So lassen sich Antanz-Überfälle vermeiden Pfefferspray und Trillerpfeife: Polizei gibt Tipps

Was können Passanten tun, wenn sie „angetanzt“ werden? Die Bremer Polizei zeigt in einem Seminar Möglichkeiten, wie man Dieben keine Chance lässt.
26.01.2016, 12:18
Lesedauer: 8 Min
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Von Sabine Doll

Was können Passanten tun, wenn sie „angetanzt“ werden? Die Bremer Polizei zeigt in einem Seminar Möglichkeiten, wie man Dieben keine Chance lässt.

Früh am Morgen vor dem Hauptbahnhof: Andrea Müller ist gerade aus der Straßenbahn gestiegen und wartet auf ihren Bus. Normalerweise fährt sie mit dem Auto zur Arbeit. An diesem Morgen hat sie es wegen Schnee und Eis lieber stehen gelassen. So wie viele andere Bremer auch. Der Bahnsteig ist voller Menschen. Andrea Müller steht mitten in dem Gedränge. „Ich weiß nicht, was es war, aber plötzlich spürte ich, dass da etwas im Gange war“, erzählt sie. Sie sieht, wie sich einige Männer in ihrer Nähe etwas zurufen, auf sie zeigen und sich durch das Gedränge zielsicher auf sie zu bewegen. „Das ging alles ganz schnell, sodass ich in einem Reflex gehandelt habe.“ Kurz bevor die Männer bei ihr sind, rennt sie weg, presst ihre Handtasche eng an den Bauch, steigt in irgendeinen Bus, Hauptsache raus aus dem Gedränge und in Sicherheit. In der Überseestadt verlässt sie den Bus und alarmiert die Polizei. „Ich war völlig fertig.“

Strategien gegen Übergriffe

Ortswechsel. Es ist kurz nach 18 Uhr. Maike Seifert schließt die Tür des Vortragsraums im Justizzentrum. Alle Stühle sind besetzt. So wie jedes Mal, wenn das Präventionszentrum der Polizei zu dem Seminar „Starkes Auftreten statt starker Fäuste“ einlädt. Es geht darum, wie man sich vor Übergriffen durch einen oder mehrere Täter schützen kann, wie man in einer bedrohlichen Situation am besten reagiert. Andrea Müller ist eine der Teilnehmerinnen. „Sie haben alles richtig gemacht“, sagt Maike Seifert. „Sie waren aufmerksam, haben erkannt, dass in ihrer unmittelbaren Nähe etwas im Gange ist. Sie haben auf ihr Bauchgefühl gehört und sind weggelaufen.“

Die Gruppe ist mitten im Thema. Einige haben sich zu dem Seminar angemeldet, weil sie ähnliche Situationen erlebt haben wie Andrea Müller. Manche hatten weniger Glück, sind schon Opfer eines Überfalls geworden und wurden ausgeraubt. Andere sind gekommen, weil sie sich durch Berichte über sogenannte Antanztricks oder die Vorfälle in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten verunsichert fühlen. Weil sie vorbereitet sein wollen.

Täter treten vermehrt in Gruppen auf

„Wir bemerken seit Längerem, dass sich die Qualität der Überfälle verändert hat“, sagt Kriminaloberkommissar Holger Ihnen. „Natürlich gibt es immer noch Vorfälle mit Einzeltätern, aber sehr häufig sind es Gruppen – kleinere oder auch größere –, die sich ein Opfer aussuchen.“ Diese Entwicklung gebe es in allen Städten. Doch was können Passanten tun, wenn sie „angetanzt“ werden? Wenn es die Täter auf Handy und Portemonnaie abgesehen haben, Einzeltäter oder eine Gruppe? „In diesem Seminar geht es nicht darum, den oder die Angreifer mit einem gekonnten Schulterwurf zu Boden zu bringen“, sagt die Polizistin Maike Seifert. „Es geht darum, bedrohliche Situationen möglichst vorher zu erkennen, sie zu meiden und – wenn man doch hineingerät – sie mit anderen Mitteln zu bannen.“

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Ein Rollenspiel steht an. Einige Seminarteilnehmer werden gebeten, sich so aufzustellen, dass sie eine Art Gasse, ein Spalier bilden – und sie sollen bedrohlich dabei wirken. Dafür werden sie mit Baseballschläger und Gummikeule ausgestattet, die sie zumindest ein wenig schwingen dürfen. Zwei andere Teilnehmer wurden zuvor vor die Tür geschickt und nun nacheinander hereingeholt. Die Aufgabe: Sie sollen einen Flyer von einem Stuhl holen, der am anderen Ende des Raums steht. Beide nehmen den kürzesten und direkten Weg – mitten durch das Spalier. Als Dritte holt Maike Seifert den Flyer – sie geht um das Spalier herum.

