Regisseur Guy Roberts über "Macbeth" "Kein Shakespeare für die Kultur-Elite"

Die Bremer Shakespeare Company zeigt ab dem 21. Oktober eine englischsprachige Version von "Macbeth". Regisseur Guy Roberts spricht vorab über das Stück, Kampfszenen und alte Aberglauben.
20.10.2021, 14:24
Lesedauer: 4 Min
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Von Alexandra Knief

Herr Roberts, Sie bringen in der Bremer Shakespeare Company „Macbeth“ in englischer Sprache auf die Bühne. Wie kann man bei einem so bekannten Stück noch neue Akzente setzen?

Guy Roberts: Das Aufregendste an der Inszenierung mit der Bremer Shakespeare Company ist für mich, dass die Schauspieler das Stück sehr gut aus deutschsprachigen Produktionen kennen. Die Tatsache, dass es für sie mehr oder weniger ihr englischsprachiges Debüt ist, macht es so spannend. Ich mag es auch, die Dinge für das Publikum ein wenig offenzulassen. Wenn man zu sehr mit dem Vorschlaghammer kommt, kann das ablenken. Ich liebe es, wenn das Publikum am Ende geht und jeder eine ganz andere Meinung darüber hat, was das Stück eigentlich aussagen sollte.

Was unterscheidet englischsprachige Produktionen von Inszenierungen, bei denen mit Übersetzungen gearbeitet wird? 

Viele Produktionen in England und Nordamerika sind sehr fokussiert auf die Schauspieler und den Text. In Europa kommt die Übersetzung dazu und auch Design-Aspekte sind viel wichtiger als bei einer Produktion in einem englischsprachigen Land. Wir haben versucht, diese beiden Traditionen zusammenzubringen. Wir haben eine sehr Schauspieler- und Sprach-fokussierte Produktion und kombinieren sie mit starkem, aufregendem Sound und visuellen Effekten. 

Sie selbst sagen, Ihr Stück sei genau das richtige "für alle Kinder, denen es vor dem Englisch-Unterricht in der Schule graut und für alle Erwachsenen, die Shakespeare immer gehasst haben". Interessante Zielgruppe...

Ich habe kein Interesse daran, Shakespeare für die Kultur-Elite zu machen. Ich will einen Shakespeare kreieren, der einen ganz normalen Menschen dazu bringt, sich für das Theater und für Shakespeare zu begeistern. Es gibt nichts Schlimmeres, als etwas vorgesetzt zu bekommen, was man als Hochkultur bezeichnet, bei dem aber niemand versteht, was eigentlich gerade passiert. Ich will ein lebendiges Theater, das jeden anspricht – nicht nur Leute mit bestimmten Abschlüssen.

Laut der Bremer Shakespeare Company soll ihr Stück besonders junge Zuschauer ansprechen, die Streaming-Inhalte mit schnellen Szenenwechseln und Filmsetting gewohnt sind. Würden Sie da zustimmen?

Ich hoffe, dass auch die jungen Zuschauer finden, dass die Inszenierung das Beste aus beiden Welten – Film und Theater – verbindet. "Macbeth" ist ein sehr kurzes Stück, sehr schnell und fast schon in einer filmartigen Weise geschrieben. Sobald das Stück an Fahrt aufnimmt, hat Macbeth keine Chance, die Ereignisse aufzuhalten. Natürlich hoffe ich, dass die visuellen Effekte das Stück aufregend machen. Am Ende hängt es aber natürlich immer von den Schauspielern, der Performance und dem Text ab, ob sich ein Stück von anderen abhebt oder nicht. 

"Macbeth" ist ein Stück, in dem viel gekämpft wird. Sie sind Mitglied in der Gesellschaft amerikanischer Kampf-Regisseure und haben Kampfszenen für mehr als 100 Theaterproduktionen choreografiert. Wie gelingt es, beeindruckende Auseinandersetzungen auf die Bühne zu bringen? 

Das Wichtigste ist, dass sich der Kampf aus der Geschichte heraus entwickelt. Niemandem bringt ein total beeindruckender Kampf etwas, wenn er eigentlich gerade keinen Sinn macht. In dieser Produktion haben wir versucht, die Kämpfe kurz zu halten. Denn genau so sind sie auch im echten Leben. Selbst Leute, die Spaß daran haben, wollen es so schnell wie möglich hinter sich bringen. Einige Szenen werden expressionistisch. Zu Beginn des Stückes gibt es eine Szene mit Macbeth auf einem Schlachtfeld, die mehr wie ein Ballett aussieht, bei dem er unsichtbare Gegner bekämpft.

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Sie setzen sich schon ziemlich lange mit Shakespeare auseinander. Gibt es Momente, in denen Sie auch mal genug von ihm haben?

Er ist einfach unglaublich. Du kannst dich immer und immer wieder mit ihm und seinen Stücken auseinandersetzen und findest jedes Mal wieder etwas Neues heraus. Aber für alle, die in der Shakespeare-Welt arbeiten – Schauspieler, Regisseure – ist es manchmal auch gut, hin und wieder etwas anderes zu machen.

Wie in jeder guten Beziehung also...

Ja, aber man sollte Shakespeare trotzdem immer treu bleiben.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?

Es ist zwar ein ziemliches Klischee, aber für mich ist Hamlet der großartigste Charakter. Aber auch Rosalinde (Anmerk. d. Redaktion: eine Figur aus "Wie es euch gefällt") kommt dem sehr nahe. Was Shakespeare wirklich gut konnte, ist Gegensätze in seinen Figuren zu vereinen. Sie sind genau wie wir, voller Widersprüche, und das macht sie einzigartig und menschlich. Kein Schreiber vorher hat die Figuren so auf die Bühne gebracht wie Shakespeare.

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Es gibt einen alten Theateraberglauben, "Macbeth" zu spielen bringe Unglück. Nehmen Sie so etwas ernst?

Nun, wir haben gerade erst in den Proben wieder darüber diskutiert, weil sich einer der Schauspieler in der vergangenen Woche einen Fuß gebrochen hat. Er läuft jetzt auf Krücken, wird bis zur Premiere aber wieder fit sein. Ich glaube, es gibt zwei Gründe dafür, dass "Macbeth" als Unglücksbringer gilt. Zum einen, weil es einfach ein düsteres Stück ist. Zum anderen war "Macbeth" im 19. Jahrhundert bei Wanderbühnen ein großer Hit. Wenn eine Bühne also eine neue Version von "Macbeth" angekündigt hat, bedeutete dies oft auch, dass sie in großen finanziellen Problemen steckte und einen Kassenschlager brauchte. Ich persönlich glaube, dass "Macbeth" ein überaus glückbringendes Stück ist. Wenn es das nicht wäre, würde man es heute gar nicht mehr spielen.

Das Gespräch führte Alexandra Knief. 

Zur Person

Guy Roberts

ist der Intendant der Prager Shakespeare Company. Außerdem ist er international als Schauspieler, Regisseur und Produzent unterwegs. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Nun inszeniert er "Macbeth" an der Bremer Shakespeare Company.

Info

Macbeth feiert am Donnerstag, 21. Oktober, Premiere in der Bremer Shakespeare Company. Tickets und weitere Termine online unter www.shakespeare-company.com.

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