Lehrervertreter fordern mehr Personal

Gewerkschaft kritisiert Oberschulen

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft übt in einem neuen Evaluationsbericht massive Kritik an den Oberschulen in Bremen. In der Praxis sei das Modell in vielen Stadtteilen durchgefallen.
23.02.2018, 21:50
Lesedauer: 3 Min
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Gewerkschaft kritisiert Oberschulen
Von Kristin Hermann

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) übt massive Kritik an den Oberschulen in Bremen. Zwar stößt das grundsätzliche Konzept nach wie vor auf Zuspruch, doch in der Praxis sei das Modell in vielen Stadtteilen durchgefallen, so die GEW während einer Pressekonferenz am Freitag. Für einen Evaluationsbericht habe sie anderthalb Jahre lang Lehrer und Pädagogen aus der Praxis befragt. Die Ergebnisse sprächen eine eindeutige Sprache: Zehn Jahre nach der Einführung scheine sich die Oberschule noch nicht zu einer einheitlichen Schulform entwickelt zu haben, kritisiert die Gewerkschaft.

Die Lehrervertreter werfen dem Senat vor, den Finanzierungsbedarf der Schulreform 2008/2009 unterschätzt zu haben. Laut GEW ergibt sich allein für die allgemeinbildenden Schulen ein jährlicher Nachfinanzierungsbedarf in dreistelliger Millionenhöhe. Je nach Stadtteil seien die Oberschulen unterschiedlich anerkannt. Während sich Oberschulen mit eigener Oberstufe in bürgerlichen Stadtteilen einer hohen Akzeptanz in der Elternschaft erfreuten, sehe es in benachteiligten Stadtteilen ganz anders aus. „Einige Oberschulen drohen zu einer Art Restschule zu werden“ sagte Rebecca Schwenzer, Lehrerin an der Oberschule Ronzelenstraße.

"Die Kollegen sind überlastet"

Schuld an den schlechten Ergebnissen sei vor allem die angespannte Personalsituation. So könnten anvisierte Standards in der sonderpädagogischen Förderung an vielen Schulen nicht umgesetzt werden. „Häufig steht nur eine Lehrkraft vor einer Klasse, in der mehrere Kinder mit erhöhtem Förderbedarf sitzen. Die Kollegen sind überlastet“, sagte Kai Reimers von der Oberschule Lesum. Neben ausgebildeten Lehrern würden zunehmend Sonderpädagogen fehlen.

Auch die Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen stelle eine große Herausforderung für die Oberschulen dar. Unflexible Regelungen zur Verweildauer der Schüler in den Vorkursen führten dazu, dass viele Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse und ohne zusätzliche Unterstützung in den Regelunterricht integriert werden, so die GEW. „Neben qualifiziertem Unterricht muss soziale Arbeit wesentlicher Bestandteil der Bremer Oberschulen sein“, fordert Landesvorstandssprecherin Ina von Boetticher.

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Den Zeitpunkt für die Veröffentlichung des Evaluationsberichtes hat die GEW ganz bewusst gewählt, denn Anfang März wird das Ergebnis einer unabhängigen Expertengruppe erwartet, die im Auftrag der Bürgerschaft seit mehr als einem Jahr das Bremer Bildungssystem auf den Prüfstand stellt. „Wir wollten dieser externen Evaluation eine eigene, gewerkschaftliche Experten-Auswertung gegenüberstellen, weil wir mehr Leute aus der Praxis zu Wort kommen lassen wollen“, so von Boetticher. Ob sich die Ergebnisse der Gewerkschaft mit denen der Expertengruppe decken, wollte der Leiter der Runde, Kai Maaz, am Freitag nicht kommentieren. Die Bildungsbehörde malt auf Rückfrage ein nicht ganz so schwarzes Bild von der Situation an den Oberschulen. Zwar gebe es durchaus Schulen, die schlechter angewählt würden, doch arbeite man bereits an einer gemeinsamen Strategie zur Weiterentwicklung der Oberschulen.

Glaubt man den Ergebnissen der GEW, fehlt es genau daran. Viele der Schulen würden sich alleine gelassen fühlen. „Es gibt für die Lehrer keine Stunden mehr, in denen sie das Konzept weiterentwickeln können“, sagte Reimers. In ihrer jetzigen Form werde die Oberschule dem Anspruch, eine Schule für alle Kinder und Jugendliche zu sein, nicht gerecht. Die GEW fordert deshalb eine „Schule für alle“ und damit auch die Abschaffung des Gymnasiums.

Imageproblem Oberschule

Bisher haben Schüler in Bremen nach Beendigung der Grundschulzeit die Möglichkeit, an einer von zwei Schulformen ihre Bildungslaufbahn fortzuführen: am Gymnasium oder an der Oberschule. An der Oberschule lernen die Kinder bis zur zehnten Klasse gemeinsam. In Mathematik, Deutsch, der ersten Fremdsprache und Naturwissenschaften erhalten sie jedoch entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten Unterricht auf unterschiedlichen Niveaus. Am Ende der zehnten Klasse erwerben sie die erweiterte Berufsbildungsreife oder sie setzen ihre Schullaufbahn bei Versetzung mit der gymnasialen Oberstufe fort. Aktuell wählen etwa 30 Prozent der Schüler das Gymnasium, 70 Prozent entscheiden sich für die Oberschule.

Problematisch sei nach wie vor, dass viele Eltern ein falsches Bild von der Oberschule hätten, sagt Andrea Spude vom Zentralen Elternbeirat. „Viele denken noch immer, dass das Gymnasium besser ist, obwohl genauso Hochbegabte an der Oberschule gefördert werden können“, sagt sie. Dass die Oberschulen ein Imageproblem haben, scheint auch das Bildungsressort erkannt zu haben. „Die Oberschulen sollen künftig besser vermarktet werden“, kündigte Behördensprecherin Annette Kemp an.

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