Farbanschlag auf St.-Martini-Kirche

„Wir empfinden das als Bedrohung“

Für die Bremer St.-Martini-Gemeinde ist der nächtliche Farbanschlag auf ihre Kirche nicht einfach nur eine weitere Sachbeschädigung. Sie fühlt sich ernsthaft bedroht. Grund dafür ist auch ein Bekennerschreiben.
09.03.2021, 21:25
Lesedauer: 4 Min
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„Wir empfinden das als Bedrohung“
Von Ralf Michel

Jürgen Fischer spricht von einer „völlig neuen Qualität“. Schmierereien und Schriftzüge an der St.-Martini-Kirche sowie andere Sachbeschädigungen auf dem Grundstück der Gemeinde sei man ja gewohnt. Aber einen Farbanschlag in der Dimension von Sonntagnacht habe es bislang noch nicht gegeben. Den Schaden zu beseitigen werde wohl einige Zehntausend Euro kosten, schätzt Fischer. Aber das sei nur ein Aspekt. „Wir empfinden das als Bedrohung“, sagt der Bauherr der Gemeinde mit Blick auf ein Bekennerschreiben zu dem Anschlag. „Solange Evangelikale das schöne Leben bedrohen, werden wir sie weiter offensiv angehen“, heißt es darin.

Die Gemeinde habe auch diesen Anschlag bei der Polizei angezeigt. Dass dies etwas bringt, glaubt Fischer nicht. Trotz der Überwachungskamera, die nach diversen Vorfällen installiert worden sei. „Wir sind da machtlos“, sagt Fischer und erinnert an einen Vorfall, der sich exakt vor einem Jahr, am 8. März 2020, ereignete. Damals bezog eine größere Gruppe Demonstranten vor einem Gottesdienst direkt an der Kirchentür Position. Die Besucher der Kirche hätten sich regelrecht an ihnen vorbeidrängen müssen, seien angeschrien, mit Kondomen beworfen und gefilmt worden, erzählt Fischer. Vor allem für die Kinder und die älteren Menschen der Gemeinde sei dies verstörend gewesen. Die daraufhin erfolgte Anzeige sei bis heute ohne Folgen geblieben. „Obwohl wir der Polizei Bilder der Störer übergeben haben.“

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Für Fischer wäre auch ein ganz anderer Weg denkbar. „Ich würde gerne mit den Leuten diskutieren. Mit ihnen darüber sprechen, dass ich sie nicht verstehe.“ Mit Ablehnung reagiert er auf eine Kleine Anfrage der Fraktion „Die Linke“ vom 2. März: „Wie breit sind evangelikale Strömungen in Bremen vertreten, wie radikal sind sie und welchen Einfluss haben sie?“ Hier nutze „eine Regierungsfraktion ein Instrument für den Beginn einer Kampagne gegen Evangelikale in Bremen“, ist Fischer überzeugt. Einen Zusammenhang zwischen Anfrage und Farbanschlag will er ausdrücklich nicht herstellen. „Aber die zeitliche Nähe fällt schon auf.“

In Reihen von Bremens Politik stößt die Farbattacke einhellig auf Kritik. „Gewalt, egal ob gegen Personen oder Sachen, ist kein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung oder der Durchsetzung von Zielen und Interessen“, verurteilt Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) den Anschlag. Bovenschulte ist auch Senator für Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften.

„Inakzeptabel“, sagt Kevin Lenkeit, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. „Wir können und wollen nicht dulden, dass der Glaube von Menschen angegriffen wird – egal in welcher Form.“ So sieht das auch Henrike Müller, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Sprecherin für Gleichstellungs- und Religionspolitik bei den Grünen: „Mit Farbbeuteln ein Gotteshaus zu attackieren ist zutiefst unanständig und inakzeptabel und gehört für mich nicht zum Repertoire der politischen Auseinandersetzung.“

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Als „völlig falsch“ bezeichnet Nelson Janßen, Fraktionschef der Linken, die neuerliche Attacke auf die St.-Martini-Gemeinde. Sachbeschädigung als Mittel der politischen Auseinandersetzung lehne seine Fraktion grundsätzlich ab. Um gegen Homophobie oder Volksverhetzung vorzugehen, seien politische und rechtliche Schritte das richtige Mittel. Dessen ungeachtet halte man an der Kritik zu den Positionen der Gemeinde und insbesondere an den Äußerungen von Pastor Olaf Latzel fest, sagt Janßen auf Rückfrage des WESER-KURIER. „Nur weil es auch falsche Formen des Protestes dagegen gibt, hebt das diese Kritik ja nicht auf.“

Er verstünde zwar den Unmut über die St.-Martini-Gemeinde, findet Claas Rohmeyer, Sprecher für Kirchen- und Religionsgemeinschaften der CDU-Fraktion. „Aber Unmut darf niemals durch Straftaten zum Ausdruck gebracht werden.“ In einer weltoffenen, vielfältigen und toleranten Stadt wie Bremen dürfe die solidarische Christengemeinschaft nicht angegriffen oder genötigt werden.

„Wie wütend, wie voller Hass müssen die Täter oder Täterinnen sein, um ohne Sinn und Verstand so ein architektonisches Bauwerk zu verschandeln?“, fragt die innenpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Birgit Bergmann. „Historische Gebäude beschmieren, Privateigentum zerstören, Kirchen angreifen, all diese antidemokratischen Gewaltaktionen treiben die gesellschaftliche Spaltung voran.“

Zu Wort meldete sich auch der Kirchenausschuss der Bremischen Evangelischen Kirche. Solche Attacken seien wie schon die früheren Anschläge inakzeptabel und in einer Demokratie kein legitimes Mittel der Meinungsäußerung, erklärte Pastor Bernd Kuschnerus, Schriftführer des Ausschusses. „Keine Form der Gewalt, sei sie verbal oder eine Tätlichkeit, sei sie an Kirchen, Moscheen und Synagogen, trägt zum friedlichen Miteinander bei.“

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Zur Sache

Bekennerschreiben wohl authentisch

Die Polizei nimmt das Bekennerschreiben zu der Farbattacke auf die St.-Martini-Gemeinde ernst. „Es spricht viel dafür, dass das Schreiben authentisch ist“, erklärte am Dienstag Polizeisprecher Nils Matthiesen. Unbekannte Täter hatten in der Nacht zu Sonntag Kirche und Gemeindehaus in der Altstadt großflächig mit Farbe beschmiert. Bilder einer Überwachungskamera zeigen, wie vier maskierte Personen um 2.30 Uhr mit Feuerlöschern die Kirche bespritzen. Gegenüber Radio Bremen hat sich eine Gruppe zu dem Anschlag bekannt, die nach eigenem Bekunden der Flinta-Szene (Frauen, Lesben, Inter, Non-binäre, Transgender und Agender) nahe steht. Der Staatsschutz der Polizei prüfe auch, ob es Verbindungen zu früheren Aktionen gegen St. Martini gibt, erläuterte Matthiesen. Zudem wurden am Wochenende im Viertel fast 20 Autos und Hausmauern mit Farbe besprüht. Auch hier prüft die Polizei mögliche Zusammenhänge.

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