Viele Hilfen fehlen in der Pandemie

Schwere Zeiten für Bremer Vorschulkinder

In benachteiligten Stadtgebieten haben viele Kinder Sprachprobleme. Und zuletzt fielen viele Förderangebote in Kitas und Schulen durch die Pandemie weg. Stadtteil-Akteure warnen vor gravierenden Problemen.
25.04.2021, 21:42
Lesedauer: 4 Min
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Schwere Zeiten für Bremer Vorschulkinder
Von Sara Sundermann
Schwere Zeiten für Bremer Vorschulkinder

In vielen Hemelinger Schulen gibt es spezielle Sprachförderung für einen Teil der Kinder – zum Beispiel mit Wortschatz-Übungen.

Christina Kuhaupt

Das zweite Mal in Folge können die Cito-Sprachtests für Vorschulkinder in Bremen aufgrund der Pandemie nicht stattfinden. Statt mit Tests am Computer soll der Sprachförderbedarf in diesem Frühling wie schon im vorigen Jahr vom Kita-Personal eingestuft werden. Nur Kinder, die nicht in den Kindergarten gehen, sollen Cito-Tests am Computer machen.

Zugleich schlagen mehrere Schul- und Kita-Leitungen aus verschiedenen Stadtteilen beim Thema Sprachförderung Alarm: Sie machen sich Sorgen, weil viele Förderangebote für Vorschüler in der Pandemie nicht möglich waren. Und sie weisen darauf hin, dass Sprachprobleme in benachteiligten Stadtgebieten teils seit Jahren zunehmen. Quartiersmanagerinnen und Ortsamtsleiter sind besorgt.

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Das abweichende Verfahren zum Sprachstand bereitet Jutta Wedemeyer, Leiterin der Kita der evangelischen Gemeinde in Lüssum, wenig Kopfzerbrechen. „In den vergangenen Jahren war das Ergebnis der Cito-Tests immer identisch mit unserer Einschätzung.“ Ein fachlich gut aufgestelltes Kita-Team könne die Sprachentwicklung eines Kindes sehr gut einschätzen, sagt sie. Jedem dritten der rund 30 Vorschulkinder der Kita wurde zuletzt Sprachförderbedarf bescheinigt.

Jutta Wedemeyer betont aber, dass zuletzt in der Pandemie ein Teil der Sprachförderung in den Kitas nicht so stattfinden konnte wie sonst. Normalerweise werden die Förderkinder zeitweise aus ihren normalen Gruppen (20 Kinder) geholt und bekommen in einer Kleingruppe (maximal sechs Kinder) von einer speziellen Sprachförderkraft spielerische Anregungen. „Das konnte bei uns aufgrund der Corona-Regeln seit den Herbstferien nicht stattfinden, die Kinder haben von ihren Erzieherinnen aber in ihren normalen Gruppen eine besondere Ansprache bekommen.“

Schul-Hospitationen fallen aus

Die eingeschränkte Sprachförderung allein macht Wedemeyer noch keine Sorgen, wohl aber das Gesamtpaket für Vorschulkinder in der Pandemie: „Es fällt in diesem Jahr so vieles weg, gerade für die angehenden Schulkinder, es ist jammerschade, was da fehlt.“ Ausflüge, Schulkinderturnen, intensiver Kontakt zu den Familien: Das alles sei häufig nicht möglich gewesen. Wegfallen musste aufgrund von Corona auch das Hospitieren in der Schule, das die Kita organisiert: „Normalerweise können Vorschulkinder bei uns schon ein halbes Jahr lang einmal pro Woche in die benachbarte Schule gehen und dort Lehrer und Räume kennen lernen„, sagt Wedemeyer. “Das hilft gerade den Kindern, die nicht so selbstbewusst sind, und von denen haben wir hier viele.„ Dass die Schul-Hospitationen ausfallen mussten, bezeichnet sie als “für die Kinder katastrophal“.

