Flüchtlingshilfe Grohn

Neustart im Supermarkt

Ehrenamtliche haben einen leerstehenden Supermarkt gemietet. Sie wollen hier Kleidung und Hausrat an Flüchtlinge abgeben. Warum es so lange gedauert hat, bis ein neues Quartier gefunden wurde.
18.06.2017, 10:18
Lesedauer: 4 Min
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Neustart im Supermarkt
Von Patricia Brandt

Grohn/Aumund. Blaue Farbe rinnt an der Schaufensterscheibe herab. Es ist nach sechs am Abend, als ein Mann im Kapuzenpulli in großen Buchstaben „Ökumenische Starthilfe Grohn“ aufs Glas schreibt. „Dies ist eine Ausnahmewoche“, sagt Christa Thiekötter, eine von 25 Freiwilligen. Die Initiative bestückt derzeit einen früheren Supermarkt in Aumund-Hammersbeck mit Waren. Lebensmittel sollen an der Lerchenstraße 14 allerdings nicht mehr angeboten werden. Die Starthilfe Grohn will hier ab Mittwoch, 22. Juni, Kleider und Hausrat an Flüchtlinge verschenken.

Als Gemeindeglieder der Kirchen Heilige Familie und Sankt Michael aus Grohn 2015 begannen, Bekleidung, Spielzeug, und Haushaltsgegenstände für Flüchtlinge zu sammeln, war Rainer Schäffer schon dabei. „Ich wurde von meiner Frau berufen“, sagt der Mann mit dem schlohweißen Haaren. Lange Jahre war er in seiner eigenen Hausverwaltungsfirma tätig. Der Umgang mit Menschen würde ihm fehlen, würde er sich nicht engagieren, ist er heute überzeugt. An diesem Tag kümmert sich Schäffer um den Umzug von der Furt- in die Lerchenstraße.

Wie berichtet, musste die Ökumenische Starthilfe ihr Quartier an der Furtstraße aufgeben. „Die Fläche war uns von Nehlsen mietfrei überlassen worden, aber jetzt wird sie bebaut. Deshalb wurde uns gekündigt“, berichtet Schäffer. Bei der Suche nach neuen Räumen für eine Spenden-An- und Abgabenstelle hat Schäffer seit März viele Adressen abgeklappert. Zehn oder zwölf Objekte habe er besichtigt, aber nicht überall war er willkommen. „Viele wollten keine Flüchtlinge. Das ist leider so.“

Ins Geschäft kam die Initiative laut Schäffer zuletzt mit der Vonovia. Der Immobilienkonzernbot der Initiative das leerstehende, rund 500 Quadratmeter große Ladengeschäft an der Lerchenstraße 14 mietfrei an. Zu zahlen seien aber Betriebskosten in Höhe von 500 Euro, rechnet Schäffer hoch. „Jetzt suchen wir 50 Paten oder Patinnen, die uns monatlich mit zehn Euro unterstützen.“

Rainer Schäffer sitzt jetzt an der Stelle, an der früher die Kasse des Supermarkts stand. An der Wand hinter ihm klebt noch eine überdimensionale Aufnahme eines Kornfeldes im Sonnenlicht. Auch die Schranke, durch die einst Supermarkt-Kunden geleitet wurden, ist noch da. „Da bin ich richtig froh drüber“, sagt Schäffer. „Wir achten streng darauf, wer von uns etwas bekommt, weil zunächst auch Leute aus der Grohner Düne und EU-Bürger gekommen sind. Aber die bekommen Geld aus anderen Kassen.“

Seit Mai 2016 hat die Starthilfe 1300 Flüchtlinge registriert und sich ein eigenes Abgabesystem für sie ausgedacht: Wer in der Zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge lebt, darf sich zehn Mal Bekleidung und vier Mal Hausrat abholen, erklärt Schäffer. Wer aus der Zast zieht, dürfe ein Jahr lang einmal monatlich kommen.

