Rettung nach Herzstillstand Lebensrettung durch Erste Hilfe

Der Bremer Uwe Karassek hat einen Herzstillstand überlebt - weil seine beiden Kolleginnen umgehend mit der Wiederbelebung begonnen haben und damit eine erfolgreiche Rettungskette in Gang gesetzt wurde.
23.09.2018, 20:51
Lesedauer: 4 Min
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Lebensrettung durch Erste Hilfe
Von Sabine Doll

Es ist der 12. Juli gegen Mittag. Uwe Karassek erwartet in seinem Büro Kunden. Der 54-Jährige arbeitet in einem Bremer Unternehmen für Laboranalysen, er ist unter anderem zuständig für den Vertrieb. Bevor die Kunden kommen, will er noch schnell Kaffee holen und geht in die Küche. „Das ist der letzte Moment, an den ich mich von diesem Tag noch erinnern kann“, erzählt er.

Fünf Tage später wacht Uwe Karassek im Klinikum Links der Weser auf. Er ahnt, dass es keine Lappalie war, die ihn auf die Intensivstation gebracht hat. Der 54-Jährige hatte einen Herzstillstand, Ursache war ein Infarkt. Überlebt hat er auch deshalb, weil zwei Kolleginnen wussten, was zu tun ist und ihn wiederbelebt haben – und damit eine perfekt funktionierende Rettungskette in Gang setzten.

Annika Hoffmann findet Uwe Karassek, nachdem er in der Küche zusammengebrochen ist. „Am Kopf hat er geblutet, und das Gesicht war schon blau angelaufen“, erzählt sie. Die junge Frau handelt sofort: Sie alarmiert den Notruf unter 112 und ruft eine Kollegin zur Hilfe. Sie sprechen Uwe Karassek an und kontrollieren seine Atmung. Nichts.

Unterstützung bei jedem Schritt

Sie reißen ihm das Hemd von der Brust und beginnen mit der Herzdruckmassage. Immer wieder drücken sie mit übereinandergelegten Händen den Brustkorb nach unten. Annika Hoffmann und Aline Krause sind ein eingespieltes Team in Erster Hilfe. Uwe Karassek hat sie geschult, er ist als Sicherheitsbeauftragter für die betriebliche Ausbildung von Ersthelfern zuständig. Jetzt retten sie sein Leben.

Gleichzeitig läuft die professionelle Rettungskette an, ausgelöst durch den Notruf. Die Leitstelle der Bremer Berufsfeuerwehr schickt Notarzt und Rettungskräfte zu dem Unternehmen. Auch der Hubschrauber der DRF Luftrettung wird alarmiert, ebenso die Flughafen-Feuerwehr. Die Notaufnahme im Klinikum Links der Weser wird informiert, dass ein Patient mit Herzstillstand kommt. Das Herzkatheterlabor wird vorbereitet.

Sven Schneider in der Feuerwehr-Leitstelle hat den Notruf entgegengenommen und die Rettungskräfte alarmiert. Der Disponent bittet Annika Hoffmann, das Telefon auf laut zu stellen. Dann beginnt er mit der sogenannten Telefon-Reanimation: Er leitet die beiden Helferinnen bei der Wiederbelebung an, wie oft und in welchem Takt sie auf den Brustkorb drücken sollen.

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Er fragt, ob sich der Zustand von Uwe Karassek verändert. Er unterstützt sie bei jedem Schritt und erklärt immer wieder, dass die Rettungskräfte auf dem Weg und gleich vor Ort sind. Sven Schneider erinnert sich sehr gut an diese Minuten: „Das war ein sehr souveräner Anruf, die beiden Frauen waren gefasst und klar. Sie wussten, was sie tun und waren voll darauf konzentriert. Das kann auch ganz anders sein.“

140 000 Anrufe gehen jedes Jahr in der Leitstelle der Bremer Berufsfeuerwehr ein. Die Disponenten, die diese 112-Notrufe entgegennehmen, wissen, wie sich Panik anhört. Oft müssen Sven Schneider und seine Kollegen zunächst beruhigen, weil sich die Anrufer in einem emotionalen Ausnahmezustand befinden und die wenigsten dann rational reagieren können.

„Das ist verständlich, aber kann wertvolle Zeit für die lebensrettenden Maßnahmen kosten“, sagt Sven Schneider. Dazu komme, dass die Anrufer oftmals keine Kenntnisse in Erster Hilfe hätten und ängstlich seien, etwas falsch zu machen. Die Disponenten in der Leitstelle leiten die Anrufer in solchen Notfällen per Telefon an – bis die professionellen Retter vor Ort sind. Rund 250 solcher Telefon-Reanimationen übernehmen Sven Schneider und seine Kollegen im Jahr.

Zurück aus der Reha

Der Notruf geht um 11.08 Uhr in der Leitstelle ein, wenige Sekunden später beginnt der Disponent mit der Telefon-Reanimation. Um 11.13 Uhr treffen die ersten Rettungswagen und Hubschrauber am Einsatzort ein. Etwa eine Minute danach übernehmen die Profis die Wiederbelebung. Um 11.15 Uhr sind weitere Einsatzkräfte der Feuerwehr vor Ort. Um 11.52 Uhr ist Uwe Karassek im Krankenhaus – die ganze Zeit unter Reanimation.

Es sind wenige Minuten, die sich Aline Krause und Annika Hoffmann mit der Herzdruckmassage abwechseln. Sie haben ein anderes Zeitgefühl. „Angefühlt hat es sich wie Stunden, weil die Situation schon sehr dramatisch war. Da liegt ein Mensch, den man auch kennt und der zu sterben droht“, sagt Annika Hoffmann. „Man hofft und hofft, drückt und drückt.“ Und sie sehen, wie das Blau im Gesicht von Uwe Karassek nach und nach verschwindet, das Leben wieder zurückkehrt.

Über zwei Monate ist das jetzt her. Uwe Karassek ist aus der Reha zurück, und er arbeitet wieder. Und er trifft zum ersten Mal alle seine Retter. „Ich bin sehr gerührt zu sehen, wie viele Menschen daran beteiligt waren, dass ich wieder hier stehe“, sagt er. Die Erinnerung ist nicht wieder zurückgekehrt. Der Moment in der Küche, als er Kaffee holen will und plötzlich zusammenbricht – das ist sein letztes Bild, bis er fünf Tage später im Krankenhaus aufwacht.

Wie Annika Hoffmann und Aline Krause umgehend mit der Wiederbelebung begonnen haben, wie Sven Schneider die Rettungskräfte zu ihm geschickt hat, wie der Disponent die beiden Frauen bei der Reanimation am Telefon unterstützt hat, wie die professionellen Retter die Wiederbelebung übernommen haben, wie die Ärzte sein verstopftes Herzkranzgefäß wieder geöffnet haben – all das erfährt er später. „Man wird demütig, wenn man realisiert, dass dies jederzeit und jedem passieren kann. Und ich bin sehr, sehr dankbar“, sagt der 54-Jährige.

Andreas Callies ist Leiter des Ärztlichen Rettungsdienstes in Bremen, und er war als Notarzt bei dem Einsatz am 12. Juli dabei. Er kennt viele solcher Notfälle. Und er weiß, dass sie nicht immer so gut ausgehen wie bei Uwe Karassek. „Der große Vorteil war: Der Patient wurde sehr schnell gefunden, und die Reanimation hat sofort begonnen. Das sind optimale Bedingungen für eine erfolgreiche Rettungskette. Ersthelfer spielen eine herausragende Rolle für das Überleben, die Laien-Reanimation ist entscheidend.“

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