Ungewisse Zukunft Institut für niederdeutsche Sprache in Not

Wie geht es mit dem Institut für niederdeutsche Sprache weiter? Die Finanzierung für die Einrichtung im Schnoor läuft aus. Leiter Reinhard Goltz sucht deshalb nach neuen Aufgaben für das Institut.
13.06.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Institut für niederdeutsche Sprache in Not
Von Klaas Mucke

Wie geht es mit dem Institut für niederdeutsche Sprache weiter? Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein wollen die Einrichtung im Schnoor nicht mehr finanzieren. Leiter Reinhard Goltz sucht deshalb nach neuen Aufgaben für das Institut.

Reinhard Goltz ist für einen kurzen Augenblick sprachlos. Der Leiter des Instituts für niederdeutsche Sprache (INS) sitzt im oberen Stockwerk des kleinen Hauses im Schnoor, streicht sich durch seinen Bart und sucht nach dem richtigen Wort, um die Situation seines Instituts zu beschreiben. Die Bundesländer Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein hatten im Mai beschlossen, die finanzielle Förderung der Arbeit des INS zum Jahresende 2017 zu beenden. Damit würden dem Institut 272.000 Euro wegbrechen – gut zwei Drittel des gesamten Jahresbudgets.

Die gute Nachricht ist: Dem Plattdeutschen an sich soll es nicht an den Kragen gehen. Es werde nicht gespart, versichern alle vier Kulturbehörden der Bundesländer unisono. Schließlich hat man sich mit der Unterzeichnung der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen zum Schutz und zur Förderung des Niederdeutschen verpflichtet. Das Geld solle weiterhin für diese Aufgabe verwandt werden.

Nur, und das ist die schlechte Nachricht für Reinhard Goltz: Es ist unklar, ob das Institut für niederdeutsche Sprache wie bislang die zentrale Rolle dabei einnehmen wird, für den Schutz und die Förderung des Niederdeutschen zu sorgen. Reinhard Goltz weiß nicht, wie es nach 2017 weitergehen soll. Und auch bei den vier Ländern, die derzeit noch den Großteil des Geldes beisteuern, hält man sich bedeckt, welcher Weg ab 2018 eingeschlagen werden soll. Man wolle die Förderung des Niederdeutschen inhaltlich, strukturell und organisatorisch auf eine neue Grundlage stellen, heißt es aus Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein nahezu wortgleich. Auf diese Weise soll besser auf regionale Besonderheiten des Niederdeutschen eingegangen werden. Es ist die offizielle Sprachregelung, die alle Länder gemeinsam getroffen haben. Welche konkreten Pläne sich dahinter verbergen, das ist auch auf mehrfaches Nachfragen nicht zu erfahren.

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Klar ist: Es werden Gespräche geführt. In Bremen hatte bereits Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz in Aussicht gestellt, zwei Modelle für die Zukunft des INS zu prüfen: Einerseits könnte das Institut zum Bremer Dienstleister für Sprachpflege- und Sprachvermittlung werden. Auch eine wissenschaftliche Ausrichtung komme in Betracht – eventuell in Verbindung mit anderen Bundesländern.

Für Bürgerschaftspräsident Christian Weber, gleichzeitig auch Vorsitzender des Beirats Niederdeutsch in der Bürgerschaft, ist ein Aus des INS undenkbar. „Ich gehe davon aus, dass das INS nicht völlig von der Bildfläche verschwinden wird, sondern in verkleinerter Form oder in Kooperation mit einem der bisherigen Unterstützerländer – ich denke an Niedersachsen – erhalten werden kann. Das Know-how des Instituts ist für das Kulturgut Plattdeutsch unerlässlich“, teilt Weber mit.

Der Wertschätzung für die Arbeit des INS vonseiten des Landes Bremen ist sich Reinhard Goltz denn auch sicher. „Es wird in den Gesprächen großer Wert darauf gelegt, das INS in der jetzigen Form und dem jetzigen Aufgabenprofil zu erhalten“, sagt Goltz. Anders sieht das bei den übrigen drei Bundesländern aus. Aus Hamburg ist zwar zu hören, dass Gespräche mit dem INS geführt werden. Inwieweit das eine weitere Unterstützung über 2017 hinaus bedeuten könnte, blieb aber im Unklaren.

Zumal man bei der Hamburger Kultursenatorin Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit dem Institut für niederdeutsche Sprache durchblicken lässt: Es gebe „Problembereiche zwischen den Geberländern und dem INS“, heißt es in einer Stellungnahme der Behörde. Worin diese Probleme genau bestehen sollen, darauf will man nicht näher eingehen – weder in Niedersachsen, noch in Schleswig-Holstein oder Hamburg. So bleibt der Verweis auf „Entwicklungen und Veränderungen der letzten Jahrzehnte“, auf die das schleswig-holsteinische Ministerium für Kultur hinweist, oder die „Entwicklungen und Herausforderungen der letzten Zeit“, die das Ministerium für Kultur in Niedersachsen anspricht.

Reinhard Goltz wirkt ratlos über die Vorgänge. Zwar gibt er zu: Gänzlich reibungslos sei die Zusammenarbeit mit den Ländern zuletzt nicht gewesen. Allerdings sieht Goltz die Vertreter der Bundesländer in der Pflicht. Nicht alle Entscheidungen, die das INS beträfen, seien in der Vergangenheit mit dem Institut vorab besprochen worden, bemängelt Goltz die Kommunikation der Länder mit dem INS. „Wenn die Länder inhaltlich andere Vorstellungen haben, dann sollen sie sich mitteilen“, sagt Goltz und plädiert für einen transparenteren Dialog. Die Nachricht, dass die Förderung gestrichen werden soll, sei für ihn jedenfalls überraschend gekommen. Bis dahin habe niemand über die Arbeit des INS geklagt.

Die Planungen der Länder, die niederdeutsche Sprache in den Regionen zu fördern, unterstützt Goltz. Es sei völlig klar, dass die Förderung direkt bei den Leuten vor Ort stattfinden müsse. Eine Förderung vor Ort, regionale Programme sowie eine überregionale Zentrale sind für Goltz aber kein Widerspruch, sondern eine sinnvolle Bündelung der Arbeit. „Es ist ein großer Fehler, wenn man an acht Stellen am selben Rad dreht“, sagt Goltz und wirbt damit bei den Politikern dafür, die Kündigung der Förderung noch einmal zu überdenken.

Dabei springt ihm Bürgerschaftspräsident Christian Weber zur Seite. Ein Stück weit werde an der Identität der Region gekratzt, teilt er mit. Weber sieht Erfolge in der Bewahrung der niederdeutschen Sprache und in dem Bemühen, sie in das Bewusstsein insbesondere der jungen Generation zu rufen. „Wir müssen aufpassen, dass wir die behutsamen Fortschritte nicht wieder durch Kleinkariertheit zerstören.“

Die Bremer Kulturbehörde beschwichtigt. „Das Gute ist: Die Kündigung ist früh gekommen. Es ist jetzt lange Zeit, sich vernünftig zu überlegen, wie die Förderung in Bremen in Zukunft aussehen kann und welche Rolle das INS dabei spielen kann.“ Das immerhin ist so oder so ähnlich auch aus den anderen Behörden zu hören. Wie die Länder in Zukunft die niederdeutsche Sprache schützen und fördern wollen, bleibt dennoch vorerst unklar.

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