Der Bedarf ist groß. „Seit Mai 2016 haben wir 6000 Besuche registriert“, rechnet Schäffer hoch. Pro Ausgabetermin kämen im Schnitt bis zu 50 Flüchtlinge. Wie hoch das Warenaufkommen ist, weiß Schäffer zwar nicht. Aber allein bei der Damenbekleidung kommt Christa Thiekötter, Helferin der ersten Stunde, auf 100 Kartons. Sie stehen gestapelt zwischen einem Klappbett, Petzi-Comics und zwei Plastik-Kakteen. Die Lehrerin hängt gerade ein paar Blusen auf Bügel. „Ich habe immer noch nicht herausgefunden, was den Damen gefällt“, wundert sie sich. Sie sei immer wieder überrascht, dass die Frauen Kleidungsstücke hängen ließen, die sie selbst sehr hübsch finde. Verstehen könne sie aber, dass niemand „Trachten und Janker will“. Einen „Run“, sagt die ehrenamtliche Helferin, gebe es auch auf Kindersachen, Bettwäsche und Handtücher. Über die Qualität der Spenden sagt Christa Thiekötter: „Vieles kommt sehr schön gewaschen und gebügelt her und manches – naja.“

Normalerweise hilft die Pädagogin zwei Stunden die Woche bei der Ökumenischen Starthilfe, in den Wochen vor der Neueröffnung der Spendenausgabestelle aber deutlich mehr. Darüber hinaus begleitet sie eine junge Frau aus dem Containerdorf in Grohn, hilft ihr beim Deutsch lernen. Sie möchte denen helfen, die Krieg ausgesetzt sind und Repressalien fürchten müssen. Sie fühle eine „große Dankbarkeit“, dass „ich bleiben darf in meinem Land, in meinem Haus“.

Ein paar weitere Helfer betreten den Laden, besprechen sich mit Rainer Schäffer. Mit einem weißen Sprinter sollen Spenden aus der Friedrich-Humbert-Straße geholt werden. Schäffer bekommt einen Anruf nach dem nächsten. Schweiß perlt von seiner Stirn, als er sein Handy ans Ohr hebt. „Wir brauchen noch acht Kleiderständer“, sagt er zu der Person am anderen Ende der Leitung.

Auf der anderen Seite des Raumes werden die ersten Regale befüllt. „Anke, ich denke, wir nehmen dieses Regal für Vasen“, schlägt Hannelore Kahlenberg ihrer Teampartnerin vor. Zu sehen ist von Anke Bücking momentan nur die Rückseite ihres pinkfarbenen T-Shirts und ihrer Jeans. Sie wischt Staub in einem anderen Regal. „Ja, sicher.“

Die beiden Frauen packen schon seit mehr als einem Jahr beim Sortieren der Spenden mit an. Die Arbeit sei wichtig, sagt Anke Bücking. Ihre ganze Familie engagiert sich in der Flüchtlingshilfe, die Tochter in Lübeck, die Enkelin in Griechenland: „Man fühlt sich dadurch auch irgendwie selbst gut.“

Menschen aus mehr als 20 verschiedenen Ländern decken sich bei der Grohner Gruppe mit dem Nötigsten ein: Kontakte oder sogar Freundschaften mit Flüchtlingen entstehen wegen der Verständigungsschwierigkeiten jedoch selten. Nur einmal habe sie einen jungen Mann etwas besser kennengelernt, berichtet Anke Bücking. Als Übungsleiterin des Vereins TV Grohn habe sie ihn zu gemeinsamen Radtouren eingeladen. Er sei dann auch mitgefahren. Aber inzwischen sei der junge Mann aus dem Stadtteil fortgezogen.

Starthilfe Grohn Die Ökumenische Starthilfe Grohn – Hilfe für Flüchtlinge wird von den Kirchengemeinden Heilige Familie und Sankt Michael getragen. Seit März 2015 sammeln Ehrenamtliche Sachspenden und geben sie kostenlos an Flüchtlinge ab. Die bisherige Spendenausgabestelle in der Furtstraße ist wegen des Umzugs geschlossen. Sachspenden werden ab sofort im neuen Laden der Initiative an der Lerchenstraße 14 mittwochs von 15.30 bis 17 Uhr sowie sonnabends von 10 bis 12 Uhr entgegengenommen. Für Flüchtlinge geöffnet ist die Ausgabestelle ab Mittwoch, 22. Juni, montags von 10 bis 12 Uhr und von 15 bis 17 Uhr sowie mittwochs von 10 bis 12 Uhr. Wer Pate werden und die Initiative finanziell unterstützen möchte, überweist einen Betrag auf das Konto DE75290501010005005731 bei der Sparkasse Bremen. Die Initiative ist auch erreichbar über die E-Mail-Adresse starthilfe.grohn@gmail.com.
„Jetzt suchen wir Paten, die uns monatlich unterstützen." Rainer Schäffer, Starthilfe
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