Vom Frösteln und Flanieren

Renaissance des Spaziergangs

Weil derzeit durch die Pandemie viele andere Aktivitäten wegfallen, erlebt der Spaziergang eine Renaissance – bei jedem Wetter treibt es die Norddeutschen nach draußen. Eine Betrachtung von Sara Sundermann.
03.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Renaissance des Spaziergangs
Von Sara Sundermann
Renaissance des Spaziergangs

Unerschrockene Spaziergänger am Osterdeich: Von Nässe, Kälte und Nebel lassen sich die Bremerinnen und Bremer nicht abhalten.

Frank Thomas Koch

Durch die Parks und am Flussufer schlendern: Der Spaziergang ist eine Tradition, der die Bremerinnen und Bremer ohnehin gern frönen. Doch selten wurde so ausgiebig und unerschütterlich spaziert wie in der Pandemie. Kein Wunder, viele andere Aktivitäten scheiden derzeit aus.

Wer sonst ins Kino ging, geht jetzt spazieren. Wer sonst in Bars zu finden war, den trifft man jetzt zu Fuß am Osterdeich. Wer sonst mit Freunden im Café saß, verabredet sich nun draußen auch an einem nassen Winternachmittag. Drei Grad mehr, und die Bremer werfen ihre Picknickdecken wieder aus.

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So trifft man auch die Studentinnen Zoe Walsh und Eva Grotheer am Sonnabend umher schlendernd im Bürgerpark: Gut gerüstet mit zwei Paar Socken und einem Thermobecher voller heißem Kaffee. „Normalerweise hätten wir uns wahrscheinlich in einem Café getroffen, wir trinken beide sehr gern Kaffee“, sagt die 21-jährige Eva Grotheer. Jetzt sind sie stattdessen zum Spaziergang verabredet. Dem können sie durchaus Positives abgewinnen: „Ich finde das eigentlich gut“, sagt Zoe Walsh, die derzeit täglich spazieren geht und sich im neuen Jahr 10.000 Schritte pro Tag vorgenommen hat. „Das Rausgehen tut schon gut, gerade, wenn man sonst im Homeoffice ist.“

Ein paar Hundert Meter weiter weist ein flanierendes Paar mittleren Alters weit von sich, dass sie derzeit nur aus Mangel an Alternativen spazieren gehen: „Wir tun das keineswegs nur aus der Not heraus“, beteuern beide. Die winterlichen Wiesen, die alten Brücken im Bürgerpark, wunderschön, finden die zwei.

Die Renaissance des Spaziergangs - Spaziergang in Corona Zeiten

Zoe Walsh und ihre Freundin Eva Grotheer sind im Bürgerpark verabredet.

Foto: Frank Thomas Koch

Das Flanieren im Garten

Der Spaziergang, den wir als etwas Alltägliches empfinden, hat eine interessante Geschichte. Als kulturelle Tradition, die sich die Bürger aneigneten, hat er sich erst Ende des 18. Jahrhunderts verfestigt. So hat es zum Beispiel die Autorin Gudrun König in ihrer Kulturgeschichte des Spaziergangs herausgearbeitet.

Das Wort Spaziergang bezeichnete ursprünglich keine Tätigkeit, sondern einen Ort: einen Flur im Haus. Später nahmen Architekten von Gartenalleen das Prinzip des Flures draußen wieder auf. Aus dem Ort Spaziergang entstand die Aktivität: Das Flanieren im Garten. Voraussetzung dafür war ein veränderter Bezug zur Natur, die den Menschen nicht länger als bedrohlich, sondern als bewundernswert erschien. Orte des öffentlichen Flanierens wurden in Bremen auch von den Bürgern mit erkämpft. Als im Zuge der europaweiten Entfestigungswelle vielerorts die Stadtmauern eingerissen wurden, setzte man 1802 in Bremen eine Bürger-Deputation ein, um zu klären, „wie öffentliche Spaziergänge einzurichten seyen“. Aus den alten Befestigungsanlagen der Stadt entstand ein Landschaftspark, in dem auch jetzt in Zeiten von Corona wieder eifrig geschlendert wird.

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An klassischen Spazier-Tagen wie am durchsonnten ersten Weihnachtstag, da sah der Osterdeich aus, als hätte die halbe Stadt zugleich das Haus verlassen. Und auch der Bürgerpark wirkt derzeit deutlich voller als vor Beginn der Pandemie.

Weil Sportverein und Schwimmen momentan nicht möglich sind, ging er zuletzt mit seinen Söhnen abends mit Fackeln spazieren, erzählt auch Magnus Prangenberg, der mit einer befreundeten Kollegin durch den Bürgerpark schlendert. „Wir sind dann im Dunkeln mit den Fackeln durch die Findorffer Parzellengebiete geschlichen“ sagt er. „Das sind die kleinen Fluchten.“

Schlechtes Wetter war noch nie ein Argument

In diesem Winter gilt auf jeden Fall mehr denn je: Schlechtes Wetter war noch nie ein Argument. Nässe, Kälte, Nieselregen? Egal, Hauptsache raus. Eltern verabreden sich in Skihosen auf dem Spielplatz. Mancher, der sonst Bus und Bahn fuhr, nimmt sich die Zeit und geht zu Fuß zur Arbeit. Und die ganz Hartgesottenen verabreden sich sogar im Dunkeln auf einen Gang mit Getränk.

Windzerzaust, mit roten Nasen sind die Städter unterwegs, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben. Von verbissenem Schlendern zu sprechen, wäre vielleicht zu viel gesagt. Doch getrost darf man die Norddeutschen wohl unerschrockene Flaneure nennen. Stubenhocker jedenfalls, das sind sie nicht.

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