Neue Ausstellung in der Kunsthalle Bremen "What is Love" - Das große Anbandeln

Nicht ohne meine Flirt-App: Die Kunsthalle Bremen wird ab Sonnabend zur Kuppelhalle, wenn die Ausstellung „What is Love – Von Amor bis Tinder“ eröffnet.
05.07.2018, 18:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Hendrik Werner

In den 80er- und 90er-Jahren, als das auf Interaktivität setzende Web 2.0 noch fern war und die englischsprachige Populärmusik nachweislich besonders ideenlos, gab es den Trend, das erhabenste aller Gefühle in denkbar schlichten Songs zu hinterfragen. „What Is Love?“ begehrte 1984 Howard Jones zu wissen. Im selben Jahr bekannten Foreigner „I Want To Know What Love Is“. Neun Jahre später brachte Haddaway erneut das offenbar noch immer nicht zufriedenstellend beantwortete Thema auf: „What Is Love?“

Grund genug, eine an diesem Sonnabend eröffnende Ausstellung in der Bremer Kunsthalle mit dieser notorischen Frage zu überschreiben – und ihr einen Untertitel zuzuordnen, dessen Zeithorizont den Affekt (beziehungsweise dessen Anbahnung) als anthropologische Konstante ausweist: „Von Amor bis Tinder“. Kuratiert hat die gewitzte Schau, die bis zum 21. Oktober zu sehen ist und 40 einschlägige Werke mehrheitlich aus der Sammlung des Ausstellungshauses einbezieht, Jasmin Mickein.

Die Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit interessieren in der ersten überhaupt von ihr betreuten Schau insbesondere Kontinuität und Wandel der Kontaktaufnahme zweier einsamer Herzen. Daher schien es ihr sinnig und zeitgemäß, dass die sogenannte Dating-App Tinder sozusagen prototypisch die konzeptuelle Ästhetik der Ausstellung vorgibt. Und siehe: Die Inszenierung ist auf stimmige Weise gelungen.

Cupido in der Kuppelhalle

Und das kommt so: Die Farbgebung im Raum, in welchem dem Wesen der Liebe nachgespürt wird, ist auf zugleich gediegene und schwüle Weise bunt, etwas zwischen Boudoir und Bordell. Auf den Wänden prangen oberhalb der Exponate Kapitelüberschriften, die angesichts der überschaubaren Ausstellung auf den ersten Blick lässlich bis irritierend erscheinen – von Selbstliebe über Schönheit bis Erotik. Zudem stimmen Songfragmente auf die Abgründe des Themas ein.

Neben Haddaway – siehe oben – sind auch Ed Sheeran („Shape Of You“) und Milow vertreten, der in „Ayo Technology“, einem Lied über Cybersex und Voyeurismus, den bemerkenswert mehrdeutigen Satz formuliert, er habe den Gebrauch von Technologien satt. Da sei der Tinder-Tippfinger vor, der am Ausgangspunkt der Ausstellung über einem Smartphone-Display schwebt. Allzeit bereit, durch Wisch- und Klicktechnologie Spreu und Weizen, Kröpfchen und Köpfchen, verworfene und ins Auge gefasste Partner voneinander zu trennen.

Dieser ebenso selektiven wie seelenlosen Strategie – Tinder ist Sponsor der Ausstellung – zur Seite steht, rührend anachronistisch, eine Statue, die Amor alias Cupido vorstellt. Sie erinnert an den seit der römischen Mythologie wirkungsmächtigen Köhlerglauben, die treffsichere Gottheit mache Menschen durch das Abschießen von Pfeilen ineinander verliebt. Eine starke Kombination, die aus der Kunsthalle für die Dauer der Ausstellung eine, nun ja, Kuppelhalle macht.

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Umso mehr, als das Rahmenprogramm mit Veranstaltungen aufwartet, die an Gottfried Wilhelm Leibniz' Losung „Theoria cum praxi“ gemahnen. „‘What is Love?‘ für Singles“ etwa, „Ein netter Abend für Gesellige“ – wahlweise für die Altersgruppe ab 30 oder 40 im Angebot. Wenn man bedenkt, dass seit März auch die Schauburg kuppelt, in der gleichfalls launig benannten Reihe „Verguckt – Kino für Singles“, braucht einem um kunstsinnige Alleinstehende in Bremen nicht bange zu sein.

Und doch wäre selbst sechs geglückte Anbahnungen nur Tröpfchen auf dem heißen Stein eingedenk jener 17 Millionen Singles, die es ausweislich einer Hochrechnung von Kunsthallendirektor Christoph Grunenberg in Deutschland gibt. Auch wenn es Ironie ist, dass Grunenberg Tinder-Premium-Mitglied sein will, ist libidinös unterfütterte Annäherung im digitalen Zeitalter als Thema der Kunst ein Desiderat, wie wiederum Jasmin Mickein ausführt: Zwar spiele Online-Dating gegenwärtig nicht nur hierzulande eine sehr große Rolle, doch werde es nicht institutionell diskutiert, sondern allenfalls auf dem Sofa.

Apropos: Drei tiefrote und ausnehmend behagliche Prachtexemplare befinden sich in der Mitte des Schauraumes. Sie arbeiten planvoll einer Art von Schaulust zu, die im Idealfall schon beim Besuch der Ausstellung das Knüpfen verheißungsvoller Kontakte ermöglicht. Bevor es aber so weit ist, sind nicht nur Flirtwillige gehalten, die gut drei Dutzend Werke zu inspizieren, um Anfängerfehler zu meiden und die tiefe Ambivalenz von Beziehungen zu erahnen, die im Netz gestiftet werden, als handle es sich um eine In-vitro-Zeugung.

Entschleunigtes Speed-Dating

Sehr gelungen ist der Dialog, den jedes der ausgestellten Werke um Liebeswerben und Narzissmus, um Innigkeit und Vereinigung mit der Gegenwart unterhält. Denn neben den eigentlichen Schautafeln hat Mickein auf Artefakte zugeschnittene Online-Profile entworfen. Das ist mal albern (wenn Sandro Botticellis Venus als „Miss Italy, 26“ tituliert wird), mal drollig (wenn Pablo Picassos Mademoiselle David zu „Sylvette, 18“ wird), in der Regel jedoch informativ, ja erhellend.

Besonders spannend mutet das große Anbandeln, das die Bremer Kunsthalle auch und gerade für eine jüngere Klientel üppig inszeniert, bei Werken an, die einen expliziten Bezug zum Online-Dating haben. Etwa besagter Tinder-Triggerfinger, ein schaurig-schönes Exponat, das der australische Künstler Tully Arnot auf den Namen „Lonely Sculpture“ getauft hat. Oder die gleichermaßen verspielten wie verfremdeten Fotografien, auf denen Eylül Aslan Körperpartien in Szene setzt, die ihr an einem Flirt und vice versa gefallen.

Nicht zu vergessen die durchaus derben Onlineforen-Erfahrungsberichte indischer Frauen, die Indu Harikumar in ästhetisch wertvolle Form gebracht hat. Sehr originell mutet auch das in Bremen gereifte Projekt eines Künstlertrios (Katharina Dacrés, Lena Heins, Jakob Weth) an, dessen an entschleunigtes Speed-Dating erinnernde Videoinstallation auf intelligente Weise mit den Besonderheiten digitaler Kommunikation spielt.

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