Kunst zum Mitnehmen

Virtueller Rundgang durch die Bremer Kunsthalle

Schon seit einigen Jahren widmet sich die Bremer Kunsthalle dem Thema Digitalisierung. Ab sofort ist das Museum auch auf „Google Arts & Culture“ zu finden, wo es unter anderem virtuelle Rundgänge anbietet.
11.01.2019, 19:49
Lesedauer: 4 Min
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Virtueller Rundgang durch die Bremer Kunsthalle
Von Alexandra Knief
Virtueller Rundgang durch die Bremer Kunsthalle

Mithilfe eines sogenannten Cardboards, einer Virtual-Reality-Brille aus Pappe und ihres Smartphones können Museumsliebhaber die Kunsthalle Bremen ab sofort auch virtuell durchschreiten.

Frank Thomas Koch

Mary Magdalene (Lourens Alma Tadema, 1854, Rijksmuseum), Marie Krøyer, (Selbstbildnis, 1890, Skagens Museum) oder auch D. Francisca Princess of Joinvelle (Künstler unbekannt, Museu Imperial): Sie alle sehen aus wie ich. Das sagt mir zumindest „Google Arts & Culture“. In der App versammeln sich unzählige Kunstwerke aus Museen auf der ganzen Welt. Schießt der Nutzer ein Selfie, vergleicht die Anwendung sein Bild mit der Datenbank und spuckt alle Gemälde aus, die ihm in irgendeiner Weise ähneln. Das ist zwar nicht immer wirklich zutreffend, witzig ist es aber allemal.

Seit Kurzem ist auch die Kunsthalle Bremen Teil der App und Plattform "Google Arts & Culture". Was es auf dem Smartphone und auf dem PC von zu Hause aus nun alles aus und über die Kunsthalle zu entdecken gibt, erklärte das Museum am Freitag. Denn hinter dem Projekt steckt weitaus mehr als ein lustiges Selfie-Tool, bei dem nun auch Gemälde der Kunsthalle auf ihre vermeintlichen Zwillinge warten.

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So bietet die Kunsthalle zum Beispiel virtuelle Geschichten an, in denen Interessierte mehr über das Museum, die Künstlerin Paula Modersohn-Becker oder auch die aktuelle Ausstellung „What is Love“ erfahren können. Mithilfe von Videos, Fotos, historischem Material oder Streetview-Ansichten bekommt der Anwendungsnutzer spielerisch und virtuell aufgelockert umfassende Informationen über das Museum geboten. 22 Räume der Kunsthalle sind außerdem in 360-Grad-Ansichten per Google Street View begehbar.

Bis ins Detail

Bisher 219 Werke stehen auf der Plattform und in der App als hochauflösende Dateien zur Verfügung, welche dem Nutzer auch die Möglichkeit geben, eine große Auswahl an Bildern bis ins kleineste Detail zu betrachten. Dieses Angebot soll in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren immer weiter ausgebaut werden, verspricht Katja Riemer, die für das Digitalisierungsprojekt der Kunsthalle mit verantwortlich ist. Aber schon jetzt erlaube der Umfang des Angebotes, „munter ein bisschen zu flanieren“, so Riemer.

Ein Highlight ist die Bereitstellung von Virtual-Reality-Rundgängen. Aktuell bietet die Kunsthalle mit „Französischer und Deutscher Malerei“ sowie einem Rundgang zu Paula Modersohn-Becker zwei thematische Schwerpunkte an. Weitere sind aber in Arbeit, verrät Katja Riemer. Mithilfe eines sogenannten Cardboards – einer Virtual-Reality-Brille aus stabiler Pappe – und ihres Handys können sich Kunstinteressierte auf einen virtuellen Museumsrundgang begeben und bekommen dabei das Gefühl, wirklich im Museum zu stehen und bestimmte Werke zu betrachten.

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Über Audiokommentare bekommt der Nutzer Informationen zu den einzelnen Bildern geliefert. Wenn ihm diese noch nicht reichen, kann er über einen Info-Button weitere Hintergrundfakten laden. Nach eigenen Angaben ist die Kunsthalle eines der ersten Museen in Deutschland, die dieses Angebot bietet. Cardboards sind unter anderem in Elektromärkten erhältlich. Auf Youtube finden sich außerdem diverse Videos mit Anleitungen zum Nachbauen.

Mehr als 1500 Institutionen

"Google Arts & Culture" gibt es seit 2011. Das Angebot ist kostenlos, die Nutzung erfordert allerdings ein Google-Konto. Mittlerweile versammeln sich mehr als 1500 kulturelle Organisationen aus über 70 Ländern auf der Plattform, mehr als 200 000 Kunstwerke und über sechs Millionen Fotos, Videos und andere Dokumente. Fast täglich werden es mehr. In Deutschland präsentieren sich mittlerweile etwa 90 kulturelle Institutionen, darunter neben der Kunsthalle Bremen und den Museen Böttcherstraße unter anderem die Staatlichen Museen Berlin oder auch die Elbphilharmonie.

Der Nutzer kann nach konkreten Künstlern, Medien und Kunstrichtungen suchen, sich über historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Orte informieren. Außerdem können Nutzer Museen in unmittelbarer Nähe finden, sich über Öffnungszeiten und weitere Aspekte schlaumachen.

Für die Kunsthalle ist die Teilnahme an "Google Arts & Culture" nur ein weiterer Schritt in Richtung Digitalisierung, ein Weg, den das Museum schon vor einigen Jahren eingeschlagen hat. Bereits 2013 stand der erste Onlinekatalog mit allen Gemälden und Skulpturen der eigenen Sammlung auf der Homepage der Kunsthalle, die sich seit 2017 auch mit neuem Aufbau und Design präsentiert. Seit vier Jahren arbeite man auch an der digitalen Erschließung des Bestandes des Kupferstichkabinetts und seit vergangenem Jahr steht den Museumsbesuchern in allen Räumen kostenfreies WLAN zur Verfügung.

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Aber läuft das Museum mit dem wachsenden digitalen Angebot nicht Gefahr, dass immer weniger Besucher wirklich für einen Besuch vorbeikommen, weil sie vieles auch von zu Hause aus erleben können? „Ein virtuelles Erlebnis wird nie ein reales ersetzen können“, ist Kunsthallen-Direktor Christoph Grunenberg überzeugt. „Virtuelle Betrachtungen sind einfach nicht das Gleiche, wie ein Original in seinem Rahmen zu sehen, mit seiner Textur, seiner Oberflächenbeschaffenheit, seinen Pinselstrichen, seiner Aura.“

Grunenberg rechnet damit, dass das neue Angebot eher zu einem Besucheranstieg als zu einem Rückgang führen könnte, weil es die internationale Präsenz des Museums stärkt. "Außerdem hoffen wir, so auch ein diverseres und jüngeres Publikum für unsere Kunst zu interessieren", sagt der Direktor. Auch Katja Riemer sieht "Google Arts & Culture" als Chance und nicht als Risiko. "Die Plattform ermöglicht uns, unsere Werke in die Welt hinaus zu vernetzen", so die Expertin. Auch bisherige Studien haben laut Riemer gezeigt, dass das Angebot vor allem zur Vor- und Nachbereitung eines Museumsbesuches genutzt werde und nicht als Ersatz für den realen Gang ins Museum fungiert.

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