Verträge zur Privathochschule unterzeichnet

Investor will Jacobs-Uni neu ausrichten

Die private Bremer Jacobs University hat einen neuen Mehrheitseigentümer. Am Donnerstag wurde Investor Serguei Beloussov vorgestellt. Er will einen neuen Schwerpunkt bei Computerwissenschaften setzen.
23.09.2021, 19:17
Lesedauer: 4 Min
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Investor will Jacobs-Uni neu ausrichten
Von Jürgen Theiner

An der Jacobs University in Bremen-Nord wird ein neues Kapitel aufgeschlagen. Vertreter der Stadt und der in Singapur ansässige Investor Serguei Beloussov haben am Mittwoch und Donnerstag die Verträge unterzeichnet, mit denen seine Firma Schaffhausen Institute of Technology (SIT) Mehrheitseigentümer der Privathochschule wird. Der 50-jährige Beloussov, promovierter Computerwissenschaftler und international agierender IT-Unternehmer, war aus den Sondierungsgesprächen der Wissenschaftsbehörde mit einstiegswilligen Interessenten als Favorit hervorgegangen.

In den vergangenen Wochen wurden die entsprechenden Verträge ausgearbeitet, dem SIT die unternehmerische Führung der Jacobs-Uni übertragen. Darin ist unter anderem eine Verpflichtung zu einem "Basis-Investment" von zunächst 25 Millionen Euro vorgesehen.

Am Donnerstagvormittag wurde der neue Lenker der Jacobs-Uni im Rathaus vorgestellt. Serguei Beloussov kündigte an, die Privathochschule inhaltlich neu ausrichten zu wollen. Der Schwerpunkt der Lehr- und Forschungsaktivitäten wird im Bereich der Computerwissenschaften und digitaler Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz liegen.

Was vom bisherigen Fächerspektrum der Jacobs University bleibt, dazu äußerte sich Beloussov nicht präzise. Er deutete jedoch an: Ein Teil des vorhandenen Studienangebots, bei dem es inhaltliche Überschneidungen mit dem neuen Schwerpunkt gibt, könne weiterentwickelt und entsprechend nutzbar gemacht werden. Als ein Beispiel nannte Beloussov die Psychologie. Deren Forschungsergebnisse seien bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz grundlegend. Der SIT-Chef ließ aber auch keinen Zweifel daran, dass Forschung an der Jacobs University künftig "anwendbar" sein müsse. Finanzielle Hilfen von Stadt und Land Bremen erwarte er nicht.

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Genau dies war eine politische Prämisse des rot-grün-roten Senats. Das Land hatte seit der Gründung der damaligen International University Bremen (IUB) im Jahr 2001 immer wieder Geld in die Privathochschule gesteckt, zuletzt im Jahr 2018 durch die Übernahme eines Darlehens in Höhe von 45 Millionen Euro, das die Jacobs University noch lange Zeit hätte abstottern müssen. Mit solchen Zuwendungen aus Steuergeldern, so lautete die Ansage an alle potenziellen Investoren, könne die Privathochschule in Zukunft nicht mehr rechnen.

Umso nachdrücklicher sicherte Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) dem neuen Eigentümer die ideelle Unterstützung der Stadt zu. "Ich bin sicher, dass Sie am richtigen Standort investieren", sagte Bovenschulte in Richtung des Investors. Man habe Serguei Beloussov in den vergangenen Monaten als fairen Verhandlungspartner kennengelernt. Bovenschulte wies darauf hin, dass Bremen schon jetzt über mehrere Forschungseinrichtungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz verfüge. Die Jacobs-Uni werde mit ihrem neuen Profil helfen, diesen Schwerpunkt noch deutlich auszubauen. Wissenschaftssenatorin Claudia Schilling (SPD) charakterisierte Beloussov als "begeisterten Wissenschaftler, der die Universität schrittweise weiterentwickeln will".

Ob die Jacobs University in Zukunft noch diesen Namen tragen wird, bleibt vorerst offen. Die vormalige IUB hatte diese Bezeichnung 2006 angenommen, nachdem der Unternehmer Klaus J. Jacobs mit einer 200-Millionen-Euro-Spende auf dem Grohner Campus eingestiegen war. Serguei Beloussov kann sich nach eigenen Worten eine Kombination aus dem bisherigen Namen und dem Firmenkürzel SIT vorstellen. Entschieden sei hierüber aber noch nicht.

Klar ist hingegen, dass der Investor einen ehrgeizigen Expansionskurs verfolgt. Aktuell studieren auf dem Grohner Campus rund 1500 junge Leute aus aller Welt, mittelfristig sollen es bis zu 4500 sein – was allerdings nicht heißt, dass alle eingeschriebenen Studenten auch vor Ort sind. Neben dem physischen soll es einen "digitalen Campus" geben, also die Möglichkeit, über das Internet am Seminar- und Vorlesungsbetrieb teilzunehmen. Auch Angebote in Teil-Präsenz sind angedacht.

Wie kommen die Neuigkeiten auf dem Campus an? Der Betriebsrat der Jacobs-Uni zeigt sich konstruktiv. Die jetzt gefundene Lösung sei "in jedem Fall besser als eine Pleite", sagte der Vorsitzende der Arbeitnehmervertretung, Alexander Lerchl. Ein solches Ende hätte mittelfristig gedroht, wenn die Suche nach einem Investor erfolglos geblieben wäre. Lerchl hofft, dass möglichst viele der gegenwärtig 420 Arbeitsplätze auf dem Uni-Gelände erhalten bleiben. Investor Beloussov habe bereits angekündigt, den Dialog mit den Gremien der Universität zu suchen. Dies sei ein gutes Zeichen. Von den gewählten Sprechern der Studentenschaft war am Donnerstag keine Stellungnahme zu erhalten.

Zur Sache

Schaffhausen Institute of Technology

Das SIT wurde im Jahr 2019 als Bildungs- und Forschungseinrichtung in der schweizerischen Stadt Schaffhausen unweit der deutschen Grenze etabliert. Hinter dem Projekt steht der in der Sowjetunion aufgewachsene, seit vielen Jahren in Singapur beheimatete Geschäftsmann Serguei Beloussov. Er ist Gründer des Datensicherheitsunternehmens Acronis, dessen Software-Produkte weltweit im Einsatz sind. Dem Beirat des SIT gehört neben mehreren Nobelpreisträgern auch der Gründungsdirektor des Deutschen Zentrums für KI-Forschung, Wolfgang Wahlster an. Mit dem unternehmerischen Engagement des SIT auf dem Grohner Campus erhält die Einrichtung Zugang zum europäischen Hochschulsystem.

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