Einmal München und zurück Fliegen in Zeiten von Corona

Corona werde das Fliegen, so wie wir es bisher kannten, verändern, sagen Experten. Der Weser-Kurier hat den Test gemacht: einmal nach München, übernachten und wieder zurück.
07.06.2020, 06:00
Lesedauer: 9 Min
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Fliegen in Zeiten von Corona
Von Marc Hagedorn

Das junge Paar fällt auf. Höchstens 18 sind sie und er und damit deutlich jünger als die ganzen anderen Menschen, die an diesem Morgen an Gate A01 des Bremer Flughafens auf den Flieger warten, der sie nach München bringen soll. „Ich habe ihm die Reise zum 18. Geburtstag geschenkt“, sagt das Mädchen, das sich als Anna Ponczeck vorstellt. Gemeinsam mit ihrem Freund Jan Krüger hat sie in diesem Jahr das Abitur gemacht, und weil Schulentlassung und Abi-Feier wegen Corona mehr oder weniger ausfallen, wollen sie sich jetzt wenigstens irgendetwas Besonderes gönnen. Corona werde das Fliegen, so wie wir es kennen, für immer verändern, sagen Experten. Der WESER-KURIER ist an diesem Vormittag mitgeflogen, einmal München und zurück, um zu sehen, wie das so ist: Fliegen in Zeiten von Corona.

Zunächst einmal ist der Flug nach München teuer. Kurz vor Pfingsten gebucht, kostet er 421 Euro, hin am Dienstag, zurück am Mittwoch, Economy-Class, eine Person. Über die künftige Preisentwicklung beim Fliegen streiten Kenner noch. Als gesichert gilt dagegen die Annahme, dass die Fluggäste in Zukunft noch mehr Geduld und Disziplin als früher aufbringen müssen. Von den größten Veränderungen seit 9/11 in der Luftfahrt ist die Rede.

Nur ein Flugzeug startet

Die ersten Eindrücke vom Bremer Flughafen sagen: Noch ist alles ziemlich entspannt, was vermutlich daran liegt, dass das Fliegen erst wieder ganz am Anfang steht. An diesem Vormittag hebt nur eine einzige Maschine aus Bremen ab. Lufthansa-Flug 2191 nach München. Im Laufe des Tages sollen weitere Maschinen dazu kommen, unter anderem nach Stuttgart und Wien. Das ist aus Sicht der Flughafenbetreiber ein Fortschritt, aber immer noch nur ein Bruchteil des Verkehrs, der hier sonst auf dem Neuenlander Feld herrscht.

"Gespenstisch“ nennt Marion Rieken die Atmosphäre am Bremer Flughafen. Die IT-Expertin ist viel rumgekommen in der Welt. Seit ein paar Jahren tritt sie nun kürzer und fand es deshalb auch gar nicht so schlecht, dass zuletzt vieles per Videokonferenz von zu Hause aus geregelt worden ist. Jetzt aber hat sie Termine wahrzunehmen, die ihre Anwesenheit in München erfordern. „Ich fliege, weil es sein muss“, sagt sie. Ihre Einschätzung zum Reisen während Corona: „Jetzt fliegen die, die sowieso immer fliegen.“

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Die allermeisten Passagiere an diesem Tag sind wie Rieken Geschäftsreisende, es sind vor allem Männer um die 40 mit Laptop, Smartphone, Kopfhörer und Rollkoffer. Als die ersten von ihnen gegen 8.30 Uhr, gut zwei Stunden vor Abflug, das Gebäude betreten, ist kaum ein Mensch zu sehen. Die Parkhäuser – so gut wie leer. Terminal 2 – geschlossen. In Terminal 1 markiert rot-weiß-gestreiftes Flatterband die Orte, an die man sich begeben darf und die Plätze, die tabu sind. Jeder zweite Sitz in der Eingangshalle ist abgesperrt. Die Cafés und Bistros haben noch zu, einige werden gar nicht öffnen, andere nur für ein paar Stunden.

