Atlas Air Service

Was während der Corona-Pause auf dem Bremer Flughafen passiert ist

In der Corona-Pause sind die meisten Flugzeuge am Boden. Ganz still steht der Betrieb am Bremer Flughafen jedoch nicht, denn die Wartungshalle von Atlas Air Service ist gut gefüllt.
06.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Was während der Corona-Pause auf dem Bremer Flughafen passiert ist
Von Jürgen Hinrichs
Was während der Corona-Pause auf dem Bremer Flughafen passiert ist

Die Wartungshalle von Atlas Air Service ist in diesen Monaten gut gefüllt.

Frank Thomas Koch

Die Wartungshalle ist voll. Zwölf Flugzeuge, die inspiziert werden – mal mit mehr Aufwand, weil eine Grundüberholung ansteht, mal mit weniger, weil nur die Betriebsflüssigkeiten ausgetauscht werden müssen oder nach den Bremsen und Reifen geschaut wird. Wann, wenn nicht jetzt – in einer Zeit, die lange still stand und auch für den Flugverkehr erst langsam wieder in Gang kommen wird.

Eigentümer der Halle am Bremer Flughafen ist Atlas Air Service (ASS). Die Ehrenurkunde an der Wand im Empfangsgebäude verrät, dass das Unternehmen in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden ist. Ausgestellt wurde die Urkunde von der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer, was seinen Grund hat. ASS sitzt in Bremen, auch in Augsburg, gegründet wurde es aber in Ganderkesee, am dritten aktuellen Standort. 50 Jahre, ein runder Geburtstag, der nur mit zwiespältigen Gefühlen gefeiert werden kann.

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Einerseits ist die Corona-Pandemie ASS kräftig in die Parade gefahren, weil im April und Mai keine Flüge mehr gebucht wurden und die Piloten seitdem in Kurzarbeit sind. Null Einnahmen, aber hohe Kosten, denn einen Teil seiner Maschinen hat ASS angemietet, und der monatliche Zins läuft weiter. Andererseits profitiert das Unternehmen von der Pandemie oder nimmt zumindest keinen Schaden daran. Dann nämlich, wenn die Flugzeuge auf Rechnung der Eigentümer fliegen und nur gemanagt werden. ASS nimmt dafür eine Gebühr, die auch jetzt jeden Monat fällig wird. Die Kosten für Parken und Wartung müssen die Eigentümer übernehmen.

In der lichtdurchfluteten Halle, 4200 Quadratmeter groß, grüßen die Techniker und Ingenieure mit „Moin“, reden im nächsten Moment aber auch Englisch. Bei ASS ist die Kundschaft international und bucht Flüge zum Beispiel von und nach London, Nizza, Moskau oder Olbia auf Sardinien, meistens sind das Geschäftsreisen. International ist aber auch die Belegschaft, darunter viele Brasilianer. Zu tun hat das mit dem Flugzeugbauer Empresa Brasileira de Aeronáutica (Embraer) mit Sitz in São José dos Campos. ASS fliegt Maschinen von Cessna und von Embraer. Da kann es nicht schaden, bei Wartung, Instandhaltung und Reparatur Fachleute vom Hersteller zu Rate zu ziehen.

Flughafen Bremen - Was geschieht in Corona-Zeiten hinter den Kulissen des Flughafen. Wie müssen die Maschinen gewartet werden? - Atlas Air Service

Saubermachen gehört auch dazu – ein Mechaniker sorgt an dem Flugzeug für den letzten Schliff.

Foto: Frank Thomas Koch

Kunden sind oft Unternehmer

„Wir sind ein Bedarfsluftfahrtunternehmen“, erklärt ASS-Vorstand Gregor Bremer. Gebucht wird online. Weniger von den Reichen und Schönen, wie oft angenommen werde, sagt Bremer, der ein Berliner ist, sondern von Unternehmern, die zwischen ihren Terminen flexibel bleiben wollen und ausnutzen, dass ASS mit seinen Sechs- und Achtsitzern auch kleinere Plätze ansteuern und die Geschäftsleute näher an ihre Zielorte führen kann – so sie denn nach Corona und den Erfahrungen mit Videokonferenzen überhaupt wieder fliegen wollen oder müssen.