Tipps für richtiges Verhalten

Gefährliche Orte meiden: Es sind diese Aha-Effekte, für die die beiden Polizisten in dem Seminar sorgen wollen. Keiner der Seminarbesucher hat offenbar daran gedacht, dass sie sich einen anderen Weg zu dem Ziel suchen können. „Der wichtigste Punkt, um bedrohliche und gefährliche Situationen zu meiden, ist: Das Umfeld immer im Auge haben, auf ein mulmiges Gefühl hören und, wenn es möglich ist, die Situation umgehen“, erklärt Maike Seifert. Als Beispiel nennt sie: Kommt einem jemand entgegen, bei dem man eben dieses mulmige Gefühl hat, sollte man die Straßenseite wechseln, rät die Polizistin. Oder: Beobachtet man eine Gruppe womöglich betrunkener und pöbelnder Männer, sollte man einen Bogen um sie machen. „Meiden Sie gefährliche Orte“, rät die Polizistin. „Das bemerkt man aber nur, wenn man auch nach vorn schaut – und beispielsweise nicht auf das Handy.“ Davon rät die Polizistin dringend ab, vor allem auch deshalb, weil dies eine Einladung zum Handy-Diebstahl sei.

In Menschenmengen an den Rand stellen: Doch nicht immer ist das möglich, zum Beispiel an Orten mit großen Menschenansammlungen. Auch dafür haben die Polizisten eine Empfehlung: Nie mitten in der Menge, sondern immer am Rand aufhalten, um möglichst schnell und auf kürzestem Weg den Ort verlassen zu können. „Kommt es zu Rangeleien, sofort reagieren und weggehen“, schärft Holger Ihnen den Seminarteilnehmern ein. „Das mag banal klingen. Aber der Trick bei der Sache ist, eine Gefahr zu erkennen und dann wegzugehen, wenn das möglich ist.“ Deshalb sei es wichtig, ein eigenes Frühwarnsystem für solche Situationen zu entwickeln und gewisse Verhaltensregeln zu kennen.

Nicht ans Fenster setzen: Dazu gehöre, in Straßenbahnen und Bussen – vor allem abends und nachts, wenn dort wenige Menschen sind – nie den Fensterplatz zu wählen. Ihnen: „Wenn sich dann jemand neben Sie setzt, sind Sie regelrecht eingeklemmt und kommen nur schwer aus der Situation heraus.“

Laut auf sich aufmerksam machen: Komme es zu einer Belästigung oder Bedrohung, sollte man sich unbedingt lautstark an andere Menschen wenden. In der Straßenbahn könne das der Fahrer sein, der die Polizei alarmiert, oder man wählt den Notruf selbst, wenn das möglich ist. Außenstehende sollten direkt und konkret angesprochen werden. Etwa: „Sie da, mit dem roten Schal, bitte rufen Sie die Polizei.“ Außerdem sollte man den Angreifer nie duzen, sondern siezen, egal wie jung er ist, rät Maike Seifert. Das helfe Außenstehenden zu erkennen, dass es sich nicht um eine private Situation handele. Und wenn der Angreifer beispielsweise den Arm um das Opfer legt. „Werden Sie laut, und sagen Sie klar und bestimmt, dass Sie das nicht wollen. Schreien Sie um Hilfe.“ Auch eine Trillerpfeife könne helfen, auf sich aufmerksam zu machen.

Täter nicht provozieren: Ein weiterer Rat der Polizistin: „Geben Sie nach, auch wenn es schwer fällt.“ Etwa, wenn jemand gezielt provozieren will, indem er zum Beispiel sagt, dass dies sein Platz sei und man aufstehen solle. „Dann stehen Sie eben auf und gehen.“ Eine Teilnehmerin erzählt, dass ihr genau dies passiert sei. Sie habe zu dem Mann gesagt: „Steht dein Name auf dem Platz? Das kann ich gar nicht sehen.“ Von solchen Reaktionen, die provozieren und den Angreifer bloßstellen könnten, raten die Polizisten dringend ab. Diese Empfehlungen richten sie vor allem auch an die männlichen Seminarteilnehmer. Männer würden sich häufig überschätzen in einer bedrohlichen Situation.

Den Angreifer verwirren: Hilfreich könne es auch sein, den Täter zu verwirren. Experten nennen das paradoxe Intervention: Ziel ist es, durch ein bestimmtes Verhalten, mit dem er nicht rechnet, etwas Zeit zu gewinnen, die das Opfer aus der Situation herausbringen kann. „Fordert ein Täter das Portemonnaie, kann man es in eine Ecke werfen, sodass er reflexartig dorthin schaut und sich danach bücken muss“, erklärt Maike Seifert. Das kann reichen, um wegzulaufen. Auch abstruses Verhalten sei hilfreich: „Fühlen Sie sich in der Straßenbahn bedroht von jemandem, der gegenüber sitzt, können Sie anfangen zu singen oder wild nach einer imaginären Spinne schlagen. Das verwirrt definitiv.“ Oder: Wird man auf der Straße angerempelt, könne man sich selbst dafür entschuldigen. Holger Ihnen: „Das ist nicht die Erwartung des Täters, er ist auf Streit aus. Er muss im Kopf umschalten, das kann Zeit und Abstand bringen.“

