Justizvollzug in Bremen JVA Bremen: Der Weg der Neuankömmlinge

Wer seine Straf- oder U-Haft antreten muss, durchläuft am ersten Tag mehrere Abteilungen. Bei der Aufnahme geht es den Bedienstenen auch darum, den Gefangenen Angst und Unsicherheiten zu nehmen.
06.05.2018, 20:22
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JVA Bremen: Der Weg der Neuankömmlinge
Von Silke Hellwig

Es ist kein leichter Gang. Schon viele Meter vor der Pforte der Justizvollzugsanstalt in Oslebshausen beginnt die hohe rote Mauer, später auch der Bandstacheldraht. Dort enden Freiheit, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, weitgehend auch die Privat- und Intimsphäre. Hinter der Mauer ist vieles verboten und manches erlaubt, hier übernimmt der Staat eine Art Sorgerecht über Erwachsene, im positiven Sinne und im negativen.

An der Pforte sitzen Justizvollzugsbeamte hinter dickem Glas, kommuniziert wird durch eine Gegensprechanlage. Ein Fach aus Stahl dient dem Austausch von Papieren. Fällt die erste Tür hinter dem Bewohner auf Zeit zu, beginnt das Territorium, auf dem die Fenster vergittert, die Türen grundsätzlich verschlossen sind. In seiner Zellentür wird sich hinter dem Gefangenen zuletzt der Schlüssel im Schloss drehen.

Beschränkungen aller Art

Die Wartezone, der Vorraum zu Beschränkungen aller Art, ist schlicht und praktisch. Es gibt einen Getränke- und einen Süßigkeitenautomat für Besucher. Hinter der nächsten Tür beginnt die Revisionsabteilung. Eingangs ist sie ausgestattet wie ein Flughafen – mit Röntgengeräten und Metalldetektorrahmen. Über diesen Eingang für externe Besucher werden nur Gefangene eingelassen, die sich selbst zum Strafantritt stellen. Mit der Tür an der Pforte werden sie ständig und unmittelbar beaufsichtigt. Ihr Weg führt sie an Besucherräumen vorbei, kleineren mit einer Trennwand aus Glas oder einem PC-Arbeitsplatz, einem größeren mit Tischplatten aus Glas, damit Besucher Besuchten nichts zustecken können oder es zu unsittlichen Handlungen kommt. Für den Langzeitbesuch von fünf Stunden, der manchen Inhaftierten gewährt wird, gibt es einen eigenen Bereich.

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Wer den Weg in die JVA nicht allein findet, sondern von der Polizei gebracht wird, aus dem Gericht oder nach einer Festnahme, betritt sie vom Hof aus, wenn er aus dem Auto oder Bus steigt. In Empfang genommen werden die Menschen von Werner Fincke und seinen Kollegen. Fincke leitet die Revision. Ein kurzes Informationsgespräch steht am Anfang jeder Aufnahme. Die Gefangenen werden auf die nächsten Schritte vorbereitet, über Rechte und Pflichten informiert. „Wir bemühen uns, Unklarheiten und Unsicherheiten auszuräumen", sagt Fincke. Wichtig sei, bei der ersten Begegnung „den Menschen psychologisch zu erfassen und einzuordnen, um mögliche Gefahren einschätzen zu können" – für die Beamten, andere Gefangene, den Neuankömmling selbst. Die Ankunft im Knast sei für die meisten Gefangenen eine schwere Stunde.

Der Weg am ersten Tag, vom Arzt zum Psychologen, zur Kammer, auf die Station und in die Zelle, stets begleitet von JVA-Bediensteten, wird mit leichtem Gepäck absolviert. Mehr als ein Buch, Tabak „und alles Weitere, was man für den ersten Tag braucht", ist nicht erlaubt. Der weitere Besitz wird bei Ankunft abgegeben, von Bediensteten geröntgt und überprüft. Wertgegenstände wie Bargeld, Ausweis oder Smartphone, sogenannte Effekten, werden bis zur Entlassung einbehalten. Das gilt auch für Gegenstände, die vor der roten Mauer alltäglich sind, aber in der JVA verboten – Metallgegenstände, Medikamente ohne ärztliche Begleitschreiben, alles, was als Waffe missbraucht oder zum illegalen Handel genutzt werden kann wie teure Uhren oder luxuriöse Markenkleidung.

„Wir machen das so moderat wie möglich"

Die Flure im Aufnahmebereich sind selten leer. Neulinge kommen an, auch Gefangenentransporte werden hier abgewickelt. Manche machen nur kurz in Bremen Station, um umzusteigen, andere bleiben länger oder ganz lange. Die Wände in den Warteräumen sind mit Namen, Daten, Unflätigkeiten bekritzelt. Ein Raum, der von dem langen Flur abzweigt, ist mit einem gut einem Quadratmeter großen Spiegel ausgestattet. Er ist im Boden eingelassen und dient der „körperlichen Aufnahmedurchsuchung". Die Gefangenen müssen sich entkleiden, die Textilien werden gründlich inspiziert. Der Spiegel ermöglicht einen Kontrollblick in Körperöffnungen des Intimbereichs, heikel für alle Beteiligten, aber zur Gefahrenabwehr unverzichtbar. Keine auch nur erdenkliche Chance bleibe unversucht, um Drogen oder verbotene Gegenstände zu importieren. „Wir machen das so moderat wie möglich", sagt Fincke.

