Krankheitswelle

Norden verzeichnet Grippe-Rekord

Bremen und Niedersachsen melden neue Höchststände von Grippe-Erkrankten. Eine Sprecherin der Bremer Gesundheitsbehörde rechnet allerdings damit, dass sich die Zahl noch weiter erhöht.
26.02.2018, 22:29
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Norden verzeichnet Grippe-Rekord
Von Antje Stürmann

In Niedersachsen sind so viele Menschen an Grippe erkrankt wie seit Jahren nicht mehr. Das geht aus den Zahlen des Landesgesundheitsamtes hervor. Die Behörde meldet seit Oktober 5356 Influenza-Fälle. Das sind gut 1400 mehr als im gleichen Zeitraum vor einem Jahr. Eine Sprecherin der Behörde in Hannover geht davon aus, dass die Anzahl der erkrankten Personen jedoch noch deutlich höher liegt, als offiziell bekannt. Denn: Nicht jede Erkrankung werde gemeldet.

Auch in Bremen hat sich die Anzahl der Erkrankungen in den vergangenen vier Wochen vervierfacht. Damit ist die Grippewelle nach Angaben einer Sprecherin des Gesundheitsressorts in der Hansestadt nun auf einem neuen Hoch. „Wir sehen aber immer noch eine steigende Tendenz. Der Höhepunkt ist wohl noch nicht erreicht“, sagt die Sprecherin. Seit Anfang des Jahres seien 157 Erkrankungen gemeldet worden. Zum Vergleich: In der gesamten Grippe-Saison 2016/17 habe es im Land 187 gemeldete Influenza-Fälle gegeben.

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Betroffen sind vor allem Kinder. So meldet das niedersächsische Gesundheitsamt für die Kindertageseinrichtungen des Landes einen neuen Spitzenwert bei akuten Erkrankungen der Atemwege. Insgesamt werde derzeit fast jeder zweite Rachenabstrich von Kindern im Labor positiv auf Influenza getestet.

Doch es trifft längst nicht nur die Jüngsten. So haben sich etwa auch viele Lehrer krank gemeldet: Allein in Bremen fällt nach Angaben aus dem Bildungsressort an acht von 75 Grundschulen der Ganztagsunterricht aus. Auch Veranstaltungen wie etwa von der Konrad-Adenauer-Stiftung in der vergangenen Woche mussten wegen Krankheitsfällen bereits abgesagt werden.

Auch kleine Unternehmen und Handwerksbetriebe werden schwer von krankheitsbedingten Ausfällen getroffen. Der Präses der Bremer Handwerkskammer, Jan-Gerd Kröger, kann zwar keine aktuellen Zahlen nennen, weiß aber aus Gesprächen: „Die Kunden stöhnen über den hohen Krankenstand in den Betrieben und die Folgen.“

"Kleinere Betriebe haben es schwerer als die größeren"

Termine würden abgesagt oder verschoben. Nicht jedes kleine Unternehmen könne alle Ausfälle kompensieren, sagt Kröger, der selbst Bauunternehmer ist. „Wird in einem Betrieb mit zwei, drei Mitarbeitern einer krank, ist die Hälfte der Belegschaft weg.“ Das bestätigt auch Stefan Schiebe, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft: „Kleinere Betriebe haben es schwerer als die größeren.“ Durchschnittlich arbeiteten in einem Handwerksbetrieb fünf bis zehn Mitarbeiter.

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Einen dieser kleineren Betriebe leitet Steinmetz Guido Kahnert aus Blumenthal. Er beschäftigt zwei Gesellen, seine Frau arbeitet im Büro. „Fällt bei uns einer länger aus, komme ich in die Bredouille“, sagt Kahnert. Diese Situation ist nun eingetreten: Nebenbei erledigt Kahnert nach eigenen Angaben die Buchhaltung, weil seine Frau innerhalb weniger Wochen zum zweiten Mal erkrankt ist.

Beim Deutschen Milchkontor mit gut 3000 Mitarbeitern in Bremen und Niedersachsen „zeigt sich die aktuelle Grippe- und Erkältungswelle. Wir sind aber gut aufgestellt, sodass es aktuell zu keinem Engpass kommt“, sagt ein Sprecher. Vorbeugend habe das Unternehmen die Mitarbeiter stärker als sonst darauf hingewiesen, häufig die Hände zu waschen.

Keine Auswirkungen auf Bremer Mercedes-Werk

Grundsatz sei zudem, Grippeerkrankungen zu Hause auszukurieren und gegebenenfalls die Möglichkeit des Homeoffices zu nutzen, um nicht unnötig Kollegen anzustecken. Auf die Produktion des Bremer Mercedes-Werks hat die Grippewelle indes noch keine Auswirkungen. „Hier läuft alles ganz normal weiter“, sagt ein Unternehmenssprecher.

In diesem Jahr sind seinen Angaben zufolge nicht mehr Arbeiter als in den Vorjahren krankgeschrieben. „Wir bieten im Herbst aber auch immer eine Grippeschutzimpfung an.“ „Gefühlt ist diese Grippewelle schlimmer, als sie es in Wirklichkeit ist“, sagt der Vorsitzende des Bremer Hausärzteverbandes, Hans-Michael Mühlenfeld.

Vor allem aber sei sie nicht gefährlich. Dass die Kliniken überlastet seien, hänge nicht mit der Schwere der Erkrankungen zusammen. „Das hat damit zu tun, dass sich viele Menschen nicht an ihren Hausarzt wenden oder die Sprechstunde der Kassenärztlichen Vereinigung nutzen, sondern in die Ambulanzen der Krankenhäuser gehen“, sagt Mühlenfeld.

Schwerpunkt im Süden und im Osten des Landes

So entstünden Engpässe. Die Klinik sei Grippe-Patienten vorbehalten, die sich nicht selbst versorgen könnten. Wer bis jetzt noch nicht erkrankt sei, dem rät Mühlenfeld, sich häufig die Hände zu waschen und geschlossene Räume, in denen sich kranke Menschen aufhalten, zu meiden. Als Beispiele nennt er Bus und Bahn.

Deutschlandweit sind nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Influenza in diesem Jahr bislang 82.000 Menschen an der Grippe erkrankt. Der Schwerpunkt liegt laut Robert-Koch-Institut (RKI) momentan im Süden und im Osten des Landes. 136 vorwiegend ältere Menschen mit Vorerkrankungen seien nachweislich an einer Influenza-Infektion gestorben.

Wie die Grippe im Vergleich zu anderen Jahren ausfällt, kann das RKI nach den Worten einer Sprecherin noch nicht sagen. Fest steht aber: Der gängige Dreifachimpfstoff bietet in dieser Saison kaum Schutz vor den zirkulierenden Viren. Deswegen hatte die Ständige Impfkommission am RKI bereits vor einiger Zeit eine offizielle Empfehlung für einen anderen, besseren Vierfachimpfstoff herausgegeben.

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