Kommentar über die Gebeine-Rückgabe Kolonialistisches Erbe verpflichtet

Mit vereinzelten Rückgaben von Gebeinen ist es nicht getan. Bremen muss sich seiner Verantwortung nachhaltig stellen. Denn Erbe verpflichtet. Ein Kommentar von Chefreporter Hendrik Werner.
18.05.2017, 16:46
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Kolonialistisches Erbe verpflichtet
Von Hendrik Werner

Mit vereinzelten Rückgaben von Gebeinen ist es nicht getan. Bremen muss sich seiner Verantwortung nachhaltig stellen. Denn Erbe verpflichtet. Ein Kommentar von Chefreporter Hendrik Werner.

Hugo Schauinsland (1857-1937) war ein Kind seiner Epoche. Das erklärt manches und entschuldigt nichts. 1887, zur Hoch-Zeit des Kolonialismus, wurde der Zoologe in Bremen Direktor der Städtischen Sammlungen für Naturgeschichte und Ethnographie. So gut kamen die von ihm in aller Welt zusammengeklaubten Schätze bei einer 1890 im Bürgerpark veranstalteten Messe an, die einen Kolonial- und Handelsschwerpunkt mit Völkerschau-Elementen hatte, dass sich prompt potente Finanziers fanden, um den ausstellbaren Erträgen ein eigenes Haus zu widmen: 1896 wurde das Städtische Museum für Natur-, Völker- und Handelskunde eröffnet, Vorläufer des Übersee-Museums. Gründungsdirektor: Hugo Schauinsland.

Schauinsland war ein talentierter Netzwerker, der Kontakte bremischer Handelshäuser nach Übersee nutzte. Die für seine Sammlungen akquirierten Stücke transportierten Schiffe des Norddeutschen Lloyd gratis. Den Wissenschaftler mit dem sprechenden Namen und den mondänen Missionen sowieso. Vier große Reisen im Dienste der Sammlungsbestände unternahm der Naturkundige. Die erste führte ihn 1896/97 auf die Chatham-Inseln und nach Neuseeland.

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Schauinsland sicherte sich Reste von Moriori und Maori

Schauinsland folgte dem Musealisierungszeitgeist des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als er sich dort Objekte für die anthropologische Kollektion seines Museums sicherte: Skelette – mal mit, mal ohne Schädel –, Knochen und Wirbel, ein halber Unterkiefer. Mithin Überreste von Menschen, Moriori und Maori, Ethnien, die zum Wohle der kolonialen Sammelpassion eurozentrischer Herrenmenschen enteignet wurden.

Längst nicht für alle Gebeine aus Asien, Afrika, Südamerika und Ozeanien, die noch im Fundus des Übersee-Museums lagern, gibt es Eingangsbelege. Hastiger Handel, getrieben vom Eifern und Geifern raffender Museumsagenten, war an der Tagesordnung im Kapitalismus kolonialer Prägung. Wo keine Quittung, da kein nachweisbares Unrecht. Umso erstaunlicher (und erfreulicher), dass es am Donnerstag im Bremer Übersee-Museum überhaupt zur Rückgabe von Gebeinen an Neuseeland kommen konnte. Einerseits.

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Warum wartete das Bremer Museum auf die Anfrage?

Andererseits: Mussten bis zur Restitution wirklich 120 Jahre ins Land gehen? Warum wartete die Bremer Einrichtung – anders als vor elf Jahren, als auf eigene Initiative zwei Maori-Schädel an das Te Papa Museum in Wellington zurückgingen – diesmal auf eine entsprechende Anfrage? Und: Musste der Bremer Senat bei der Verkündigung des Rückgabebeschlusses im vergangenen Jahr wirklich generös tönen, es handle sich um eine „freiwillige Geste“ (da man die Rückgabe wegen eingetretener Verjährung hätte abwenden können)?

Immerhin: Zuletzt ist in Bremen, dieser Stadt der Kolonien, Bewegung in die Bewältigung gekommen. Gerade das Übersee-Museum mit seiner rührigen Direktorin Wiebke Ahrndt ist auf gutem Wege in Sachen Provenienzforschung und Restitutionsengagement. Nicht von ungefähr leitete die 54-Jährige, die dem Übersee-Museum seit 2002 vorsteht, beim Deutschen Museumsbund die Arbeitsgruppe „Human remains“.

Deren Empfehlungen für das Verfahren mit menschlichen Gebeinen aus der Kolonialzeit in akademischen und musealen Sammlungen geben sich geläutert, ja pietätvoll. Viel Wert wird auf den sensiblen Umgang mit fremden Totenkulturen gelegt. Problematische Entstehungs- und Erwerbsumstände nennt die Arbeitsgruppe „Unrechtskontext“ – und spricht von gebotenen Einzelfallentscheidungen, was Restitution anbelangt.

Kolonialistisches Erbe verpflichtet

Ahrndts entsprechender Aufsatz mündet in diese Passage: „Eine Herausgabe von menschlichen Überresten aus rein ethischen Erwägungen kann also nur in besonderen Ausnahmefällen in Betracht kommen. So kann nicht jeder koloniale Kontext automatisch zu einer Rückgabe führen.“

Kolonialistisches Erbe verpflichtet. Daran erinnern in Bremen nicht nur Aktivisten des Decolonize-Bündnisses, sondern mehr als 60 Vertreter kultureller Einrichtungen. So viele Menschen kamen, als der Senator für Kultur und die Landeszentrale für politische Bildung zur Bündelung der Aufarbeitungskräfte luden. Tenor: Bremen will sich seiner kolonialen Vergangenheit stellen – und ein selbstkritisches Erinnerungskonzept auflegen. Dazu passt, dass das Übersee-Museum seine Provenienzforschung ausbaut, weil der Erwerb der Afrika-Sammlung so unzureichend dokumentiert ist wie die Herkunft so mancher morschen Knochen. Für die ideellen Erben des Hugo Schauinsland gibt es noch viel zu tun. Aber ein ehrbarer Anfang ist gemacht.

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