Auch die Tresen der Reiseveranstalter und der meisten Autovermieter bleiben verwaist, manche bis zum 30. Juni, wie es Aufsteller auf den Theken ankündigen. Im Fenster des Zeitschriftenladens klebt ein Zettel: „Wir sind in Kürze wieder für Sie da.“ Wenn Experten davon reden, dass das Fliegen nach Corona nicht mehr so sein wird wie vorher, bedeutet das für die Fluggäste zurzeit auch, dass sie sich mit Erfrischungen und Lesestoff von zu Hause versorgen müssen oder sich mit den Snacks und Getränken aus den aufgestellten Automaten am Flughafen zufrieden geben.

Nur ein Terminal geöffnet

In München wird das nachher nicht anders sein. Auch dort ist nur ein Terminal geöffnet, fast alle Geschäfte haben zu. In die S-Bahn-Linie 8, die direkt vom Flughafen in die Münchner Innenstadt führt, steigt am Dienstag um 12.15 Uhr exakt ein Fluggast aus der Bremer Maschine ein. Wenn man es nicht besser wüsste, müsste man annehmen, sich in einer Geisterstadt zu bewegen.

Die zweite Auffälligkeit beim Betreten des Bremer Flughafens: Niemand ist ohne Mundschutz unterwegs. Die freundlichen Damen der Fluggesellschaften, die den Check-In abwickeln; die Security-Mitarbeiter, die nach dem Rechten schauen; oder die Putzfrauen, die ihre Wagen durch die leeren Gänge schieben – Mund-Nasen-Schutz ist für sie alle Pflicht. „Ich finde das gut“, sagt die frühere Vielfliegerin Rieken, „ich fand das schon vorher gut, als ja vor allem die Asiaten damit unterwegs waren. Der Mundschutz gibt ein gutes Gefühl.“

Allerdings ist es nicht durchweg angenehm, als Fluggast den Mundschutz ohne Unterbrechung zu tragen. Wer zwei Stunden vor Abflug das Flughafengebäude in Bremen betritt und in München in der Innenstadt sein Hotel hat, der wird die Maske am Ende fast fünf Stunden ohne größere Unterbrechungen getragen haben, denn auch bei der Gepäckkontrolle, beim Boarding, während des Fluges, bei der Ankunft am Zielflughafen und bei der anschließenden Fahrt mit der S-Bahn in die City ist der Mundschutz Pflicht. Wohl dem, der Ersatz dabei hat. Für alle anderen wird es mit der Zeit eine ziemlich feuchte Angelegenheit rund um die Mundpartie.

Dabei dürfte die Mundschutz-Pflicht nur der Anfang der künftigen Neuerungen sein. Die verrücktesten Ideen sind gerade in der Diskussion. Im Moment ist das meiste davon, zumal auf innerdeutschen Flügen wie von Bremen nach München, noch Zukunftsmusik. Zurzeit kommen hier vor allem die Regeln zur Anwendung, an die man sich fast schon gewöhnt hat. Neben dem Mund-Nasen-Schutz ist das: Abstand halten, mindestens 1,50 Meter, besser noch zwei Meter; kein Händeschütteln; Niesen und Husten in die Armbeuge; Hände waschen und desinfizieren, dort wo die Spender stehen und dazu auffordern. Tatsächlich wird Körperkontakt vermieden, wo es nur geht. Die Mitarbeiter der Fluggesellschaften sitzen hinter Plexiglas. Der Körperscanner erspart das Abtasten.

Zonen-Boarding

Auch beim Einsteigen und im Flieger selbst sind die Situationen, in denen Personal und Passagiere sich berühren könnten, minimiert. Die 46 Fluggäste nach München werden an diesem Morgen in drei Gruppen aufgeteilt, sogar fünf Gruppen sind es am nächsten Tag beim Rückflug aus München. Zonen-Boarding nennt die Lufthansa das. Pro Passagier ist nur ein Stück Handgepäck erlaubt. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass sich die Gäste im Flieger drängeln, weil sie ihre Taschen in die engen Gepäckfächer stopfen.

