Kleiner Raum ganz groß Kiosk am Markt: Tausende Artikel auf sechs Quadratmetern

Der Kiosk am Markt bietet seinen Kunden auf sechs Quadratmetern 4500 Artikel. Souvenirs, Bremensien oder Süßigkeiten gehören zum Sortiment. Ein Blick hinein.
15.02.2020, 21:54
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Kiosk am Markt: Tausende Artikel auf sechs Quadratmetern
Von Jörg Niemeyer

Klein, aber oho! Wo wäre dieser Spruch angebrachter als beim Kiosk am Markt in Bremen? Nur drei Meter lang und zwei Meter breit, ist er ein Raumwunder. Die Ausstattung auf diesen sechs Quadratmetern Grundfläche als minimal zu bezeichnen, wäre schon eine Übertreibung. Wasser? Gibt es hier nicht, zumindest nicht aus der Leitung. Mithin also auch kein Waschbecken und keine Toilette. Keller- oder Bodenraum? Fehlanzeige. Wenn überhaupt und dann nur gelegentlich, ist ein Klappstuhl die einzige Sitzgelegenheit in diesem Kiosk, in dem der größte Teil der Fläche genutzt wird, um Tausende Artikel unterzubringen – Souvenirs, Bremensien, Zeitungen und Werder-Utensilien ebenso wie Süßigkeiten, Getränke und Zigaretten.

Viele Badezimmer in bremischen Wohnungen sind größer als dieser kleine Verkaufsladen, der allerdings in mancher Kategorie mit wahren Topwerten aufwarten kann. Da ist schon mal die einmalige geografische Lage – die zweifellos beste in der Stadt. Zwar nicht auf dem Marktplatz, aber gleich daneben und von diesem eigentlich auch gut zu sehen, wenn da nicht gerade ein Bauzaun stehen würde. „Der Umbau der Bürgerschaft ist eine Katastrophe“, stöhnt Hans-Jürgen Küper und denkt, na klar, an seinen Umsatz. Von dem müssen er selbst und seine sieben Teilzeit-Angestellten schließlich bezahlt werden. Geöffnet ist an sieben Tagen die Woche, von 9 bis 19 Uhr. Gearbeitet wird in zwei Schichten. Nur zu Weihnachten und Silvester ruht der Betrieb.

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2015 hat der 53-Jährige den Kiosk von seinen Eltern übernommen, seitdem ist er der Pächter. „Wenn wir nicht sichtbar sind, verkaufen wir auch nichts“, sagt Küper und ärgert sich darüber, dass der Zaun vom Marktplatz aus das Sichtfeld auf sein Geschäft massiv einschränkt. Nun ist der Kiosk wegen des Zauns natürlich nicht unsichtbar. Doch weil laut Hans-Jürgen Küper geschätzte 98 Prozent seiner Kunden Laufkundschaft sind und weil Menschen, die in Bremen nur kurz zu Besuch sind, die Stadt wenig und den Kiosk am Markt noch weniger kennen, ist der Ärger des Pächters schon verständlich. Denn sein Geschäft hängt nun mal von vielen Variablen ab. Ein Bauzaun ist dabei ebenso schädlich wie das stürmische Wetter in der vergangenen Woche oder eine autofreie Innenstadt. Die hat Bremen zwar noch nicht, aber ein Kiosk-Betreiber macht sich auch darüber so seine Gedanken.

Wenn Küper durch das schmale Verkaufsfenster über die mit Bedacht und Sorgfalt angeordneten Gläser und Becher, Kühlschrank-Magneten mit Bremen-Motiven, Getränke und Bonbons hinweg schaut, sieht er keinen Zaun. Vielmehr blickt er, sofern nicht gerade eine Straßenbahn vorbei fährt, schräg links auf das Rathaus, schräg rechts auf die Domtreppen und -portale und geradeaus in Richtung Domshof. Ein idealer Platz für einen Kiosk, weil Menschen von allen Seiten vorbeiströmen und den Kiosk einfach wahrnehmen müssen.

Der Kiosk am Wanderweg

An manchen Tagen im Jahr, immer wenn Werder ein Heimspiel hat, liegt der Kiosk am Markt sogar an einem Wanderweg. Der ist auf keinem Stadtplan als solcher eingetragen, wird aber in der Realität als solcher genutzt. „Eine prominente Route der Fans zum Weserstadion führt an meinem Kiosk vorbei“, sagt Küper. Viele treue Fans seien auch treue Fans seines Kiosks.

