Brexit

Immer mehr Briten werden Bremer

Die Zahl der Einbürgerungen im Nordwesten von Deutschland stieg nach dem Brexit-Votum drastisch an. In den ersten drei Wochen des neuen Jahres hat es in Bremen bereits 34 neue Anträge gegeben.
27.01.2019, 20:26
Lesedauer: 4 Min
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Immer mehr Briten werden Bremer
Von Marc Hagedorn

Immer mehr Briten in Bremen und Niedersachsen entscheiden sich für die doppelte Staatsbürgerschaft. Allein in den ersten drei Wochen dieses Jahres hat es in Bremen 34 neue Anträge gegeben. „Das ist ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu den Vormonaten“, sagt Rose Gerdts-Schiffler, Pressesprecherin des Innenressorts. Bis zu 50 Anträge sind aktuell in der Bearbeitung. Und ein Ende ist nicht in Sicht. „Das Innenressort rechnet in den kommenden Wochen mit weiteren Antragstellungen britischer Staatsbürger“, so Gerdts-Schiffler weiter.

Insgesamt sind in der Stadt Bremen 1713 Menschen mit britischer Staatsangehörigkeit gemeldet, 707 davon haben einen britischen und einen deutschen Pass. In einer Rangliste der Einbürgerungen liegen Briten inzwischen an dritter Stelle in Bremen, vermutlich werden sie nach den Türken in Kürze sogar die zweitgrößte Gruppe sein. 68 Briten haben sich seit der letzten Einbürgerungsfeier im Juni 2018 für die doppelte Staatsbürgerschaft entschieden. Zum Vergleich: Aus der Türkei haben sich seitdem 297 Menschen einbürgern lassen, 74 waren es aus dem Iran, 67 aus Polen, 55 aus Syrien, 54 aus dem Irak, 42 aus Nigeria, 39 aus Afghanistan und 38 aus dem Libanon.

Auch in Niedersachsen steigt die Anzahl der Einbürgerungen stark an. Im vergangenen Jahr hatten 241 Briten in zehn niedersächsischen Städten die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, wesentlich mehr als 2017, wo 161 Briten diesen Weg wählten. 2016 habe es lediglich 81 Einbürgerungen von Briten in Niedersachsen gegeben, berichtet Europaministerin Birgit Honé (SPD). Sie rät den im britischen Staatsbürgern im Nordwesten ausdrücklich, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, um Unannehmlichkeiten infolge des Brexits zu vermeiden.

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Der britische Run auf die doppelte Staatsbürgerschaft hängt mit dem Votum in Großbritannien zusammen. Weil bis heute nicht klar ist, was ein möglicher Brexit für die Rechte von britischen Staatsbürgern im EU-Ausland bedeutet, gehen viele Briten auf Nummer sicher. Jeremy Hookway ist einer von ihnen, er hat die doppelte Staatsbürgerschaft seit etwas mehr als einem Jahr. „Ich bin EU gläubig und möchte die Vorteile weiterhin nutzen“, sagt der 54-Jährige, der seit 1996 in Bremen lebt und als Lehrkraft an der Hochschule Bremen arbeitet.

Einbürgerungszahlen von Briten in Bremen nach Brexit-Votum gestiegen

Er hat jetzt dank seines deutschen Passes unter anderem die Gewissheit, dass er weiterhin unbefristet in Deutschland leben und arbeiten darf, und dass er weiterhin problemlos in EU-Länder reisen kann, ganz egal, ob, wann oder wie der Brexit vollzogen wird. Die Einbürgerungszahlen von britischen Staatsbürgern in Bremen sind seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 steil in die Höhe gegangen. 2015 hatte es nur einen einzigen Antrag gegeben, 2016 waren es acht, 2017 aber schon 74. 2019 drängt nun die Zeit.

Stand heute soll am 29. März der Brexit vollzogen werden. „Für den Fall des ,No-Deal‘-Austritts gibt es derzeit noch keine gesetzliche Regelung“, sagt Gerdts-Schiffler. Tatsächlich auf der sicheren Seite ist im Moment nur derjenige, dessen Einbürgerung bis zum 29. März abgeschlossen ist.

Da das Einbürgerungsverfahren in der Regel aber einige Wochen und manchmal sogar Monate dauern kann, gibt es einen Gesetzentwurf für Übergangsregelungen bei einem geordneten Brexit. Danach ist der Tag der Antragstellung entscheidend. „Damit soll verhindert werden, dass länger dauernde Bearbeitungszeiten bei deutschen Behörden zulasten der britischen Einbürgerungsbewerber gehen“, sagt Gerdts-Schiffler.

Es gelten bestimmte Voraussetzungen für den Erwerb der doppelten Staatsbürgerschaft. Wenn etwa ein Elternteil deutsch ist, gibt es den Doppelpass. Andere Möglichkeit seit 2014: Man hat acht Jahre in Deutschland gelebt oder mindestens sechs Jahre die Schule hier besucht. Bis 2014 mussten sich Bewerber bis zum 24. Geburtstag für einen Pass entscheiden.

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Zum Einbürgerungsprozedere gehören unter anderem ein Sprachtest und ein Einbürgerungstest mit 33 Fragen aus politischen und gesellschaftlichen Bereichen, wie etwa „Welche Organisation hilft den Arbeitnehmern bei Problemen mit dem Arbeitgeber?“, „Wer berät in Deutschland Personen bei Rechtsfragen und vertritt sie vor Gericht?“, „Ein Mann möchte mit 30 sein Abitur machen, wo kann er das tun?“ oder „Welche Parteien wurden 2007 zur Partei ,Die Linke‘?“ Auf den Test kann man sich vorbereiten, im Internet beispielsweise ist der komplette Fundus, der 300 Fragen umfasst, leicht zu finden.

Bremens Einbürgerungskampagne

Bremen hat erst im Dezember eine große Einbürgerungskampagne gestartet. Knapp 36.000 Einwohner könnten hier eingebürgert werden, nur 1,3 Prozent haben es 2017 aber auch tatsächlich getan. Um diese Zahl zu erhöhen, verschickten Carsten Sieling als Präsident des Senats und Karoline Linnert als seine Stellvertreterin Anfang Dezember 1000 Briefe an Bremer, die die Voraussetzungen für eine Einbürgerung erfüllen, es waren vor allem britische Staatsangehörige darunter. Sie werden in dem Schreiben von den Bürgermeistern persönlich eingeladen, den deutschen Pass zu beantragen. Im Januar folgten die nächsten 1000 Briefe. So soll es nun monatlich weitergehen. Die in der Stadt lebenden Briten müssen dieser Tage nicht mehr extra informiert werden. Hookway sagt: „An diesem Thema kommt man als Brite nicht mehr vorbei, damit beschäftigt sich inzwischen jeder Brite in Bremen, den ich kenne.“

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