Nach Senatsbeschluss

Kritik an Bremens Corona-Regeln für Schulen

Bremen hat einen neuen Beschluss dazu gefasst, wie ab jetzt über Einschränkungen des Schulbetriebs entschieden werden soll. Doch die Regelung sorgt für Unruhe an Schulen und ist vielen zu unkonkret.
12.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Kritik an Bremens Corona-Regeln für Schulen
Von Sara Sundermann
Kritik an Bremens Corona-Regeln für Schulen

Maskenpflicht im Unterricht soll künftig ab Klasse sieben gelten, das plant die Bildungssenatorin.

Frank Thomas Koch

Der neue Senatsbeschluss zum Schulbetrieb in der Pandemie führt zu scharfer Kritik und sorgt offenbar für Unruhe an den Schulen. Viele hatten mit konkreteren Regeln gerechnet. Beschlossen wurde am Dienstag, dass weiter für jede Schule einzeln geklärt werden soll, ab wann der Unterrichtsmodus sich ändert und schärfere Vorsichtsmaßnahmen greifen. Wenn ein Viertel der Schüler einer Schule in Quarantäne ist oder wenn die Schule nicht mehr genug einsatzfähige Lehrer hat, soll die Schulleitung mit der Schulaufsicht entscheiden, ob sie in den sogenannten eingeschränkten Regelbetrieb mit Distanzunterricht wechselt.

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Eine pauschale Regel, ab wann alle Bremer Schulen auf Halbgruppen und Distanzunterricht setzen, gibt es damit weiter nicht. Schulleiter sollen zudem selbstständig Lehrkräfte und Schüler informieren, dass sie in Quarantäne gehen müssen. Hintergrund für diese Regelung ist, dass das Gesundheitsamt nicht mehr hinterher kommt, selbst alle Kontaktpersonen in Quarantäne zu schicken.

Planung kaum möglich

„Eine Katastrophe“ nennt Elke Suhr, Sprecherin der Bremer Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die Senatsentscheidung. „Der Beschluss verbreitet eine unglaubliche Unsicherheit und Aufregung an den Schulen und auch bei Eltern.“ Für Lehrkräfte gebe es nun keinerlei Planungssicherheit mehr. „Niemand kann seinen Unterricht planen, niemand weiß: Mache ich ab morgen Distanz-, mache ich Halbgruppen- oder weiter Präsenzunterricht?“

Sie spricht von einem „nervenzerrenden Hin- und Her“, das perspektivisch zu Ausfällen in Kollegien führen werde: „Der Stress steigt durch diese Ungewissheit wahnsinnig an, viele Schulbeschäftigte werden davon krank werden.“ Das Festhalten am Regelunterricht für ganze Klassen werde zu mehr Unterrichtsausfall führen als ein Lernen in Halbgruppen, glaubt sie. „Wenn es in einer Halbgruppe einen Corona-Fall gibt, gehen ja viel weniger Schüler in Quarantäne.“

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Auch die CDU als größte Oppositionsfraktion übt deutliche Kritik an der Entscheidung des Senats: CDU-Bildungspolitikerin Yvonne Averwerser fordert klare Vorgaben der Behörde für die Schulen. „Regeln sind das nicht, was da beschlossen wurde, das sind wachsweiche Formulierungen“, sagt sie. Sie habe mit deutlich konkreteren Vorgaben gerechnet. Der Senat müsse die Schulen in der zweiten Welle besser auf weitere Einschränkungen vorbereiten. Averwerser hält es zwar für richtig, weiterhin für jede Bremer Schule individuell zu entscheiden, wann der Normalbetrieb eingeschränkt wird. Aber diese Entscheidung müsse allein die Schulaufsicht treffen, nicht die Schulleitungen: „Wir dürfen die Verantwortung nicht auf die Schulleitungen abwälzen.“

Mitten aus der Praxis der Pandemie an Schulen erzählt Annette McCallum, Leiterin der Oberschule an der Schaumburger Straße und Sprecherin der Oberschul-Leitungen: „Ich bin gerade dabei, Nachmeldungen an das Gesundheitsamt zu machen – der alltägliche Wahnsinn.“ An ihrer Schule seien aktuell sieben Schüler mit Corona infiziert. 84 Schüler seien in Quarantäne. Von 60 Lehrkräften fielen derzeit mehr als 20 durch Quarantäne aus. „Mit dem verbleibenden Personal kann ich den Regelbetrieb schon jetzt nicht mehr garantieren, mir fehlt mehr als ein Drittel des Kollegiums“, sagt sie. „Wir haben Schüler aus der ganzen Stadt, bei uns sammeln sich die Infektionen.“

25 Kinder auf 50 Quadratmeter

Zum neuen Senatsbeschuss sagt sie: „Ich hätte mir klarere Vorgaben gewünscht, uns hilft alles, was Klarheit bringt.“ Schon längst hätte Bremen auf Halbgruppen setzen sollen, zumindest ab der siebten Klasse, urteilt sie: „Mit Halbgruppen-Unterricht hätte ich jetzt sicher mehr Personal zur Verfügung, denn Abstand halten geht in Halbgruppen viel besser. Wir haben kleine Räume, da sitzen 25 Kinder auf 50 Quadratmetern.“

„Die Corona-Kommunikation mit Behörde, Gesundheitsamt, Kollegen und Eltern ist gerade meine Hauptarbeit“, so McCallum. Wenn nun Schulleitungen ohne Rücksprache mit dem Gesundheitsamt Lehrer und Schüler informieren sollen, dass sie in Quarantäne gehen, gebe es dafür Kriterien, es bedeute aber „eine beträchtliche Arbeit“: „Das ist ein enormes Maß an Verantwortung, das eigentlich an anderer Stelle besser verortet wäre.“ Auch der Bremer Philologenverband spricht sich für Halbgruppen aus: „Mir wäre angesichts der Infektionszahlen die Gesundheit wichtiger“, sagt Hermann Pribbernow, Vorsitzender des Verbands, in dem 100 Lehrer Mitglied sind. „Halbgruppen böten für Kinder hohen Schutz.“

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