Kommentar zu Freimarkt und Corona

Ischa erträglich

Wenn das Vergnügen fürs Volk mal eine Saison lang ausfällt, ist das nicht so schlimm - aber für das Auskommen der Schausteller muss trotzdem gesorgt sein, meint Silke Hellwig.
09.09.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Ischa erträglich
Von Silke Hellwig

Es gab eine Phase, vor einigen Wochen, da sah es ganz gut aus. Das Infektionsgeschehen wirkte soweit überschau- und kontrollierbar, dass eine freimarktähnliche Veranstaltung denkbar schien – wenngleich mit gewissen Einschränkungen für Schausteller und Besucher. Aber warum nicht? Es gibt kaum einen Bereich, der davon frei ist. Warum soll also auf der Bürgerweide in Bremen unmöglich sein, was im Heidepark Soltau seit dem 25. Mai offenbar problemlos machbar ist?

Dann kam die Ferienzeit. Manche machten Urlaub von Corona, Bilder von der Partyinsel Mallorca verbreiteten sich, die Disziplin der Bürger ließ sichtbar nach: Weil die Infektionszahlen gesunken waren, eine trügerische Sicherheit, stiegen sie wieder an. Die Entscheidung zum Freimarkt wurde hinausgezögert. Sie ist und bleibt schwierig: Manches spricht dafür, den Freimarkt zu erlauben, manches dagegen.

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Alkohol zu verbieten, scheint Sinn zu machen. Aber selbst mit Einlasskontrollen ist kaum zu vermeiden, dass Menschen mit Alkohol im Blut die Bürgerweide betreten. Wer auf Nummer sicher gehen will, müsste sie eingangs pusten lassen, dann könnte er sie auch gleich einem Corona-Schnelltest unterziehen.

Weniger Karussells, keine Bierzelte, weniger Besucher, Einlass nur mit Reservierung – wenn der Freimarkt kein Freimarkt sein kann, warum soll er dann partout stattfinden? Zumal es mehr Gründe denn je gäbe, einem „Freimarkt für Arme“ fernzubleiben: Den einen wird es zu riskant sein, den anderen zu reglementiert und dritte werden keine Lust haben, sich anzumelden.

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Brot und Spiele, heißt es, sicherten den römischen Kaisern die Macht. Vieles spricht dafür, dass man das Jahr 2020 als das notiert, in dem es keine Spiele geben wird, für niemanden. Das kann man der Bevölkerung abverlangen, zumal für eine Saison und – das wird oft vergessen – in ihrem eigenen Interesse. Ein Leben ohne Party, Rambazamba und Ringelpiez mit Anfassen ist möglich, auch wenn das für manche Menschen eine besondere Härte darstellen mag.

Wenn die Spiele ausfallen, muss aber zumindest fürs Brot der Animateure gesorgt sein, ob Schausteller oder Klubbetreiber: Wer weiterhin unter der Krise leidet, weil er keine Alternativen hat, weil er nicht mit Auflagen neu anfangen oder weitermachen kann, dem muss der Staat zur Seite stehen. So lange, bis es wieder möglich ist, mit Spielen sein Brot zu verdienen.

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