Der Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft Ein vom Brexit betroffener Bremer erzählt

Seit 1996 lebt und arbeitet der Brite Jeremy Hookway in Bremen. Das Brexit-Votum in seinem Geburtsland hat ihn geschockt. 2017 ließ er sich dann in Deutschland einbürgern. Wie der Weg bis dahin für ihn verlief.
27.01.2019, 20:12
Lesedauer: 4 Min
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Ein vom Brexit betroffener Bremer erzählt
Von Marc Hagedorn

Als Jeremy Hookway an diesem Tag im Spätsommer 2016 bei sich zu Hause in Arsten den „Guardian“ liest, wird ihm schlagartig klar, wie heiß die Sache wirklich ist. Großbritannien hatte ein paar Wochen zuvor mit knapper Mehrheit für den Brexit gestimmt, und nun berichtete die britische Tageszeitung, die Hookway im Abo hat, darüber, dass die Regierung Briefe an EU-Bürger verschickt, die in Großbritannien leben. Inhalt des Schreibens ist eine Aufforderung: Bitte bereiten Sie sich darauf vor, Großbritannien zu verlassen. „Da ist bei mir der Groschen gefallen.“

Jeremy Hookway wird in diesem Moment klar, dass nun alles anders wird. Dass vieles, was er für selbstverständlich gehalten hat, mit einem Austritt Großbritanniens aus der EU nicht mehr selbstverständlich ist. Hookway lebt seit 1996 in Bremen, er ist, wie er sagt, „der Liebe wegen“ hierhergezogen und arbeitet als sogenannte Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Bremen. Bremen ist weit weg von England, seinem Geburtsland. Aber England ist auch sehr nahe, denn das, was im Königreich seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 passiert, betrifft auch ihn.

Er ist ein britischer Staatsbürger, der in einem EU-Land lebt. Er darf hier arbeiten, er sorgt hier für das Alter vor, er hat fast alle Rechte, die ein Deutscher hat. Er darf innerhalb der EU reisen, wie er will, „ich bin EU-gläubig“, sagt er. Das steht im Spätsommer 2016 plötzlich alles auf dem Spiel.

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Heute ist Jeremy Hookway auf der sicheren Seite. Er besitzt inzwischen die doppelte Staatsbürgerschaft. Er hat sie noch 2016 beantragt. Bis er alle Papiere beisammen sowie Sprach- und Einbürgerungstest bestanden hatte, war es Sommer 2017. „Da haben wir zu Hause mit Freunden erst mal eine große Einbürgerungsparty gemacht“, sagt Hookway.

Ein Foto mit Bremens Innensenator

Der 54-Jährige kann die Geschichte seiner Einbürgerung auf sehr unterhaltsame Weise erzählen, da ist er ein typischer Brite. Wenn er zum Beispiel an die Einbürgerungsfeier in der Oberen Rathaushalle denkt, dann muss er jetzt noch über sich selbst lachen. Es gab die Möglichkeit, mit Bremens Innensenator Ulrich Mäurer ein Erinnerungsbild zu machen. Eigentlich ist Hookway nicht der Typ für so was, aber in diesem feierlichen Moment, da wurde er schwach. Er wartete, bis er an der Reihe war und ließ sich fotografieren, „Mäurer, die Deutschland-Flagge und ich, toll“, sagt er.

Ebenfalls unvergesslich: Am 20. September 2017, einem Mittwoch, war der Pass endlich da, vier Tage später Bundestagswahl. „Und ich durfte wählen“, sagt Hookway. Er staunt noch heute, „in Großbritannien hätte ich bestimmt noch ein halbes Jahr warten müssen, ehe ich in einem Register aufgetaucht wäre. Aber hier, in diesem Moment, das war ,Made-in-Germany-Deutschland‘.“

Das, was er heute launig erzählt, hat ihm damals manchmal Schmerzen bereitet und sehr zum Nachdenken gebracht. Zum Beispiel beim Einbürgerungstest, 33 Fragen zu juristischen und gesellschaftlichen Themen waren zu beantworten. Darunter die Frage: Wären Sie auch bereit, Ihre jetzige Staatsbürgerschaft abzugeben? Da ging es ans Eingemachte.