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Der Übergang zur Schule sei für viele Kinder angstbesetzt. "Wir können ihnen in diesem Jahr die Angst nicht nehmen", so die Kita-Leiterin. "Viele Kinder, die in der ungewohnten Lernumgebung ängstlich sind, verstummen in der Schule.“

Sorgen macht man sich auch in anderen Stadtteilen. Schon im Februar betonte der Huchtinger Ortsamtsleiter Christian Schlesselmann, es sei wichtig, dass Kinder auch in der Pandemie Unterstützung bekämen. Andernfalls sei zu befürchten, dass sie ihre Schulzeit von Anfang an mit schlechteren Chancen begännen. "Das wäre ein fatales Signal.“

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Und im Hemelinger Beirat schlugen Schulleitungen Alarm: Für viele Schulkinder aus dem Stadtteil seien zuletzt weiter abnehmende Lesekompetenzen ermittelt worden. In den Grundschulen werde dringend zusätzliches Personal gebraucht, um die Kinder besser zu erreichen. „Wir sind alle sehr besorgt, der Sprachstand hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten bei uns deutlich verringert“, sagt Hemelingens Quartiersmanagerin Heike Schilling. Die ohnehin vorhandenen Schwierigkeiten hätten sich in der Pandemie verschärft.

Kleinere Gruppen gefordert

Dabei gibt es im Stadtteil Sprachförderprogramme wie zum Beispiel das Projekt Mitsprache, das an drei Schulen und vier Kitas in Hemelingen läuft. Dennoch sei letztlich klar: „Dieses Pilotprojekt ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, so Schilling. Jeder zweite Fünftklässler einer Oberschule im Stadtteil habe Schwierigkeiten, richtig zu lesen. Viele Grundschüler seien nicht in der Lage, dem Unterricht zu folgen. In vielen Familien werde kaum gelesen.

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Und der Kita- und Schulbesuch war in der Pandemie für viele Kinder immer wieder unterbrochen, schildert die Quartiersmanagerin: Immer wieder gingen ganze Kita-Gruppen und Klassen in Quarantäne, einige Kinder seien lange nicht in die Kindergärten und Schulen gegangen, weil ihre Eltern sie aus Sorge vor Ansteckung zu Hause ließen.

Was man tun müsste, um die Lage zu verbessern? „Wir brauchen kleinere Gruppen, um individueller auf einzelne Kinder eingehen zu können“, sagt Schilling. „Wenn wir hier zum Beispiel 20 Kinder in einer Klasse haben, können wir oft froh sein, wenn fünf von ihnen gut sprechen können. Wenn dann nur eine Lehrerin für diese 20 da ist, dann ist das viel zu wenig.“ Sie schließt sich der Forderungen von Hemelinger Schulleitungen an: „Wir brauchen in den benachteiligten Quartieren durchgehend eine Doppelbesetzung, zehn Stunden pro Woche reichen da nicht aus.“ Und auch die Kindergarten-Gruppen müsse man in benachteiligten Stadtgebieten im Grunde halbieren.

Info

Zur Sache

Jedes dritte Kind hat Sprachförderbedarf

Ein Jahr vor der Einschulung sollen alle Bremer Kinder einen Sprachtest machen. Dieser findet normalerweise im Frühling in den Grundschulen am Computer statt. Kinder mit Sprachschwierigkeiten sollen im Jahr vor der Einschulung gezielte Sprachförderung bekommen.

Bereits im vergangenen Jahr wurden die Cito-Tests von der Behörde abgesagt, im April 2020 waren die Schulen geschlossen. Stattdessen sollten Kita-Beschäftigte die Sprachfähigkeiten der Kinder einstufen.
In diesem Jahr soll das Verfahren nun wieder ähnlich laufen: „Die Sprachstandserhebung findet für die Kita-Kinder in Form einer Einschätzung der pädagogischen Fachkräfte statt“, sagt Behördensprecherin Annette Kemp. Die PC-Tests entfielen für die meisten Kinder, um in der Pandemie Kontakte zu reduzieren. „Die Durchführung des Tests würde bedeuten, dass rund 6000 Kinder und ihre Begleitungen in die Grundschulen kommen müssten.“

Die Sprach-Einstufung in den Kitas soll der Behörde zufolge voraussichtlich im Juni und spätestens bis zu den Sommerferien geschehen. Kinder ohne Kita-Bezug sollen die Cito-Tests trotz Pandemie am PC machen und zwar im September.

In 2020 sei die Sprachförderquote gestiegen, sagt Kemp. Zahlen dazu nennt die Behörde derzeit nicht. In Bremen sind die Sprachprobleme bereits seit 2013 kontinuierlich gewachsen. 2019 hatte mehr als jedes dritte Kind einen Sprachförderbedarf.

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