Klinikverbund Gesundheit Nord

Leiharbeit treibt die Kosten in die Höhe

Die Leiharbeit wird als einer der Hauptfaktoren für die finanzielle Krise des Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno) ausgemacht. Doch wie sieht es damit tatsächlich aus? Eine Suche nach Ursachen.
04.03.2018, 20:37
Lesedauer: 5 Min
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Leiharbeit treibt die Kosten in die Höhe
Von Pascal Faltermann

Arbeiten an der Belastungsgrenze, Extra-Schichten und Unterbesetzung: Immer häufiger wechseln Ärzte oder Gesundheits- und Krankenpfleger freiwillig von der Festanstellung im Krankenhaus in die Leiharbeit. Entsprechende Meldungen gibt es bundesweit immer wieder. In Bremen ist die Leiharbeit ein großes Thema durch die Krise des Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno). Die angeschlagene städtische Krankenhausgesellschaft hat das Beschäftigungsverhältnis zwischen Arbeitnehmern und Zeitarbeitsfirmen, auch Arbeitnehmerüberlassung genannt, als einen der Hauptfaktoren ausgemacht, der die Bilanz ins Minus trieb. Die allgemeine Zahl der Leiharbeiter in ganz Deutschland steigt. Aber wie stellt sich die Situation in Bremen tatsächlich dar? Und was bedeutet sie für den Gesundheitsbereich?

„Wir beobachten seit Längerem, dass es einen gespalteten Leiharbeitsmarkt gibt“, sagt Regine Geraedts, Referentin für Arbeitsmarktpolitik bei der Arbeitnehmerkammer in Bremen. Eigentlich sei die Leiharbeit ein Kostensparmodell für Unternehmen. Denn wenn ein Arbeitnehmer von einer Leiharbeitsfirma als Arbeitgeber einem Dritten gegen Entgelt für begrenzte Zeit überlässt, kann die Firma an den Kosten von der Personalbeschaffung (Recruiting) bis zur Kündigung an mehreren Stellen sparen. So fällt für das Entleihunternehmen kein Weihnachts- oder Urlaubsgeld an, keine Betriebsrente und vor allem kein tarifliches Entgelt.

"Für uns ist die Leiharbeit kein Sparmodell"

Im Gesundheitsbereich bei Pflegefachkräften oder Ärzten wandelt sich die Situation hingegen. Die Vorteile für Unternehmen werden zu Nachteilen. „Für uns ist die Leiharbeit kein Sparmodell“, sagt Karen Matiszick, Sprecherin bei der Geno. „Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt und umkämpft.“ Somit gebe es ein großes Interesse an den Fachkräften. Vor allem Ärzte könnten in dieser Situation relativ viel Geld verlangen. Doch auch Krankenpfleger wechseln immer häufiger von einer Festanstellung in die Leiharbeit.

Einer der Gründe: Die Arbeitsbedingungen in den Kliniken sollen mittlerweile so schlecht sein, dass viele Pflegekräfte die Leiharbeit als Lösung sehen. „Der Pflegebereich leidet unter der chronischen Krankheit der personellen Unterbesetzung, und die Beschäftigten stehen deshalb extrem unter Druck“, sagt Regine Geraedts. Die Leiharbeit ermögliche vielen ein Arbeitszeitmodell nach den eigenen Wünschen, und allein das entlaste. Es spiele zudem eine Rolle, dass die Arbeitnehmer an unterschiedlichen Einsatzorten arbeiten und wechseln könnten, wenn sie wollen.

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So lange sich die Rahmenbedingungen im Pflegebereich nicht verbessern, werde sich an der Situation nicht viel ändern, ist sich Geraedts sicher. Es sei in den vergangenen Jahren nicht genug ausgebildet und eingestellt worden. Und das Problem, der Mangel an Fachkräften, könnte noch größer werden: Die Altersstrukturen zeigen, dass in der Pflege ein Großteil der Angestellten bereits über 50 Jahre alt ist und es an Nachwuchs mangele. Dass Kliniken jetzt mit Problemen zu kämpfen haben, habe auch etwas mit einer schlechten Personalpolitik zu tun, so Geraedts.

Laut aktuellen Zahlen der Arbeitnehmerkammer ist die Zahl der Leiharbeitsbeschäftigten insgesamt im Bundesland Bremen mit 17 802 Beschäftigten weiter überproportional hoch. Das sind 5,5 Prozent aller Beschäftigten, im Bund sind es nur 2,5 Prozent. Die Anzahl der Verleihbetriebe ist im Vorjahresvergleich um elf Prozent auf 645 Verleiher gestiegen. Das ist der mit Abstand höchste Anstieg im Bund-Ländervergleich.