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Hookway hatte sich vorher schlau gemacht, er kreuzte Ja an, ergänzte diese Antwort aber um den Hinweis, dass die Frage zum Glück ja nur hypothetisch sei, da er seinen britischen Pass in Wirklichkeit ja behalten darf. Aber die Frage berührte ihn: Bin ich mehr Brite? Bin ich mehr Deutscher? Ganz eindeutig kann er die Frage immer noch nicht beantworten.

Die Sache mit der Toblerone

Großbritannien ist ihm ein wenig fremd geworden. Für weltoffen, fair und tolerant habe er seine Heimat stets gehalten, sagt er, doch irgendwann war da nur noch Hysterie. Wie etwa die Sache mit Toblerone. „Kennen Sie, oder? Diese Schokolade mit den gezackten Hügeln.“ Nun, in England fehlten kurz nach dem Brexit-Beschluss ein paar Hügel. Es war die Hölle los im Land, erinnert sich Hookway, der es sich bei einem seiner Besuche nicht nehmen ließ, die britische Toblerone zu kaufen, so etwas sieht man ja nicht alle Tage.

Das britische Pfund schwächelte unmittelbar nach dem Brexit-Votum, und tatsächlich hatte der Hersteller die Riegel von 400 Gramm auf 360 reduziert und ein paar Hügel gekappt, dies aber mit gestiegenen Rohstoffpreisen begründet. Die Pro-Brexit-Fraktion interessierte diese Erklärung herzlich wenig, für sie waren die gekappten Hügel nur ein weiteres Zeichen dafür, alles richtig gemacht zu haben: Nichts wie weg von diesen komischen Festland-Europäern.

Auch das ist wieder eine ulkige Geschichte, aber im Kern ist das Thema Brexit traurig, findet Hookway. Er versteht nicht, was seine Landsleute geritten hat, dafür zu stimmen. Er hat ein paar Theorien, ja: Die Kampagne der EU-Gegner, das müsse man ihnen lassen, war wirkungsvoll in Szene gesetzt, fulminant unterstützt von der Murdoch-Presse. Aber wirklich begreifen, nein, das kann er im Grunde bis heute nicht. „Es wurden Ängste geschürt und die Vorteile der EU verschwiegen, stattdessen hieß es nur noch: Die EU verschwendet Geld, sie ist ineffizient“, sagt er. Bei 52 Prozent der Wähler hat diese Propaganda, wie er es nennt, verfangen. Das hat ihn persönlich gekränkt.

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Niemand weiß im Moment, wie es weitergeht. Die Unsicherheit ist nach wie vor groß. Hookway selbst hofft auf ein zweites Referendum. In seinem Freundes- und Bekanntenkreis in Bremen will sich darauf aber niemand verlassen, alle haben inzwischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft oder den Antrag darauf gestellt.

In seiner Heimat der Deutsche

Und wie ist die Stimmung in Großbritannien? „Das Land ist gespalten, Familien sind gespalten“, sagt Hookway, „ich kann zum Beispiel mit meiner Tante, sie ist pro Brexit, nicht über das Thema reden.“ Erst vor wenigen Tagen hatte er gedacht, es doch noch einmal zu versuchen, es dann aber um des lieben Friedens willen gelassen. Für die Menschen in Wellington, dort, an der Grenze zu Wales wurde er geboren, ist er sowieso schon der Deutsche.

Du bist so fordernd geworden, habe seine Mutter sehr früh gesagt, nachdem er die ersten Monate in Deutschland hinter sich hatte. Das war ein bisschen vorwurfsvoll gemeint, aber Hookway mag das inzwischen, diese deutsche Art, zum Punkt zu kommen, die Dinge direkt anzusprechen, yes means yes and no means no, ein Ja bedeutet ein Ja. „Wenn du in England eine Einladung ins Kino annehmen willst, dann musst du ganz euphorisch sein: großartig, yeah, ich freue mich riesig, yeah, ganz toll, super, klasse, yeah“, sagt er.

„Ein einfaches Yes heißt dagegen: Eigentlich passt es mir nicht so gut.“

Außer beim Brexit: Dort hat ein einfaches Yes gereicht, um europäische Geschichte zu schreiben und Tausende Biografien zu berühren.

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