In den Fliegern der Lufthansa ist das Papier weitestgehend abgeschafft, das heißt, es gibt nur noch die Sicherheitskarten, aber sonst keine Zeitungen, Zeitschriften und auch kein Bordmagazin mehr, um Schmierinfektionen zu vermeiden. Das Anreichen von Erfrischungstüchern fällt ebenso weg wie der Bordverkauf und der Getränkeservice.

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Entsprechend seltener als sonst schreiten die Flugbegleiterinnen, auch sie tragen Mund-Nasen-Schutz, an diesem Morgen den Gang auf und ab. Bei ihrer ersten Runde verteilen die Damen Halbliterflaschen mit Mineralwasser in der Economy-Class. Nach Tee, Kaffee und anderen Erfrischungsgetränken werden diesmal nur die Gäste in der Business-Class gefragt. Für die Stewardessen scheint das Fliegen im Moment ein wenig entspannter zu sein, eine von ihnen findet sogar die Muße, um für einen Moment in einer leeren Reihe der Business-Class Platz zu nehmen und für ein paar Augenblicke verträumt aus dem Kabinenfenster zu schauen.

IT-Expertin Marion Rieken geht davon aus, dass Geschäftsreisen in Zukunft weniger werden. „Corona hat alle Unternehmen getroffen“, sagt sie, „und da Reisekosten einen nicht unerheblichen Posten ausmachen, wird vieles auf den Prüfstand kommen.“ Gute Nachrichten also für alle, denen rund 23 Millionen Passagiere jedes Jahr auf innerdeutschen Flügen zu viel sind? Abwarten.

Die Hotels haben viele Kapazitäten frei, und sie locken die Gäste mit attraktiven Preisen. Für nur 70 statt 130 Euro die Nacht gibt es zum Beispiel ein Zimmer im Super 8-Hotel Munich City West. Im Unterschied zum Flughafen draußen vor der Stadt herrscht in der City pralles Leben. Die Fußgängerzone zwischen Marienplatz und Stachus ist voll. Vor den Geschäften stehen die Menschen Schlange, teilweise 50 Meter lang, und warten auf Einlass. Darunter nur wenige Touristen, sonst posieren deutlich mehr Menschen für Selfies am Springbrunnen, vor dem Rathaus oder der Mariensäule.

Kaum Besucher im Super-8-Hotel München

Viele Touristen darf auch das Super-8-Hotel im Münchner Westen bisher noch nicht begrüßen, es sind vor allem Geschäftsreisende, die hier nächtigen. "Die Gäste sind noch sehr zurückhaltend", sagt Marie-Luise Kraft, die Managerin des Hauses. Auch in der Hotellerie diktiert das Virus die Umgangsformen. Um die Rezeption herum ist eine Plexiglasscheibe montiert, in einem Wasserglas stehen Kugelschreiber zum Ausfüllen der Anmeldung, versehen mit dem Hinweis DESINFIZIERT. Mund-Nasen-Schutz ist auch im Hotel außerhalb des eigenen Zimmers verpflichtend, den Fahrstuhl nutzt man am besten einzeln. Das Frühstück ist aus „Hygiene-Gesichtspunkten komplett überarbeitet“, wie es heißt. Bedeutet konkret: Statt Buffet gibt es ein Lunch-Paket. Inhalt: ein eingeschweißtes Sandwich mit Schinken, ein Apfel, ein gekochtes Ei, ein Schokoriegel und ein Joghurt, dazu Mineralwasser im 0,5-Liter-Tetrapack.

Die Fluggesellschaften tun längst wieder alles dafür, Fliegen als sichere und attraktive Art der Fortbewegung zu preisen. „Grundsätzlich ist das Risiko, sich während einer Flugreise mit dem Virus anzustecken, extrem gering“, sagt Lufthansa-Sprecherin Lara Matuschek. Anders als Busse und Bahnen sind Lufthansa-Flugzeuge mit sensiblen Filtern ausgestattet, die die Kabinenluft reinigen. „Die gesamte Rezirkulationsluft wird von Verunreinigungen wie Staub, Bakterien und Viren aus der Kabinenluft gesäubert“, erklärt Matuschek, „dies betrifft zirka 40 Prozent – der Rest kommt als Frischluft von außen hinzu. Der Abscheidegrad dieser Filter entspricht dem Standard der Filter eines klinischen Operationssaals.“

