Kirchengeschichte

Bremer Liebfrauenkirche: Spuren eines Jahrtausends

Im Jahr 1020 wurde am heutigen Standort der Liebfrauenkirche die damals erste Pfarrkirche in Bremen gebaut. Es folgten 1000 Jahre bewegter Kirchengeschichte.
20.03.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Liebfrauenkirche: Spuren eines Jahrtausends
Von Felix Wendler

„Auf diese Leitern geht immer nur einer, damit der andere zur Not einen Krankenwagen rufen kann“, sagt Thilo Wichmann. Dann steigt der 63-Jährige hinauf, einen Rucksack auf dem Rücken, die Stablampe in der Hand. Es knarrt und ächzt ein bisschen, aber Wichmann bewegt sich sicher. Kurz darauf entschwindet er oben durch die Öffnung. Drei weitere Holzleitern folgen, bis er ganz oben ist, über ihm nur noch die Wetterfahne. 84 Meter misst der Nordturm der Liebfrauenkirche – nur vier Gebäude in Bremen sind höher. In der Innenstadt wird die Liebfrauenkirche lediglich vom benachbarten Dom übertroffen.

Das sind schnöde Zahlen; Zahlen, die man nachlesen kann. Thilo Wichmann jedoch weiß Dinge, die in Büchern kaum zu finden sind. Als Architekt der Bremischen Evangelischen Kirche kennt er viele Bauwerke wie seine Westentasche. Er weiß, an welcher Wand welches Jahrhundert abzulesen ist, welche Gänge wohin führen und welche Probleme jahrhundertealte Gebäude machen können.

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Der Liebfrauenkirche kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Im Jahr 1020 wurde am heutigen Standort die St.-Veit-Kirche errichtet. Die damals erste Pfarrkirche in Bremen hatte optisch noch nicht viel mit der jetzigen Erscheinung zu tun. Aus Holz gebaut, nahm die St.-Veit-Kirche nur ein Drittel der heutigen Fläche ein. Es folgten 1000 Jahre, in denen die Kirche Kriege und Krisen überstand. Auch Wichmann hat nicht jedes historische Detail im Kopf, gelegentlich schaut er in seinem kleinen Notizbuch nach.

Eine Stunde vorher, etwa 90 Meter tiefer: „Da latschen die meisten Leute einfach drüber hinweg“, sagt Wichmann. Auf dem Weg in den Beinkeller der Liebfrauenkriche greift er eine schwere Bodenplatte, stemmt das Holz nach oben. Darunter: Sand. Feiner Sand, der von der ehemaligen Bremer Düne stammt. „Mehrere Tausend Jahre alt“, erklärt Wichmann. Früher fanden im Beinkeller Prozessionen statt. „Immer an der Nordseite“, erklärt Wichmann. „Weil der Norden mit dem Tod verknüpft war.“ Über die Jahrhunderte hinweg habe der Keller dann profanere Zwecke erfüllt – als Abstellraum, als Kohlenkeller oder als Lagerraum für die Bürgerparktombola.

Prunk sucht man im Inneren der Kirche vergeblich

Dann verlässt Wichmann die offiziell zugänglichen Bereiche. Auf dem Weg in den Südturm ist plötzlich ein Geruch zu vernehmen, den man hier nicht erwartet hätte: Bratwurst. Nur wenige Meter neben der Orgel steht die Lüftungsanlage vom Imbissbetreiber Kiefert. Daneben verteilen sich Büro-, Lager- und Proberäume. Baumaterial steht in den Fluren. Ein bisschen chaotisch, aber auch gemütlich wirkt das alles. „Die Elektrik wird gerade saniert“, sagt Wichmann. Prunk sucht man im Inneren der Kirche vergeblich, dafür gibt es viele Spuren menschlichen Lebens, viel Pragmatismus. Das scheint zu passen. „Der Dom war die göttliche, Liebfrauen die weltliche Kirche“, erklärt Wichmann. „Hier gingen früher die armen Bremer hin.“ Die Bodenständigkeit überdauerte die Jahrhunderte. So löste der Einbau teurer Glasfenster des französischen Malers Alfred Manessier in den 1960er-Jahren heftigen Streit aus.

Auf dem Südturm angekommen, deutet Thilo Wichmann auf die inneren Wände. Den roten Sandstein zieren an manchen Stellen dunkle Spuren. „Es gibt viele Indizien dafür, dass die Kirche vor 850 Jahren gebrannt hat“, sagt Wichmann. Der Turm habe das Feuer überstanden, die Holzkirche sei den Flammen zum Opfer gefallen. Die romanische Basilika, so steht es auch in der Baugeschichte der Kirche, wurde anschließend errichtet. Seit dem Jahr 1160 hat die Kirche ungefähr ihre heutige Größe. Der Dachstuhl des Südturms sowie die meisten der dicken Holzbalken seien etwa 400 Jahre alt, erklärt Wichmann. An anderen Stellen hat man im Laufe der Zeit immer mal wieder nachgebessert. „Man erkennt die verschiedenen Epochen auf engstem Raum“, sagt Wichmann.

Feuchtigkeit ist ein Problem

Ganz von allein erhält sich die Liebfrauenkirche auch heute nicht. „Alle 25 bis 30 Jahre muss man an so ein Gebäude ran“, sagt Wichmann. Vor allem die Feuchtigkeit sei ein Problem. Lange Zeit habe niemand den Südturm betreten. Als Thilo Wichmann dann 2013 im Zuge der Renovierung auf das Dach gestiegen ist, habe er eine böse Überraschung erlebt. „Wir sind damals mit der Denkmalpflege hochgekommen und waren fassungslos. Die Steine sind uns einfach in der Hand zerbröselt.“ Diese Verwitterung ist auch der Grund, warum jetzt auf dem historischen Südturm viele neue Steine zu sehen sind. Im Krieg nämlich, erklärt Wichmann, habe der Südturm kaum Schäden davongetragen.

Dass das nicht für den Nordturm gilt, ist schon auf den ersten Blick erkennbar. An den Innenwänden sind die roten Ziegel großflächig verkohlt. „Phosphorbomben“, vermutet Wichmann. In der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober 1944 brannte der Nordturm völlig aus. „Die Stahlträger des Turms haben nach dem Brand wie glühende Spaghetti aus der Wand geragt“, weiß Wichmann aus Schilderungen. Nach längeren Bauarbeiten dauerte es bis zum Jahr 1964, ehe der Nordturm seine Spitze wieder bekam. Heute steigt nur selten jemand hier hoch. Wer jedoch die Gelegenheit dazu bekommt, den erwartet ein weiter Blick über die ganze Stadt. Den sollte man genießen, bevor es die vielen Leitern wieder hinunter geht – rückwärts, vorbei an den Spuren eines ganzen Jahrtausends.

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