Justizvollzug in Bremen Das Selbstmordrisiko in den ersten Wochen ist hoch

Für Gefangener der Untersuchungshaft gilt auch hinter Gittern die Unschuldsvermutung. Das macht sie aber nicht zu Inhaftierten erster Klasse. Ihre Einschränkungen können sogar größer sein.
06.05.2018, 20:40
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Das Selbstmordrisiko in den ersten Wochen ist hoch
Von Silke Hellwig

Heike Hoeft hat genug zu tun: Die Zahl der Untersuchungshäftlinge in Bremen ist seit 2016 deutlich gestiegen, dauerhaft. Vor wenigen Tagen ist eine weitere Station eröffnet worden, 100 U-Haft-Plätze reichten nicht mehr aus. Heike Hoeft ist Vollzugsabteilungsleiterin. Anders als Straf- kommen Untersuchungsgefangene hinter Gitter, um ein gerichtliches Strafverfahren zu sichern. Sie sind als „dringend tatverdächtig“ eingestuft, für sie gilt aber weiterhin die Unschuldsvermutung, bis über die erhobenen Vorwürfe entschieden ist.

Als Haftgründe gelten Verdunklungs-, Flucht- oder Wiederholungsgefahr sowie der Verdacht auf Schwerkriminalität. „Wir haben hier keinen Resozialisierungsauftrag“, sagt Heike Hoeft, deshalb gibt es auch keine Therapiegruppen. „Man kann pauschal sagen, hier werden die Menschen auf die Inhaftierung vorbereitet, in der Strafhaft werden sie auf die Freiheit vorbereitet.“ Die Mehrheit der U-Häftlinge werde rechtskräftig verurteilt und wechsele die Station. Das geschehe durchschnittlich etwa nach sechs bis neun Monaten. Mehrere Jahre kann die U-Haft andauern, wenn Urteile mehrfach angefochten werden.

Mahlzeiten von Alfons Schuhbeck

U-Gefangene sind trotz Unschuldsvermutung keine Häftlinge erster Klasse. Wegen der Verfahrenssicherung können richterlich diverse Einschränkungen angeordnet werden. Sie betreffen alles, was der Verdunklung dienen könnte: Telefonate, Besuche, Post. Vor gut einem Jahr berichtete das Magazin „Focus“ über einen der Steuerhinterziehung angeklagten Bordell-Besitzer, der sich täglich in der JVA Stadelheim mit Mahlzeiten von Alfons Schuhbeck beliefern ließ. In Bremen ist seit einer Gesetzesreform im Jahr 2010 mit derartigen Extras Schluss.

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Wie in der Strafhaft haben U-Haft-Gefangene „Gitter vor den Fenstern, eine Tür, die abgeschlossen wird, ein Bett, einen Schrank, einen Tisch und eine Toilette“, sagt Heike Hoeft. Sie sind jedoch nicht zur Arbeit verpflichtet, „der Bedarf, freiwillig zu arbeiten, ist aber groß“, so Hoeft. Vor allem für labile Menschen oder krisenhafte Phasen sei die erzwungene Untätigkeit in einem stark begrenzten Raum ein großer Stressfaktor. Anders als in der Strafhaft können sich U-Gefangene auf ihrer Station indes freier bewegen, der Einschluss ist kürzer, wenngleich Personalengpässe gelegentlich zu Einschränkungen führten.

Für die männlichen U-Häftlinge ist die Psychologierätin Kirsten Kunze zuständig. Einige unter ihnen befänden sich bei ihrer Ankunft in einem psychischen Ausnahmezustand, vor allem, wenn sie zuvor noch nie in Haft waren: „Die Erstinhaftierung ist für viele schwer zu verkraften. Sie wissen nicht, was auf sie zukommt, haben keinen Kontakt zur Familie, fühlen sich ohnmächtig und ausgeliefert, schlafen schlecht, grübeln viel. Wir begleiten die Gefangenen durch diese schwierige Phase und stabilisieren sie.“

Das Selbsttötungsrisiko gilt in den ersten Wochen der U-Haft als hoch. „Das ist für uns ein großes Thema“, sagt Kirsten Kunze. Vor allem wenn der U-Haft ein Tötungs- und Sexualdelikt zugrunde liege. Solchen Taten gingen oft schwere Krisen voraus. „Die Scham, die Wut, die Angst und Trauer muss man erst mal verarbeiten.“ Ein sogenanntes Suizidscreening dient dazu, das Risiko besser einschätzen zu können. Besonders wichtig sei obendrein „das Sammeln und der Austausch von Informationen sowie von Eindrücken im Team“, sagt die Psychologin. Eine Garantie für eine richtige Einschätzung gebe es nicht, „die Klientel ist schwierig“.

Die U-Haft kann auch eine Chance sein

Es gebe Gründe dafür, dass U-Haft verhängt wird, „die wir hier aber nicht zu beurteilen haben“, sagt Heike Hoeft. „Ich glaube, dass sie auch eine Chance sein kann. Manche Gefangene kommen hier zur Ruhe, sie fangen an, sich zu sortieren. Manche werden erst hier medizinisch so betreut, wie es nötig ist. Manche bekommen hier die Hilfe, die sie sich selbst nicht organisieren konnten, um Dinge anzugehen und zu regeln, die sie alleine nicht regeln konnten.“

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