Gesundheit Nord Klinikverbund ringt um seine Zukunft

Bremens städtischer Klinikverbund Gesundheit Nord ist selbst ein Behandlungsfall. Nach schlechten Zahlen für 2017 und Turbulenzen auf der Führungsebene wächst der Druck.
02.03.2018, 20:59
Lesedauer: 5 Min
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Klinikverbund ringt um seine Zukunft
Von Jürgen Theiner

Die Zahl hallte nach wie Donner. Als Mitte Februar bekannt wurde, dass der städtische Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) im vergangenen Jahr 18 Millionen Euro neue Schulden aufgehäuft hat, war das Entsetzen in der Politik riesig. Erst zwei Wochen zuvor hatte die Geno ein Defizit von knapp 12,6 Millionen Euro vermeldet, und schon dieser Betrag wurde als ärgerlich hoch empfunden.

Dass er kurze Zeit später um gut fünf Millionen Euro nach oben korrigiert werden musste, schlug – nicht nur aus Sicht der Bürgerschaftsopposition – dem Fass den Boden aus. Doch wie kam es zu diesem Desaster, und wie soll es mit dem chronisch defizitären Klinikverbund kurz- und mittelfristig weitergehen? Dass die Wahrheit über das aktuelle Defizit nur portionsweise ans Licht kam, war nach Informationen des WESER-KURIER keine Kommunikationspanne der Geno-Führung.

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Der Vorgang war weitaus gravierender und kostete den kaufmännischen Geno-Vorstand Tomislav Gmajnic letztlich den Job. Demnach gab es schon das ganze Jahr 2017 über deutliche negative Abweichungen von den ehrgeizigen Wachstumszielen, die sich der Klinikverbund gesetzt hatte. Die Steigerungsraten bei den Behandlungsfällen, die beispielsweise für die Pneumologie am Klinikum-Ost oder die Neurologie an der St.-Jürgen-Straße angepeilt worden waren, wurden nicht erreicht.

Die Intensivmedizin am Klinikum-Mitte verzeichnete weniger schwere und damit auch weniger erlösträchtige Fälle als geplant. Und bei der Allgemeinchirurgie in Nord stand sogar ein Minus gegenüber 2016 zu Buche. Üblich ist, dass solche Abweichungen im monatlichen Finanzcontrolling abgebildet werden, sodass kurzfristig gegengesteuert werden kann.

Häufige Interventionen der Politik

Wie mehrere Geno-Insider übereinstimmend berichten, soll Gmajnic die übers Jahr aufgelaufenen Abweichungen jedoch erst in die Dezember-Zahlen eingearbeitet haben. Als diese dann in den ersten Februartagen endgültig vorlagen, fiel Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) aus allen Wolken. Dass auch der Vorsitzenden der Geno-Geschäftsführung, Jutta Dernedde, die Buchführung ihres Kollegen Gmajnic über einen längeren Zeitraum nicht aufgefallen war, stellt ihr nach Ansicht von Insidern kein gutes Zeugnis aus.

Gleichwohl genießt sie offenbar weiterhin das Vertrauen der Senatorin. Eine Ablösung Derneddes käme zurzeit auch deshalb nicht infrage, weil dann die Geno-Geschäftsführung vollends in Trümmern läge, und daran kann die politische Führung kein Interesse haben. Neben Gmajnic war vor einigen Monaten bereits Personalvorstand Albert Schuster nach kurzem Gastspiel freiwillig ausgestiegen.

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Schuster, der zuvor beim privaten Klinikkonzern Helios gearbeitet hatte, kam dem Vernehmen nach nicht mit dem Klima in der Geno klar, das durch häufige Interventionen der Politik gekennzeichnet ist. Die Planstelle des Personalchefs ist noch nicht wieder besetzt. Die Gesundheit Nord mit ihren Häusern Mitte, Nord, Ost und Links der Weser und einem Jahresumsatz von rund 650 Millionen Euro hat in den vergangenen Jahren stets ein negatives Jahresergebnis vorgelegt.

Das lag allerdings nicht daran, dass in den Häusern grundsätzlich schlecht gewirtschaftet würde. Der Faktor, der die Bilanz stets aufs Neue in den roten Bereich zieht, ist die Finanzierung des Neubaus auf dem Gelände des Klinikums Mitte. Er war ursprünglich mit 230 Millionen Euro kalkuliert und wird nach zwischenzeitlichen Steigerungen in der Endabrechnung mehr als 400 Millionen Euro kosten, wenn man den Aufwand für neue Medizintechnik und die Aufstockung für einen Geburtshilfetrakt hinzurechnet. Ohne diese Sonderbelastung stünde die Geno deutlich besser da.