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Bezogen auf alle in Leiharbeit beschäftigten Personen in Bremen sind etwa 1,7 Prozent im Gesundheitsbereich (Krankenpflege, Rettungsdienste und Geburtshilfe) tätig, also dem Bereich, der besonders häufig in Krankenhäusern beschäftigt sein dürfte. Laut Statistik arbeiten im genannten Bereich Gesundheit im Land 10 456 Personen. Davon sind aber nur 298 (2,9 Prozent) als Leiharbeiter beschäftigt. Diese Größenordnungen ließen nicht unbedingt den Rückschluss zu, dass die Leiharbeit in der Pflege ein großer Kostentreiber in den Krankenhäusern ist, so Geraedts. Anders könne dies bei der Berufsgruppe der Ärzte sein, zu der aber spezifische Leiharbeitsdaten nicht ad hoc verfügbar sind.

Wegen des extrem schwierigen Arbeitsmarktes sei der Klinikverbund Geno immer wieder darauf angewiesen, offene Stellen vorübergehend mit Leiharbeitnehmern zu besetzen, erklärt Sprecherin Matiszick. Das betreffe die Pflegekräfte genauso wie die Ärzte. Da diese Arbeitnehmer meist nur für einen kurzen Zeitraum im Unternehmen seien, gebe es aktuell keine genauen Zahlen. Insgesamt liegt der Anteil der Leiharbeitnehmer durchschnittlich – bezogen auf die Gesamtheit der Geno-Beschäftigten – bei unter fünf Prozent. „Das Problem sind die hohen Kosten, die für diese Leiharbeitnehmer anfallen“, so Matiszick.

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Laut eigenen Angaben bezahlt die Geno für eine angestellte Pflegekraft jährlich ein durchschnittliches Arbeitgeberbrutto, von 62 000 Euro. Das sind also die Gesamtlohnkosten, die auch die Sozialversicherungsbeiträge des Arbeitnehmers beinhalten. Eine Pflegekraft, die als Leiharbeitskraft beschäftigt wird, kostet die Geno dann rund 20 Prozent mehr, also im Jahr etwa 74 000 Euro.

Deutlich größer sind die Unterschiede bei Ärzten: Ein festangestellter Arzt kostet im Durchschnitt im Jahr rund 130 000 Euro (Arbeitgeberbrutto). Als Leiharbeiter kostet es die Geno fast das Doppelte, nämlich fast 260 000 Euro im Jahr. Dies seien rechnerische Größen, weil Leiharbeitnehmer oft nur für einen kurzen Zeitraum im Unternehmen sind.

Insgesamt ist es dem Klinikverbund in den letzten Jahren nicht gelungen, die Leasingkosten zu senken: 2015 waren es 9,7 Millionen Euro, 2016 dann 11,4 Millionen und 2017 immer noch 10,0 Millionen Euro. Eingeplant waren allerdings nur 4,3 Millionen, sodass 5,7 Millionen Euro mehr für Leiharbeit ausgegeben werden mussten als geplant. Die gesamten Personalkosten der Gesundheit Nord liegen bei rund 414 Millionen Euro jährlich. Um dem entgegenzuwirken, sollen ab dem 1. April Springerpools für festangestellte Pflegekräfte aufgebaut werden, die dann flexibel eingesetzt werden können.

"Ja, wir könnten Alternativen zur Leiharbeit anbieten"

Um vakante Stellen im Gesundheitsbereich zeitnah zu besetzen, setzen Krankenhäuser und Kliniken bundesweit zum einen auf Leiharbeiter und zum anderen immer wieder auf Arbeitskräfte aus dem Ausland. Auch in Bremen gibt es Unternehmen, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert haben. „Ja, wir könnten Alternativen zur Leiharbeit beziehungsweise der Arbeitnehmerüberlassung anbieten“, sagt Andreas Deppermann Junior, Geschäftsführer des Bremer Personalvermittlers Profco, der sich vor allem auf Fachkräfte im Gesundheitswesen spezialisiert hat.

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Er könne grundsätzlich Fachkräfte rekrutieren, vornehmlich aus den westlichen Balkan-Staaten. Auch aktuell könnte der Personalvermittler Ärzte, Pfleger, Apotheker oder Physiotherapeuten zur Verfügung stellen, die in einer Festanstellung arbeiten würden. Kliniken in Bremen könnte das große Ersparnisse im Vergleich zur Leiharbeit bringen.

Das Personal aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens würde von Profco bei Visa-Angelegenheiten, Anerkennungsprüfungen von Berufen und Deutschkursen unterstützt. In der betriebseigenen Akademie würden Kandidaten bis zu einem Sprachniveau B 2 (selbstständige Sprachanwendung) gemäß dem europäischen Sprachreferenzrahmen ausgebildet.

Auf Nachfrage bestätigen die beiden Profco-Geschäftsführer Deppermann Junior und Klaus-Jürgen Witt, dass es bereits Gespräche mit der Geno gegeben habe. Zum Inhalt und einer Anzahl an Ärzten und Fachkräften wollten sie sich aber aus Vertraulichkeitsgründen nicht äußern.

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