Personal für die Inklusion fehlt Ohne Assistenz in der Schule

Ein Mädchen ist frisch eingeschult. Sie hat ein Recht auf Assistenz im Unterricht, doch seit drei Wochen geht sie alleine zur Schule. Das ist kein Einzelfall: in der Stadt fehlen 40 Assistenzen.
04.09.2018, 20:16
Lesedauer: 4 Min
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Ohne Assistenz in der Schule
Von Sara Sundermann

Emma* geht jetzt in die Schule. Sie ist sieben Jahre alt und frisch eingeschult. Weil sie aufgrund eines Gendefekts an Epilepsie leidet und langsamer lernt als andere, hat sie ein Recht darauf, dass eine dafür ausgebildete Person – eine Assistenzkraft – sie in der Schule begleitet. Die Assistenz soll im Unterricht neben ihr sitzen und sie unterstützen. Aber Emma geht seit drei Wochen alleine in die Schule, obwohl das nicht so sein sollte.

Ihr Pflegevater Lars Ackermann hat sich an den WESER-KURIER gewandt. Er schildert, was zuvor geschah: „Emma ist unsere Pflegetochter. Alle Therapeuten sagen, dieses Kind braucht Begleitung, deshalb haben wir gemeinsam mit Emmas Vormündin schon am 10. Oktober 2017 einen Antrag auf eine Schul-Assistenz gestellt“, sagt er. Doch bislang ist keine Assistenz da, und noch immer ist nicht absehbar, wann Emma Unterstützung bekommt.

„Es wirkt auf mich so, als wäre nie vorgesehen gewesen, dass unsere Pflegetochter rechtzeitig zum Schulstart eine Assistenz bekommt“, sagt Ackermann. Ein Einzelfall? Nein. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Probleme in Bremen, weil Assistenzkräfte fehlten. Eine Anfrage bei der Bildungsbehörde ergibt, dass derzeit in der Stadt 40 Stellen für Assistenzen bei verschiedenen Trägern nicht besetzt sind. Das heißt, 40 Kinder, die ein Recht auf Begleitung haben, gehen alleine in den Unterricht.

Viele verschiedene Stellen involviert

Der Pflegevater von Emma ist aufgebracht, er hat sich mehrfach an die Behörde gewandt, zuletzt mit einem Schreiben an Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD), auf das er nun auch mehrfach Antwort erhalten hat. Für die Bewilligung musste zunächst geklärt werden, welches Handicap Emma hat und welche ­Assistenzleistung in diesem Fall greift, sagt Behördensprecherin Annette Kemp.

Denkbar sei in diesem Fall ein Anspruch auf Unterstützung nach verschiedenen Paragrafen gewesen, erklärt sie – je nachdem, ob Fachleute eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung oder eine drohende seelische Behinderung feststellen. Gesetzlich vorgeschrieben sei, dies in einer bestimmten Reihenfolge abzuprüfen, so Kemp.

Involviert in das Verfahren sind viele verschiedene Stellen, unter anderem das Gesundheitsamt, das Amt für soziale Dienste und das Regionale Beratungs- und Unterstützungszentrum. Es sei erst Mitte Juni klar gewesen, dass Emma einen Anspruch auf eine Assistenz aufgrund einer drohenden seelischen Behinderung habe, so Kemp.

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Wie es sein kann, dass mehr als ein halbes Jahr geprüft wird, welche Art von Beeinträchtigung vorliegt, kann Lars Ackermann nicht verstehen. „Emma hatte ja auch in der Kita schon eine Assistenz, und unser Antrag wurde in Absprache mit der Ärztin des Gesundheitsamtes gestellt“, sagt er. Trotz der späten Bewilligung durch die Behörden hätte es aber beinahe noch eine Assistenz für Emma rechtzeitig zum Schulstart gegeben: „Wir sind am 20. Juni von der Behörde beauftragt worden, eine Assistenzkraft für das Mädchen zu suchen, und wir haben auch eine Assistenz gefunden“, schildert Benedikt Heche, Sprecher des Martinsclub Bremen, der Arbeitgeber für viele Assistenzen an Schulen ist.

Doch es kam nicht zur Einstellung. Der Grund: Die Kandidatin sprang ab. „Wir können nicht während der Schulferien einstellen, sondern hätten sie erst zum Schuljahresstart beschäftigen können. Die Person, die infrage kam, suchte aber früher etwas.“

Assistenzkräfte können sich derzeit aussuchen, wo sie arbeiten wollen: Gerade für den Bereich seelische Beeinträchtigung herrsche Fachkräftemangel, so Heche: „Die Arbeit in dem Bereich stellt hohe Anforderungen.“ Gesucht werde eine Fachkraft mit Erzieherausbildung und Erfahrung mit seelischer Beeinträchtigung. „Wir suchen seitdem, haben aber niemanden gefunden und haben den Auftrag auch für andere Träger frei gegeben.“

Auch an der Oberschule Walle fehlende Assistenz

Persönliche Assistenzen sollen das begleitete Kind unterstützen, aber auch dafür sorgen, dass die Situation für die Lehrer und die ganze Klasse nicht zur Belastung wird. Ihre Arbeit ist fordernd, gleichzeitig verdienen Assistenzen viel weniger als die Lehrer, mit denen sie zusammen arbeiten. Auch deshalb üben viele diese Arbeit nur für einige Zeit aus.

Zudem war lange der Martinsclub fast der einzige Arbeitgeber für Assistenzen – fand man dort kein Personal, hatte die Stadt ein Problem. Das hat sich inzwischen verändert: Laut Behörde gibt es derzeit elf verschiedene Träger. Die Veränderungen haben aber offenbar nicht genug gebracht. Kommt dann noch eine lange Bearbeitungszeit der Behörden hinzu, sodass die Assistenz spät bewilligt wird, wird es besonders schwer, Personal zu finden.

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Ein Thema sind fehlende Assistenzkräfte derzeit zum Beispiel auch in Walle: An der Oberschule Walle gibt es ein Kind mit Anspruch, für das es derzeit keine Assistenz gibt, berichtet Alexander Schumacher, Leiter des Zentrums für unterstützende Pädagogik (ZUP) an der Schule: „Das ist ein wiederkehrendes Problem.“

In den vergangenen Jahren hätten immer wieder einzelne Kinder an der Schule vier bis sechs Monate lang keine Assistenz gehabt. Bei der Bewilligung durch die Behörden habe es nicht gehakt, sagt er – es sei schwer, passende Kräfte zu finden. Doch er stellt fest: „In Bremen muss der Anspruch auf eine Assistenz für ein Kind oft mehrfach von verschiedenen Stellen attestiert werden“ – das mache das Verfahren sehr aufwendig.

*Name von der Redaktion geändert

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Inklusion in Bremen

In Bremen wird die Inklusion besonders weitgehend umgesetzt, das bestätigte zuletzt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Studie: Hier besuchten im Schuljahr 2016/17 nur noch 1,2 Prozent aller Kinder mit Förderbedarf eine gesonderte Förderschule, bundesweit galt das im Schnitt für 4,3 Prozent. Bremen hat die Inklusion seit 2009 verbindlich für alle öffentlichen Schulen eingeführt und fast alle Förderschulen geschlossen. Zugleich fehlt es in der Praxis immer wieder an ausgebildetem Personal für die Inklusion: Stellen für Sonderpädagogen und Assistenzen sind häufig schwer zu besetzen, verwiesen wird auf einen Fachkräftemangel.

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