Finanzspritze der öffentlichen Hand

Nachdem im Jahr 2013 mit der Umsetzung eines medizinischen Zukunftskonzeptes begonnen worden war, das den einzelnen Standorten klare Schwerpunktsetzungen verordnete, erholte sich der Klinikverbund finanziell. Seit 2014 konnte die Gesundheit Nord im operativen Geschäft, also vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, stets ein bescheidenes Plus erwirtschaften.

Im vergangenen Jahr lag es bei zwei Millionen Euro. „Das erreichen viele kommunale Kliniken nicht“, macht der Betriebsratsvorsitzende des Klinikums Mitte, Thomas Hollnagel, geltend. Für eine Entlastung vom Kapitaldienst des Neubaus soll nun eine Finanzspritze der öffentlichen Hand sorgen. Wie berichtet, will Bremens rot-grüne Regierungskoalition der Geno 185 Millionen Euro zur Verfügung stellen.

Ein entsprechender Nachtragshaushalt ist von der Bürgerschaft noch zu beschließen. Betriebsrat Hollnagel hofft sehr darauf. Er sieht in dem Zuschuss ein „ganz wichtiges Bekenntnis der Stadtgemeinde Bremen zu ihren Kliniken“. Gleichwohl bleibt die Geno gefordert, die Eigenanstrengungen zu erhöhen. Bis April muss sie der Politik ein Zukunftssicherungskonzept vorlegen.

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Ein Element, das darin auftauchen wird, hatte Senatorin Quante-Brandt bereits nach der jüngsten Geno-Aufsichtsratssitzung genannt: die Verringerung der teuren Leiharbeit. Im pflegerischen Bereich soll dafür ein Pool an Springerkräften für alle Geno-Häuser aufgebaut werden. Diese Idee ist allerdings nicht mehr ganz taufrisch.

Seit Jahren wird darüber geredet, zustande kam ein funktionstüchtiger Pool bisher nicht – auch weil der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ziemlich leer gefegt ist. Nach Darstellung von Geno-Sprecherin Karen Matiszick wird es im Zukunftssicherungskonzept auch um punktuellen Bettenabbau sowie den Ausbau erlösträchtiger Bereiche wie etwa der Herzchirurgie am Klinikum Links der Weser gehen. „Wir werden aber letztlich nicht um die Frage herumkommen: Wo kann man radikal Kosten einsparen?“, kündigt Matiszick an.

Teure Anlage für Medizin-Logistik steht still

Nicht nur bei den großen Fragen der strategischen Ausrichtung tut sich die Gesundheit Nord gelegentlich schwer. Dass man sich im Klinikverbund auch mit schlichter Betriebsorganisation verheddern kann, zeigt das Beispiel der Medikamentenversorgung. Bisher befindet sich die Zentralapotheke auf dem Gelände des Klinikums-Mitte, des mit gut 2400 Beschäftigten deutlich größten Geno-Standorts. Von dort sollte die Arznei-Logistik eigentlich schon lange ins Güterverkehrszentrum (GVZ) verlagert werden.

Bereits vor zwei Jahren wurde im Niedervieland ein Hallenkomplex angemietet und für einen Millionenbetrag eine sogenannte Kommissionierungsanlage aufgebaut, die Medikamenten-Gebinde zur Abholung vorbereitet. Doch dann gab es zwischen Akteuren innerhalb der Geno und dem in der Gesundheitsbehörde angesiedelten Pharmazierat Meinungsverschiedenheiten darüber, was die Anlage kann und soll. Bis heute existiert keine Betriebserlaubnis, die teure Maschine steht still.

Nun ist zu hören, dass voraussichtlich im Sommer das Startsignal gegeben werden soll. Geno-Sprecherin Karten Matiszick bestätigt entsprechende Informationen des WESER-KURIER: "Derzeit wird die Anlage eingelesen, wir planen, dass sie zum 1. Juli dann in Betrieb geht." Ein Teil der Geno-Apotheke wird allerdings auch künftig auf dem Gelände des Klinikums-Mitte an der St.-Jürgen-Straße verbleiben. Vom Umzug nicht betroffen sind beispielsweise hoch spezialisierte Laborkapazitäten und die Herstellung sogenannter Cytostatika, die bei den Therapie von Krebserkrankungen zum Einsatz kommen.

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