Bremer Senat ändert Vorschrift für Schulen Kritik an neuen Quarantäne-Regeln für Bremer Schulen

Wenn ein Schüler positiv getestet wurde, ging in Bremen bislang zunächst die gesamte Kohorte - also zum Beispiel alle siebten Klassen - in Quarantäne. Das ändert sich nun. Die neue Regelung sorgt für Kritik.
24.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sara Sundermannund Peter Mlodoch

Die neuen Quarantäne-Regeln für Bremer Schulen sorgen für Empörung und Sorge bei Lehrkräften. Viele Schulbeschäftigte machen sich Sorgen, dass sich Corona-Infektionen unbemerkt ausbreiten könnten. Seit Donnerstag muss ab der 7. Klasse aufwärts nicht mehr die ganze Kohorte in Quarantäne, wenn sich ein Schüler infiziert hat. Wenn Lehrer und Schüler durchgehend Masken getragen haben und alle 20 Minuten gelüftet wurde, geht laut einer Mitteilung der Bildungsbehörde jetzt nur der infizierte Schüler in Quarantäne. Falls einzelne Schüler oder Lehrer dem Infizierten für mehr als 15 Minuten ohne Maske näher als 1,50 Meter waren, müssen diese ebenfalls in Quarantäne.

„Die Regelung ist eine Missachtung der Fürsorgepflicht und unverantwortlich“, urteilt Angelika Hanauer, Vorsitzende des Personalrats Schulen. Wenn möglich, wolle der Personalrat die Regelung juristisch anfechten. „Wer soll überprüfen, dass Kinder den ganzen Tag ihre Maske korrekt tragen? Kinder müssen auch mal etwas trinken, und in den Pausen stehen viele Schüler eng zusammen ohne Maske.“ Hanauer kritisiert insbesondere, dass bei einem Corona-Fall in einer Klasse keine weiteren Schüler getestet würden. „Wenn es jetzt Infektionen an Schulen gibt, wird man es nicht mehr mitkriegen. Es ist so, als ob man beide Augen zukneift.“ Beschäftigte und Schüler würden gefährdet.

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Auch die Bildungsgewerkschaft GEW übt Kritik: Immer wieder sei aus Schulen zu hören, dass viele Jugendliche die Maske erst richtig aufsetzten, wenn die Lehrkraft den Raum betrete, sagt Elke Suhr von der GEW. „Das kann nach den neuen Regeln dazu führen, dass Schüler fälschlicherweise nicht in Quarantäne geschickt werden.“

„Monatelang hieß es, wir müssen testen und isolieren, das waren die beiden Deiche gegen das Virus“, sagt eine 39-jährige Berufsschullehrerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Jetzt bohren wir in beide Deiche große Löcher, wir testen nicht mehr, und wir isolieren auch nicht mehr.“ Zwei ihrer Schüler hätten keinen Test machen können, obwohl Angehörige ihres Haushalts positiv getestet wurden.

Ansteckungen in Schulen sind selten

Nicht alle lehnen die neue Regelung ab. Die neue Vorschrift sei für ihn nachvollziehbar, sagt Peter Hons, Leiter des Schulzentrums Grenzstraße und Sprecher der Bremer Berufsschul-Leitungen. „Man muss feststellen, dass es zwar Infektionen in den Schulen gibt, aber selten zu Ansteckungen kommt.“ Es schade aber der Akzeptanz, dass sich die Regeln für die Schulen so oft änderten: „Wir brauchen Verlässlichkeit.“

Manche Klassen waren schon drei- oder viermal in Quarantäne, sagt Annette Kemp, Sprecherin der Bildungsbehörde: „Bremen ist das einzige Bundesland, das bisher komplette Kohorten in Quarantäne geschickt hat.“ Schul- und Kita-Beschäftigte könnten sich kostenlos im Medizinischen Versorgungszentrum testen lassen, betont die Sprecherin. Für sie habe die Behörde Testkapazitäten extern eingekauft.

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Die Sprecherin kündigt zudem an, dass vier Bremer Schulen exemplarisch durchgetestet werden sollen: eine Oberschule, ein Gymnasium und zwei Grundschulen. Alle Lehrer und Schüler dieser Schulen könnten auf freiwilliger Basis einen Test machen.

Laut Justizbehörde blickt man mit der neuen Regelung nicht mehr auf die abstrakte Größe der Kohorte, sondern auf die individuelle Gefährdung. Und Lukas Fuhrmann, Sprecher der Gesundheitsbehörde betont: „Wenn nicht gewährleistet ist, dass Masken getragen und gelüftet wurde, gehen Schüler weiter in Quarantäne.“ Die Quarantäne bleibe das sinnvollste Instrument gegen das Virus. Fuhrmann nennt die neue Vorschrift aber auch „verbesserungswürdig“.

Mögliche Änderung der Regeln am Mittwoch

Die umstrittene Regelung könnte sich schon in den nächsten Tagen wieder ändern: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat vor dem Bund-Länder-Treffen am Mittwoch vorgeschlagen, dass bei einem Corona-Fall die betroffene Klasse fünf Tage in Quarantäne geht. Am fünften Tag sollen die Schüler einen Antigen-Test machen. Wer einen negativem Schnelltest habe, könne wieder zur Schule. Im Bremer Bildungsressort begrüßt man diesen Vorstoß: „Die Idee finden wir gut“, sagt Kemp.

In Niedersachsen entscheidet das Gesundheitsamt, wie viele Schüler bei einem Corona-Fall in Quarantäne geschickt werden. Verhängt die Behörde eine solche Maßnahme für die komplette Klasse und liegt zudem der Sieben-Tage-Inzidenzwert im Landkreis über 100, muss die gesamte Schule automatisch in den Halbgruppen-Unterricht („Szenario B“) wechseln.

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