Geplantes Senatsprogramm Kritik an Aktionsplan für Alleinerziehende

Der Bremer Senat soll einen Aktionsplan erstellen, mit dem Alleinerziehende aus der Armut geholt werden sollen. Ein langjähriger Sozialpädagoge befürchtet, dass ein Aspekt darin zu kurz kommt.
08.02.2020, 18:45
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Kritik an Aktionsplan für Alleinerziehende
Von Carolin Henkenberens

Der Aktionsplan Alleinerziehende des Bremer Senats könnte einen wichtigen Aspekt außen vor lassen. Dies befürchtet der langjährige Leiter der Jugendhilfeeinrichtung „Alten Eichen“, Detlev Busche. „Die Tatsache, dass die erzieherischen Hilfen im Zusammenhang mit dem Senatsprogramm Alleinerziehende überhaupt nicht auftauchen, ist ein Armutszeugnis der Politik“, schreibt der Sozialpädagoge in einem offenen Brief an die Fraktionsspitzen von SPD, Grünen und Linken. Busche ist aktives Mitglied der Grünen auf Stadtteilebene.

Ende September hatte die Bremische Bürgerschaft auf Antrag der Regierungsfraktionen den Senat aufgefordert, innerhalb eines halben Jahres einen Aktionsplan zur Verbesserung der Situation von Alleinerziehenden zu erstellen. Zwei von drei Alleinerziehenden mit Kindern unter 18 Jahren im Land Bremen sind auf Grundsicherung angewiesen – das ist die höchste Quote bundesweit. Deshalb sollen laut Bürgerschaftsantrag ein Arbeitsmarktprogramm aufgesetzt werden, Angebote des Jobcenters besser an Alleinerziehende angepasst und die Kinderbetreuung ausgebaut werden. Zudem soll der Senat eine ressortübergreifende Steuerungsgruppe zur Umsetzung des künftigen Programms einrichten. Bisher existiert der Aktionsplan noch nicht, der Senat muss ihn bis Ende März vorlegen.

Lesen Sie auch

Busche fehlt in dem Antrag das Themenfeld erzieherische Hilfen. Eltern stehen solche Hilfen zu, wenn das Wohl eines jungen Menschen gefährdet ist, etwa in Form von Familienhelfern, Erziehungsberatung oder der Unterbringung eines Kindes in einem Heim. 40 Prozent der Minderjährigen, die in Bremen solche Hilfen in Anspruch nehmen, leben mit nur einem Elternteil zusammen, schreibt Busche mit Verweis auf das Statistische Landesamt.

Das seien gut 2500 Kinder und Jugendliche. Busche betont, da Alleinerziehende besonders oft bestimmte Hilfen in Anspruch nähmen, könne man dies in einem Konzept für Alleinerziehende nicht außen vor lassen. Er kritisiert zudem, die Wirksamkeit der Angebote werde nicht überprüft und es fehle verlässliches Zahlenmaterial. Die Daten des Landesamts für Statistik und des Jugendamtes widersprächen sich sehr oft.

Keinen Anspruch auf Vollständigkeit

Sozialpolitiker der Regierungsfraktionen zeigen sich offen für Busches Vorschläge, betonen aber auch, dass der Bürgerschaftsantrag keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe. Sahhanim Görgü-Philipp (Grüne) findet die Kritik „ein Stück weit berechtigt“, allerdings nicht in Bezug auf die Evaluation. „Eine regelmäßige Auswertung der Hilfen findet ohnehin alle sechs Monate in den Hilfeplangesprächen statt“, sagt Görgü-Philipp, die zehn Jahre im Jugendamt gearbeitet hat. Sie will sich mit Busche treffen und seine Anregungen aufnehmen.

Sofia Leonidakis (Linke) sagt: „Ich gehe davon aus, dass die Unterstützungsbedarfe für Erziehungshilfen abnehmen, wenn Alleinerziehende eine Arbeit oder einen Kitaplatz finden.“ Die Wirksamkeit von Hilfen verlässlich zu analysieren sei schwierig, weil man nicht sagen könne, was ohne sie passiert wäre. Petra Krümpfer (SPD) zeigt sich offen für Nachbesserungen, hält aber mangelnde Kinderbetreuung und unpassende Jobmaßnahmen für die vorrangigsten Probleme von Alleinerziehenden.

Lesen Sie auch

Das Ressort für Wirtschaft und Arbeit von Kristina Vogt (Linke), das bei der Erstellung des Aktionsplans federführend ist, entgegnet, der Antrag der Fraktionen beschreibe „die drängendsten Probleme mit dem größten politischen Gestaltungsspielraum“. Grundsätzlich spreche aber nichts dagegen, in der ressortübergreifenden Steuerungsgruppe intensiver über erzieherische Hilfen zu diskutieren. Die Gruppe habe sich im Januar das erste Mal getroffen, die nächsten Termine seien für März und April vereinbart. Erstes Ergebnis der Arbeitsgruppe sei, eine Fachtagung zu veranstalten.

Besserer Zugang zu Bildung und Arbeit

Ebenso soll ein Modellprojekt zur Integration von Alleinerziehenden in den Arbeitsmarkt auf ganz Bremen übertragen werden. Zudem habe Bremen den Zuschlag für das Bundesprogramm „Akti(f)“ bekommen, mit dem von Armut bedrohte Familien besseren Zugang zu Bildung und Arbeit erhalten sollen. Der Aktionsplan für Alleinerziehende soll im Mai vorgelegt werden, teilt der Sprecher der Senatorin, Kai Stührenberg, mit.

Aus der Sozialbehörde von Anja Stahmann (Grüne) heißt es, man könne den Bürgerschaftsbeschluss als Regierungsressort nicht kommentieren. Die Abweichungen der Zahlen ergäben sich aus den unterschiedlichen Verfahren bei der Erhebung. Das Statistische Landesamt richte sich nach Vorgaben des Bundes, damit Daten auf Länderebene vergleichbar seien. Das Jugendamt erfasse Stichtagsdaten zum Monatsende und mittele sie für den Jahreswert, was zur Planung der benötigten Gelder wichtig sei. Die Wirksamkeit von Hilfen werde nicht über zentrale Statistiken erfasst, räumt Behördensprecher Bernd Schneider ein. Der Grund: Erfolg lasse sich von Fall zu Fall anders definieren. Aber jeder Fall werde im Jugendamt individuell ausgewertet.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+