Auf dem Lufthansa-Flug 2191 nach München ist mehr als die Hälfte der Plätze in der kleinen Maschine, einer Bombardier CRJ 900, besetzt. „Warum man hier wohl kein größeres Flugzeug eingesetzt hat“, fragt sich Rieken und ahnt die Antwort schon, „vermutlich wäre das nicht wirtschaftlich.“ Tatsächlich gehen Experten davon aus, dass sich Flüge für die Fluggesellschaften erst lohnen, wenn drei Viertel der Plätze verkauft sind.

Nachbarsitz muss nicht freigehalten werden

Aber auch wenn dieser Wert diesmal nicht erreicht wird, sitzen in manchen Reihen zwei Personen direkt nebeneinander. Von 1,50 bis zwei Meter Abstand, wie er am Boden verpflichtend ist, kann hier in der Luft nicht die Rede sein. „Das finde ich merkwürdig“, sagt Rieken. Lufthansa-Sprecherin Matuschek erklärt: „Durch die Verpflichtung, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, ist die Regelung, den Nachbarsitz frei zu lassen, entfallen, da durch das Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung an Bord ein ausreichender Gesundheitsschutz besteht.“

Doch der richtige Umgang mit der Mund-Nasen-Bedeckung will gelernt sein. Auch mehr als einen Monat nach Einführung der Maskenpflicht kann man offenbar gar nicht genug Tipps geben. Im Flieger klingt die obligatorische Lautsprecherdurchsage mit den Sicherheitshinweisen jetzt so: „Bitte beachten Sie, dass beim Herausfallen der Sauerstoffmasken aus der Decke der Mund-Nasen-Schutz entfernt werden muss.“ Und nach der Landung in München heißt es zum Abschied: „Wir bedanken uns bei Ihnen für die Zusammenarbeit zum gemeinsamen Schutz gegen das Virus, indem Sie Ihre Maske getragen haben.“ Es sind Sätze aus einer neuen Zeit des Fliegens.

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Ideen für sicheres Fliegen

Fliegen wird umständlicher, für die Fluglinien, aber auch für die Kunden. Davon gehen Branchenkenner aus. So ist es zum Beispiel denkbar, dass Passagiere künftig vor Reiseantritt eine Art Immunitätspass oder einen Gesundheitsnachweis vorlegen müssen. Entsprechende Empfehlungen hat die Luftfahrtorganisation der Vereinten Nationen, die ICAO, erst in dieser Woche an Regierungen und Behörden sowie die Betreiber von Flughäfen und Fluggesellschaften herausgegeben, die weltweit möglichst einheitlich umgesetzt werden sollen.

Es ist außerdem die Rede von Desinfektionstunneln und Scannern für die Körpertemperatur an den Kontrollstationen bei Abflug und Ankunft. Eingecheckte Gepäckstücke und das Handgepäck könnten gesondert desinfiziert werden.

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Auch die Branche selbst denkt über erweiterte Schutz- und Hygienemaßnahmen nach. Die Entwicklerteams der Luft- und Raumfahrtunternehmen arbeiten längst an Mobiliar für die Nach-Corona-Zeit. Im Flieger könnten beispielsweise Trennwände zwischen den Sitzen oder Plexiglashauben im Kopf- und Schulterbereich die Fluggäste vor Viren schützen. Eine italienische Firma hat ein Modell entwickelt, nach dem der Mittelsitz in einer Dreierreihe in die entgegengesetzte Richtung gedreht und mit einer durchgehenden Plexiglashülle von den Nachbarn abgegrenzt wird. Eine asiatische Firma verfolgt die Idee, Reihen für Gepäck und Fracht mit Sitzreihen für die Passagiere abzuwechseln, um auf diese Weise Distanz zu schaffen. Weiterer Vorteil: Die Maschinen wären besser ausgelastet, da im Moment Sitze weniger gefragt sind als Raum für Fracht.

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