Bremer ist bei ASS für die Technik zuständig. Er steht auf einer Empore und blickt in die Wartungshalle hinunter. 90 Flugzeugmechaniker sind dort beschäftigt. Es ist ein sehr ruhiges, konzentriertes Arbeiten. Öl auf dem Boden, Fette, Lappen oder Metallteile? Nichts von alledem. Es ist mehr ein Waschsalon als eine Werkstatt, auch wenn erkennbar geschraubt, überprüft und poliert wird.

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Einige der Triebwerke sind geöffnet und geben ihr Inneres preis. Die Phenom 300 steht in der Halle, ein Flugzeug, sechs Sitze, das mit gut 800 Sachen unterwegs ist und es auf eine Reichweite von 3650 Kilometern bringt. Noch schneller ist in der ASS-Flotte die Legacy 450, sie hat mit 5371 Kilometern auch deutlich mehr Reichweite. Beide Maschinentypen werden von Embraer hergestellt. Zu sehen ist auch eine Cessna Citation Sovereign, ein Techniker putzt gerade ihre Flügel. Das ist Kosmetik, gehört aber auch dazu.

„Hauptsächlich geht es natürlich um die Motoren“, sagt Bremer. Sie müssen höllisch aufpassen, dass nichts rostet. Korrosion ist Gift für die Triebwerke, zersetzend, weswegen in der Zeit des Stillstands einmal pro Woche für eine Viertelstunde Vollgas gegeben wird. „Es gibt dafür einen speziellen Ort auf dem Flughafen“, erklärt der Manager. Der Lärm soll sich in Grenzen halten. Auch werden die Maschinen immer mal wieder hin- und hergerollt, „damit die Reifen sich nicht platt stehen und die Fette in den Lagern umgewälzt werden“. Schließlich die Öffnungen an den Flugzeugen, ganz wichtig, sagt Bremer. Jede von ihnen muss sicher verschlossen werden, damit sich keine Insekten einnisten, Schlupfwesten zum Beispiel, die ihre Eier ablegen. Sind die Löcher verstopft, gibt es ein Problem: Der Luftdruck als Indikator für Höhe und Geschwindigkeit kann nicht mehr vernünftig gemessen werden.

Flughafen Bremen - Was geschieht in Corona-Zeiten hinter den Kulissen des Flughafen. Wie müssen die Maschinen gewartet werden? - Atlas Air Service

Die Wartung der Maschinen wird vorgezogen, um die Corona-Pause zu nutzen.

Foto: Frank Thomas Koch

Das Flugzeug lüften

„Lüften sollte man ab und an natürlich auch“, empfiehlt der ASS-Mann. Er kann sich an den Fall eines Flugzeugs erinnern, das sehr lange am Boden stand und luftdicht verschlossen war: „Als es geöffnet wurde, war alles voller Schimmel und auf dem Boden stand eine Handbreit Wasser.“

Bremer zeigt nach draußen, wo weitere Maschinen stehen. Insgesamt sind es mit denen in der Halle 27 – zehn, die von ASS betrieben werden und 17, die lediglich geparkt sind oder gewartet werden. „Viele unserer Wettbewerber im Ausland haben ihre Betriebe für mehrere Wochen geschlossen oder schließen müssen“, weiß der Manager. Eine Lücke, von der sein Betrieb profitiert.

Weiter weg und fernab des ASS-Geländes parkt in einem Hangar ein Airbus der Fluggesellschaft Sundair aus Stralsund. Auch diese Maschine, eine A320-214 mit 180 Sitzplätzen, wird während des Shutdowns regelmäßig in die Kur genommen, wie Sundair berichtet. Es gibt dabei unterschiedlich intensive Stufen, abhängig davon, wie lange das Flugzeug steht. In den Tanks verbleibt so wenig Kerosin wie möglich, es sei denn, die Maschine steht draußen und Sturm kommt auf. Dann gibt es die sogenannte Sturmbetankung, um genügend Gewicht und Standfestigkeit zu erreichen. Auch Sundair lässt regelmäßig die Triebwerke und Hilfsturbinen an. Zusätzlich wird mit Salz gearbeitet, ganze Säcke davon, die in die Turbinen gestellt werden, um Korrosion vorzubeugen.

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