Nicht alle Gefangenen stellen sich gefasst dem, was ihnen geschieht, wenn die schweren Türen zufallen. Nicht alle sind nüchtern. Nicht alle haben ihre Gefühle unter Kontrolle, die Angst, die Ohnmacht, Unsicherheit oder Wut, beides oder alles. Fincke und seine Kollegen bemühen sich um Deeskalation, um Freundlichkeit, darum, Ruhe auszustrahlen, „hier herrscht nicht nur Law and Order". Letztes Mittel ist ein "besonders gesicherter Haftraum" – eine videoüberwachte Zelle, mit spärlichster Ausstattung, damit nichts demoliert werden kann.

Auch Ulrich Peiffer oder seinen Kollegen lernen die Gefangenen kennen. Der Internist und das Lazarett-Team betreuen die Gefangenen in Bremen und Bremerhaven, „die meisten sind junge gesunde Männer". Was draußen Erstuntersuchung heißt, nennt sich hier Zugangsuntersuchung, unterscheidet sich sonst aber nicht: Sie besteht aus Anamnese und Gesundheitscheck. Grundsätzlich plagten die Gefangenen die gleichen Beschwerden wie andere Menschen. Unter den Lebenslänglichen „seien einige ältere Herren" mit altersüblichen Krankheiten, „Zucker, Rheuma, Bluthochdruck".

Es gibt Unterschiede: Viele Inhaftierte sind drogensüchtig, haben Hepatitis, sind HIV-positiv. Rund 100 Häftlinge werden mit der Ersatzdroge Polamidon versorgt. In manchen Fällen sei die Inhaftierung lebensverlängernd, der gesundheitliche Zustand der Neuankömmlinge erbärmlich. Viele nähmen vor dem Haftantritt noch einmal alles, was sie in die Hände bekämen. „In der ersten Urinkontrolle ist dann alles, außer Mettbrötchen", so Peiffer. Auch mit psychischen Auffälligkeiten habe er es öfter zu tun als Kollegen vor den roten Mauern. „Es ist oft schwierig zu trennen, ob die Auffälligkeiten für das Delikt verantwortlich war oder das Delikt für die Auffälligkeiten."

Jeder Häftling bekommt ein „Schläfer-Gepäck"

Auf dem Weg in die Zelle besucht jeder Neue auch eine Kammer, die Abteilung von Thomas Stölting und seinen Kollegen. Sie besteht zu einem großen Teil aus Lagerflächen – nicht nur für die Ausstattung der Gefangenen innerhalb der Anstalt. Eingelagert werden auch ihre Besitztümer, vom Fernseher bis zum Aktenordner, von sechs Kartons mit dem letzten Besitz nach einer Wohnungsauflösung bis zum Laptop. Wertgegenstände werden in Effektenboxen in einem besonderen Raum verwahrt. Jeder Häftling bekommt ein „Schläfer-Gepäck" ausgehändigt, die Grundausstattung mit Teller, Tasse, Besteck, Handtücher und Socken, Zahnbürste und Badelatschen, Bettwäsche und Sportkleidung. Wer sich auf den Haftantritt vorbereitet hat, bringt eigene Textilien mit.

„Das erste, was wir hier herausgeben, ist ein Leihfernseher", sagt Kammerbeamter Stölting. Die Inhaftierten sollen von Beginn an die Möglichkeit haben, sich zu informieren, aber auch abzulenken, buchstäblich um des lieben Friedens in der Anstalt willen. Öffentlich-rechtliche Programme sind frei, für alle anderen müssen die Gefangenen eine monatliche Gebühr zahlen.

In einem anderen Teil der Verwaltung kommen die Gefangenen auch schriftlich an, bei Frank Müller oder seinen Kollegen. Müller ist stellvertretender Leiter der Vollzugsgeschäftsstelle (VZG). Sie unterscheidet sich nicht von anderen Geschäftsstellen, erstreckt sich über mehrere Zimmer. Lange Regale mit Gefangenen-Personalakten ziehen sich an den Wänden entlang, die dickste umfasst 15 Bände.

Die VZG-Mitarbeiter begrüßen jeden Gefangenen in der Aufnahmestation, nehmen die Personalien auf und bereiten sich im Gespräch darauf vor, sich um alles zu kümmern, worum sich Gefangene nicht selbst kümmern können: ob beim Jobcenter der Hartz-IV-Bezug unterbrochen, die Mietwohnung gekündigt oder die „Habesicherung" organisiert werden muss. Die Entlassungspapiere werden vorbereitet, Urlaubs- und Ausgangsscheine ausgestellt, Transporte organisiert. In der VZG werden auch, berichtet Müller, die Beschwerden der Gefangenen verwaltet. Die Faustregel: „In der Anstalt ist es ruhig, wenn das Essen stimmt."

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