Wenn-Dann-Pläne zurechtlegen: Beide Polizisten raten dazu, sogenannte Wenn-Dann-Pläne für solche Situationen zu entwerfen. „Legen Sie sich Pläne zurecht, wie Sie sich verhalten wollen. Folgt Ihnen beispielsweise jemand, suchen Sie die Nähe zu anderen Menschen.“ Sei man allein im Dunkeln in einer Straße unterwegs, so die Polizisten, könne man in irgendeinen Hauseingang einbiegen und dadurch vermitteln, dass man dort wohnt. „Wenn Sie Angst haben, klingeln Sie, haben Sie keine Scheu“, betont Maike Seifert. Solche Wenn-Dann-Pläne seien wichtig, weil der Körper bei Gefahr mit Stress reagiere und das Denken dann schwerer falle. „Wenn-Dann-Pläne helfen, weil man sie in einer Situation nur noch abzurufen braucht. Allerdings sollte man sie auch regelmäßig durchgehen, damit sie für diesen Fall präsent sind.“

Pfefferspray und Co: „Wir möchten nicht, dass Sie sich bewaffnen“, sagt Holger Ihnen. „Bei Pfefferspray müsste ja zuerst die Windrichtung überprüft werden, ansonsten hätte man es möglicherweise selbst im Auge“, ergänzt Maike Seifert. Zudem würde es zu lange dauern, bis man an das Spray in der Tasche komme. Schaffe man es trotzdem, helfe dies bei einer Gruppe von Angreifern auch nicht, weil dann einer von ihnen einem das Spray aus der Hand schlägt. „Man hat also nichts gewonnen, im schlimmsten Fall provoziert man die Angreifer noch, die es eigentlich ,nur’ auf das Portemonnaie oder Handy abgesehen haben“, sagt Meike Seifert. Sie rät eher zu einer Taschenlampe, mit der man den Täter blenden könne, einer Trillerpfeife oder einem sogenannten Schrillalarm, mit dem man auf sich aufmerksam machen könne. Bei versuchten Vergewaltigungen raten die Polizisten dringend dazu, sich mit allen Mitteln zu wehren und laut um Hilfe zu schreien: „Studien haben gezeigt, dass 80 Prozent der Vergewaltigungen abgebrochen werden, wenn sich die Opfer auch körperlich wehren.“

Zweites Portemonnaie: Wer ausgeraubt wird, muss viel Geld investieren, um EC-Karte, Personalausweis, Bank- und Versichertenkarte neu ausstellen zu lassen. Deshalb raten die Präventionsexperten dazu, so wenig wie möglich mitzunehmen. „Man sollte sich überlegen, was man beispielsweise für einen Kino- oder Restaurantbesuch am Wochenende oder für den Gang in den Supermarkt benötigt.“ Müssen die Kredit- und EC-Karte tatsächlich eingesteckt werden? Tut es nicht einfach auch Bargeld? Beim Personalausweis reiche beispielsweise eine Kopie aus. Polizistin Seifert: „Man kann sich ein zweites Portemonnaie für diese Fälle zulegen, in dem sich nur die wirklich benötigten Dinge befinden.“

EC-Karte doppelt sperren lassen: Wurde mit dem Portemonnaie auch die EC-Karte gestohlen, muss man sie bei der Bank oder dem sogenannten Sperr-Notruf mit der Nummer 116 116 sperren lassen. Der Notruf ist gebührenfrei und 24 Stunden erreichbar. Allerdings reicht das nicht, um das Bankkonto komplett zu schützen. Diese Sperrung verhindert zwar, dass Geld am Bankautomaten abgehoben oder an der Supermarktkasse bargeldlos bezahlt werden kann – das bezieht sich aber nur auf den Einsatz mit der PIN-Nummer. Trotz dieser Sperrung können die Diebe noch mit der gestohlenen Karte und gefälschter Unterschrift weiter einkaufen. „Hier setzt das sogenannte Kuno-Sperrsystem an“, erklärt Maike Seifert. „Wer seine EC-Karte vermisst, sollte unbedingt bei der Polizei Anzeige erstatten. Die Dienststelle trägt die Bankdaten in die Kuno-Datei ein, sie werden an die Teilnehmer des EC-Lastschriftverfahrens wie angeschlossene Händler weitergemeldet.“ Neben der Kontonummer ist dafür die sogenannte Kartenfolgenummer notwendig.

Termine zu den Präventionsseminaren der Polizei sind im Internet unter www.polizei.bremen.de aufgelistet.

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