Stadtteil in unserer digital vernetzten Welt reale Erlebnisse und Begegnungen ermöglichen können“, formuliert es die Architekturprofessorin. Und natürlich ein geeigneter Ort, um sich inmitten von nachhaltiger Technik und Baustoffen Gedanken zum Klimaschutz zu machen.

Info

Zur Sache

So funktioniert
die klimaneutrale Haustechnik

Beim Fahrrad-Repair-Café ist das Ziel, möglichst ausschließlich regenerative Energien in einem sehr gut gedämmten Gebäude einzusetzen. Dabei kommen sowohl ein Pelletofen (hauptsächlich im Winter) und eine Wärmepumpe zum Einsatz. Das Besondere daran: Der für die Wärmepumpe benötigte Ökostrom wird aus dem Netz gezogen, aber nur, wenn ein Überangebot da ist. Gleichzeitig kann Strom in einer Batterie gespeichert und zu Zeiten verwendet werden, wenn kein überschüssiger Strom verfügbar ist. Wenn auch die Batterie leer ist, springt der Pelletofen mit nachhaltiger Wärme ein.

Auf diesem Weg können die beiden erneuerbaren Energiequellen Holz und regenerativ erzeugter Strom optimal genutzt werden, „und wir haben die sauberste Energiebilanz“, sagt Rolf Strauß, Professor für regenerative Energien an der School of Architecture. Ein System, das seiner Meinung nach in den kommenden Jahren Schule machen wird.

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