An guten Tagen, zum Beispiel an Werder-Heimspieltagen, zähle er schon mal 300 bezahlende Kunden. Registriert durch die Kasse, über die Hans-Jürgen Küper jederzeit Inventur machen könnte. Als Kleinunternehmer muss er das nicht, doch er macht es. Im Zeitalter des Computers sieht er jederzeit, was er auf Lager hat. Sein Sortiment umfasse etwa 4500 Artikel – angesichts der winzigen Lager- und Verkaufsfläche eine beinahe unfassbare Anzahl. Alle Artikel haben eine eigene Nummer und einen Strichcode, den sogenannten Barcode, der eine schnelle elektronische Erfassung möglich macht. „Ich kann von zu Hause aus sehen, was im Kiosk passiert“, sagt Küper, „und entsprechend planen, dass Ware, die verkauft wurde, auch wieder aufgefüllt wird.“ Weil Küper in der Fußgängerzone nur bis 11 Uhr mit seinem Auto vorfahren und Ware anliefern darf und weil er auf seinen sechs Quadratmetern nur das Notwendigste lagern kann, ist die ständige und genaue Kenntnis von Bestand und Fehlbestand besonders wichtig.

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4500 Artikel auf sechs Quadratmetern unterzubringen, ist die eine Kunst; zu ­wissen, welcher Artikel wo liegt, eine andere. Diesbezüglich kommt Ruth Küper ins Spiel. Die mittlerweile 74-Jährige, die immer noch einige Schichten im Kiosk übernimmt, habe schon zu der Zeit, als ihr Mann und sie den Kiosk führten, für die notwendige Ordnung gesorgt. „Mit kleinen Kästchen wie in einer Apotheke“, sagt der Sohn gleicher­maßen anerkennend wie bewundernd, ­„jedes Produkt hat seinen Platz.“ Er selbst kenne diese Plätze auch – notwendigerweise. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Kunde genau den Gegenstand, den er einmal angefasst hat, meistens auch kaufen möchte.“ Manchmal aber wolle er auch ein verpacktes Stück haben, und dann müsse der Verkäufer eben wissen, wo es zu finden ist.

Das Verhältnis zwischen Kundschaft und Verkäufern ist ein ganz besonderes. Es will gepflegt sein. Durch Freundlichkeit sowieso. Durch Hilfsbereitschaft. „Manchmal bin ich auch die Touristen-Information“, sagt Küper lachend. Dann gebe er Tipps zu Sehenswürdigkeiten. Manchmal erfüllen die Küpers Kundenwünsche. „Das ist unser Service“, sagt Mutter Ruth, die gerade eine spezielle Fahne besorgt hat und sie ihrem Sohn gibt. „Wir können im Kleinen noch Manches machen, was die Großen nicht mehr können“, sagt sie und ist froh darüber.

Kundennähe durch das Internet

Klein sein muss also nicht automatisch ein Nachteil sein. Und sechs Quadratmeter Grundfläche sind groß genug, um WLAN zu bieten. Auch die Möglichkeit, direkt am Kiosk ins Internet gehen zu können, schafft Kundennähe. „Viele Touristen stehen hier und telefonieren per Video mit ihrer Heimat“, sagt Küper. Er weiß: Jeder Moment, den ein Gast länger am Kiosk verweilt, könnte gut für das Geschäft sein. Muss nicht, aber könnte. Und er, Küper, würde bei Bedarf dann erklären, was er mit dem Thema Bremen verbinde.

Ereignisse und Feste wie Werder-Spiele, der Freimarkt, der Weihnachtsmarkt oder jetzt gerade der Bremer Sambakarneval seien, sagt Küper, gut fürs Geschäft, weil sie potenzielle Kundschaft in die Stadt locken. „Deshalb sind wir auch abhängig von einem guten Bremen-Marketing.“ Klingt logisch und würde in der Innenstadt wohl jeder Gastronom so sagen. Trotzdem sieht Hans-Jürgen Küper Märkte und Umzüge vor seinem Fenster nicht nur positiv. „Die vielen Lichter des Weihnachtsmarktes scheinen meinen kleinen, dunklen Kiosk fast zu erdrücken“, sagt er. Ohne Märkte und Umzüge bekäme sein Kiosk viel mehr Aufmerksamkeit. Einerseits. Hätte aber, andererseits, vermutlich weniger Kunden.

Ob mit oder ohne Party in der Stadt: Hans-Jürgen Küpers Kiosk lockt Scharen von Menschen an. 361 Verkaufstage pro Jahr mit mal 100, mal 300 Kunden; dazu all die Touristen und die Einheimischen, die gucken, aber nicht kaufen: Es könnten jährlich mehr als 100.000 Menschen aus allen Teilen der Welt sein, die den kleinen, optimal ausgenutzten Raum für ihre Versorgung nutzen und ihn darüber hinaus zu einer internationalen Begegnungsstätte machen.

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