Zweiter Tag bei der Sail In 294 Tagen um die Welt

Ein Stück Lateinamerika in Bremerhaven. Es ist knapp 78 Meter lang und hat drei Masten: die „Guayas“, ein wunderschönes weißes Schiff mit weißen Segeln.
14.08.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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In 294 Tagen um die Welt
Von Jan Raudszus

Ein Stück Lateinamerika in Bremerhaven. Es ist knapp 78 Meter lang und hat drei Masten: die „Guayas“, ein wunderschönes weißes Schiff mit weißen Segeln. Eine Band in weißen Hemden spielt Lateinamerikanische Musik, junge Offiziere tanzen mit Damen. Uniformen, weiße Hemden und goldene Streifen, glänzende schwarze Schuhe, High Heels und Sommerkleider prägen die Szene. Matrosen verteilen Süßigkeiten und Drinks. Ein Empfang des ecuadorianischen Botschafters ist keine steife Stehparty, sondern ein ausgelassenes Fest.

An der Sail wird Bremerhaven zu einer internationalen Stadt, hat Oberbürgermeister Melf Grantz bei der Eröffnung am Mittwoch gesagt. Und es stimmt. Für vier Tage errichten hier viele Staaten mobile Botschaften auf beeindruckenden und schönen Schiffe. Die „Guayas ist eines von ihnen. Sie ist auf einer Weltreise. Einmal um den Globus geht es, zum ersten Mal. Am 12. Mai ist das Schiff in Ecuador gestartet. 294 Tage soll die Reise dauern, 23 Häfen wird sie anfahren, erst im Frühjahr 2016 wieder in der Heimat sein.

Jorge Jurado heißt der Botschafter Ecuadors in Deutschland. Er ist extra aus Berlin nach Bremerhaven gekommen. Ein großer Mann. Jurado spricht fließend Deutsch, hat in Berlin studiert. Dort hat es ihm gut gefallen. 15 Jahre war er Maschinenbau-Student an der TU Berlin, ein bisschen lang, wie er lachend zugibt. Er kennt Deutschland. Wohl deswegen hat ihn Ecuadors Präsident 2011 zum Botschafter hier gemacht. „Ich habe sofort ja gesagt, als mein Präsident mich gefragt hat“, sagt Jurado.

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Die Rückseite seiner Visitenkarte schmückt ein schönes Bild von schneebedeckten Bergen, den Anden. Darauf weist er sofort hin. Dafür ist er hier, um Ecuador zu vermarkten. Das Land exportiert Erdöl, Südfrüchte, Kakao, Kaffee. Auf dem Deck der „Guayas“ werden die Produkte des Landes vorgestellt. Ein bisschen mehr Tourismus kann Ecuador offenbar auch nicht schaden. Jurado redet über die „Verrückte“, die in den Anden Ski fahren, und über den Strand. Zum Empfang hat er nicht nur Freunde, Journalisten und Diplomaten eingeladen, sondern auch Vertreter der Industrie.

Die haben sich auf dem Achterdeck versammelt, ein Sonnensegel spendet dringend benötigten Schatten. Prächtig ist der Anblick des Schiffes und seiner Besatzung. Ein schönes Holzdeck, überall poliertes Metall. Junge, gut aussehende Seeleute unterhalten sich mit den Gästen. Auf dem Steuerrad der „Guayas“ ist eine Metallplakette angebracht, Armada del Ecuador steht da, Marine Ecuadors, dahinter hängt eine bronzefarbene große Glocke.

Jurado hält seine Ansprache in Spanisch und Deutsch. Und die ist gar nicht so diplomatisch, wie vielleicht erwartet. Zwar ist der Empfang vor allem Werbung für Ecuador, aber so ganz kann auch der Botschafter die Innenpolitik seines Landes nicht ausblenden. Sein Präsident, Rafael Correa, hat ein Problem mit der Opposition, die hat einen Generalstreik ausgerufen. Nicht allen gefällt offenbar die linke Politik der Regierung. Kein Streik, sondern mehr Arbeit für den Fortschritt des Landes fordert der Botschafter. Eine echte Befreiung von der wirtschaftlichen und politischen Dominanz anderer Staaten wünscht er sich. Er ist ein Kontrastpunkt zum restlichen Empfang.

Ungewöhnlich eigentlich, dass solche innerstaatlichen Querelen in diesem Rahmen sichtbar werden. Alles sonst an diesem Tag und diesem Schiff ist betont gut gelaunt und staatstragend. Unter Deck ist alles mit dunklem Holz verkleidet. Die Rückwand der Offiziersmesse im Achterdeck ziert ein Bleiglasfenster, in das das ecuadorianische Staatswappen eingelassen ist. An den Wänden stellen Glasvitrinen archäologische Fundstücke zur Schau. Auf den dunklen schweren Tischen liegen dunkel-blaue Tischdecken, in die der Schiffsname eingestickt ist. An der Wand im Flur hängt eine verzierte Urkunde der Stadt Los Angeles, dort war das Schiff auf seiner Jungfernfahrt. Die „Guayas“ ist schön, und es überrascht nicht, dass sie in Norwegen bei einer Veranstaltung vor Kurzem als am besten präsentiertes Schiff ausgezeichnet wurde.

Oben auf dem Achterdeck wird die große Glocke geläutet, normalerweise ein Signal für einen Notfall, jetzt die Einleitung zu einem ecuadorianischen Trinkritual, wie ein Offizier den Gästen schwungvoll erklärt. Er sagt die Spruchformel auf Spanisch vor, die Gäste sprechen sie ihm nach, trinken. Dann spielt die Band. Gäste locker machen, damit haben sie hier Erfahrung. Die Besatzung der „Guayas“ macht das in fast jedem Hafen. Am formellen Anlass hat es in Bremerhaven schon einmal geklappt. Später am Tag kommen die normalen Bürger. Die müssen solange mit den beiden Offizieren auf der Kaimauer vorlieb nehmen, die die Gangway bewachen und für Fotos posieren.

Zum Abschied bekommen die Empfangsgäste dann noch große Rosen mit langem Stil geschenkt. Über 600 hat die Guayas davon an Bord. Ein wichtiges Exportprodukt Ecuadors, hat Botschafter Jorge Jurado gesagt.

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