Gauck eröffnet die Sail Großsegler locken zehntausende Besucher an

Die Sail in Bremerhaven ist eröffnet, das Startsignal gab Joachim Gauck. Die Veranstaltung mit jeder Menge Zuschauer meisterte der Bundespräsident gewohnt souverän - auf dem Wasser und an Land.
12.08.2015, 21:20
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Großsegler locken zehntausende Besucher an
Von Jan Raudszus

Joachim Gauck will Pause machen. Eigentlich. Er will ins Hotel, doch das ist gar nicht so einfach, denn die Menschen in Bremerhaven lassen ihn nicht. Ein dichter Pulk hat sich um den Bundespräsidenten gebildet. Joachim Gauck muss da durch, und seine Bodyguards, eine ganze Reihe Polizeibeamte, müssen ihm den Weg frei machen. Den Menschen ist das egal, sie wollen Gauck, ein Foto mit dem Staatsoberhaupt oder ihm einfach mal die Hand schütteln.

„Oh Gott, er wird ja ganz eingeklemmt“, sagt eine Frau, als er sich durch die Menge kämpft. Die Menschen drängen dicht an ihn heran. Gauck macht das, er schüttelt Hände, plauscht hier und dort: „Kommen Sie aus Bremerhaven? Wo kommen Sie denn her?“ Eine Frage, die er sich da zurechtgelegt hat. Ein Eisbrecher, der die Barriere zwischen Bundespräsident und Volk schnell überwindet. Gauck winkt mit seiner schwarzen Kappe, Menschen klatschen, er posiert, arrangiert Kinder für Bilder, sie rufen: „Joachim!“ Routine.

Ein bisschen weiter vorne laufen die Bremer Politikspitzen. Sehr bald stehen Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz und Bremens Bürgermeister Carsten Sieling zwischen den Menschen, auch sie warten auf den Bundespräsidenten, der immer wieder zurückfällt. Grantz und Sieling gehören eigentlich zum Tross, hier sind aber auch sie nur Zuschauer. Melf Grantz telefoniert, irgendwann verschwindet er. Für den Empfang des Bundespräsidenten auf der Fregatte „Karlsruhe“ muss er sich umziehen. Mehr als eine halbe Stunde braucht Joachim Gauck für die wenigen Meter vom Anleger am Willy-Brandt-Platz, bis er endlich am Atlantic Hotel angekommen ist. Dort, wo Carsten Sieling auf ihn wartet.

Sieling ist offenbar froh, nicht selbst Ziel der Freudenbekundungen zu sein. „Wir überlassen dem Bundespräsidenten das Feld.“ Der dreht sich vor der Hoteltür noch einmal um, ruft „Tschüss“ in die Menge. Drinnen begrüßt ihn Sieling mit Handschlag, so, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen. Gauck und sein Tross gehen zum Fahrstuhl, für einen Augenblick fällt das dauernde Lächeln ab. Gauck sieht geschafft aus. Im Fahrstuhlspiegel richtet er sich die Haare, während er auf seine Lebensgefährtin Daniela Schadt wartet. Dann gehen die Türen zu.

Die Großen stehen im Mittelpunkt des Eröffnungstags der Sail in Bremerhaven. Große Schiffe und eben Bundespräsident Joachim Gauck, eine steife Brise Bundespolitik, die durch den betulichen Norden weht. Als Gauck am Vormittag auf das Schiff „Grönland“ steigt, von dem aus er die Windjammer-Parade abnimmt, stehen Marinesoldaten stramm, ein Offizier salutiert. Fotografen und Kameraleute der lokalen und nationalen Medien treten sich auf die Füße, um an ihre Bilder zu kommen. „Herr Gauck schauen Sie bitte einmal hier herüber“, „Herr Gauck drehen Sie sich doch auf der Gangway bitte um“. Gauck macht alles wie angeordnet.

Als die „Grönland“ endlich ablegt, steht er da, eine Hand auf einem Schiffsaufbau, ein Bein aufgestellt, Sonnenbrille auf der Nase. Heroisch sieht er aus. Um ihn dreht sich hier die Aufmerksamkeit, und er repräsentiert. Alles folgt einem Takt, der auf ihn abgestimmt ist. Und er folgt dem Takt des Protokolls.

Am Nachmittag soll der Bundespräsident die Sail offiziell eröffnen. Nach der Erfahrung vom Mittag ist er lieber eine halbe Stunde vorher am Hotel aufgebrochen. Nur, das wissen die meisten Menschen offenbar nicht. Im schnellen Schritt geht es den Deich hinunter, diesmal gibt es keinen Massenauflauf. Hier und da machen die Menschen Fotos. Gauck schüttelt ein paar Hände – und ist viel zu früh dran.

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Die Marinekapelle schafft es gerade noch, sich auf der Ponton-Brücke am Willy-Brandy-Platz aufzustellen und ein Lied anzustimmen, bevor der Bundespräsident eintrifft. Es stehen Kanonen bereit, Gauck soll sie abfeuern, und ein Podest für seine Rede.

30 Minuten hat er noch Zeit, genug für den Bundespräsidenten und die Bürgermeister, noch einmal auf dem Marineboot Luft zu holen. Nachher geht das Programm weiter auf der Fregatte. Die Marinekapelle spielt trotzdem „I am sailing“.

Es sind kurze Reden, die Melf Grantz und Carsten Sieling halten. Sie sagen, was man zu einem solchen Anlass eben sagt. Sie danken den Beteiligten, sie danken dem Bundespräsidenten, der extra seinen Urlaub unterbrochen hat. „Wir sind stolz, dass Sie hier sind“, sagt Grantz. Und dann wird es noch ein bisschen politisch: Bremerhaven zeige sich in diesen Tagen als weltoffene Stadt, hat der Oberbürgermeister den ganzen Tag betont, jetzt auch wieder.

Da knüpft auch der Bundespräsident später an. Er spannt einen Bogen vom Auswandererhaus zu den Flüchtlingen heute. „Ich erinnere daran, weil heute viele Menschen in Europa die Hoffnung suchen.“ Für Gauck ist die Sail mehr als ein Segelfest, sie ist ein Fest der Völkerverständigung. „Diese Brise, die hier auf der Sail weht, gefällt mir“, sagt der Bundespräsident. Davon bräuchte Deutschland mehr. Dann feuert er die Kanonen ab und brummt mit dem Marineboot davon. Einmal noch winken vom Achterdeck. Routine.

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