Einrichtung kommt in 2017

Geschlossenes Heim bleibt in der Kritik

Wird Bremen sicherer, wenn der kleine Kreis minderjähriger Flüchtlinge, die als Intensivtäter auffallen, in geschlossene Einrichtungen unterkommt? Nein, sagt Rot-Grün - und bringt andere Ideen ins Spiel.
26.02.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Geschlossenes Heim bleibt in der Kritik
Von Frauke Fischer
Geschlossenes Heim bleibt in der Kritik

Thomas Röwekamp (CDU) will bis April ein geschlossenes Heim.

Frank Thomas Koch

Rot-Grün will andere Jugendhilfeangebote für straffällige junge Flüchtlinge ausbauen. Im Gespräch sind Straßensozialarbeit, Psychotherapie und womöglich Bausteine einer effektiven Jugendhilfe.

Wird Bremen sicherer, wenn jener kleine Kreis minderjähriger Flüchtlinge, die als Intensivtäter auffallen, in einer geschlossenen Einrichtung unterkommt? Eine Antwort auf diese Frage konnten die Abgeordneten von SPD, Grünen, Linken, CDU und FDP in der Bürgerschaftsdebatte am Donnerstag verständlicherweise nicht geben. Wohl aber machten sie – in Abstufungen und mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen – deutlich, dass neben einem solchen Heim auch andere Angebote wie Straßensozialarbeit, Psychotherapie und womöglich Entgiftung Bausteine einer effektiven Jugendhilfe für diese Klientel sein müssen. Um Straftaten zu vermindern und aus Gründen des Kindeswohls. Zur sogenannten „fakultativ geschlossenen Einrichtung“, wie sie im Koalitionsvertrag vereinbart worden ist, haben sich SPD und Grüne in diesem Zusammenhang aber erneut bekannt. Spätestens Anfang April will Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) ein Konzept dazu vorlegen.

Die Linken lehnen Heim ab

Die Linken lehnen ein solches Heim ab. Aber Thomas Röwekamp forderte für die CDU-Fraktion, dass eine geschlossene Einrichtung „zum Schutz der Bevölkerung“ schnellstens eröffnet werden müsse. Notfalls als Zwischenlösung als Eigenbetrieb des Landes Bremen, bis es mit der geplanten Einrichtung in der ehemaligen Jugendhaftanstalt im Blockland im kommenden Jahr in Kooperation mit Hamburg losgehe. Sozialsenatorin und Grünen warf er vor, das Problem zu vertagen, „zu warten, statt zu handeln“. Um der Forderung seiner Fraktion – sie hatte mit dem Antrag „Intensivpädagogische Betreuung von straffälligen Jugendlichen“ die neuerliche Debatte angeschoben – Nachdruck zu verleihen, verlas Röwekamp Zahlen: 50 bis 100 Intensivtäter gebe es unter den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Auf das Konto der 25 bis 35, die in einer Priorisierungsliste geführt werden, gingen im vergangenen Jahr 370 Straftaten.

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Maike Schaefer, Fraktionschefin der Grünen, bestritt die Zahlen nicht: Abhilfe müsse geschaffen werden. Doch ihrer Ansicht nach ist die geschlossene Einrichtung „ein Mosaikstein“. Dass Schaefer wie später auch Sascha Aulepp (SPD) die Geschlossenheit ihrer Fraktion in der Frage der geschlossenen Unterbringung so sehr betonte, hat seinen Grund. So richtig beliebt ist das Modell bei einzelnen SPD-, vor allem aber bei einzelnen Grünen-Abgeordneten nicht. So hat Susanne Wendland (Grüne) vorab eigens eine persönliche Erklärung auf der Internetseite ihrer Fraktion abgegeben. Tenor: Eine geschlossene Einrichtung sei der falsche Weg. Sie akzeptiere die Koalitionsvereinbarung und unterstütze den aktuellen rot-grünen Antrag, weil sie hoffe, die aufgezeigten Alternativen würden „eine geschlossene Unterbringung überflüssig“ machen.

Hohe Standards nötig

Anja Stahmann (Grüne) will bis April ein Konzept für eine geschlossene Unterbringung vorlegen.

Anja Stahmann (Grüne) will bis April ein Konzept für eine geschlossene Unterbringung vorlegen.

Foto: Frank Thomas Koch

Als der damalige Bürgermeister Jens Böhrnsen im Februar 2015 ankündigte, es solle eine solche „robuste Unterbringung“ so schnell wie möglich geben, regte sich umgehend in der Sozialbehörde, unter grünen Politikern, aber auch bei Trägern der Jugendhilfe und in anderen Expertenkreisen Widerstand. Die Wirksamkeit wurde in Frage gestellt. Auf die rechtlichen Rahmenbedingungen und die notwendig hohen Standards, die für solche Einrichtungen der Jugendhilfe gelten würden, wurde hingewiesen. Auch die schlechten Erfahrungen in Bremen und andernorts mit geschlossenen Heimen führten Kritiker an. Doch im Koalitionsvertrag legten SPD und Grüne nach der Bürgerschaftswahl im Mai 2015 schließlich fest, dass es in Bremen ein Heim geben soll, in dem die schwierige jugendliche Klientel sowohl intensivpädagogisch betreut als auch im Einzelfall für kurze Zeit geschlossen untergebracht werden kann.

Lothar Kannenberg, der in Bremen-Nord in der Rekumer Straße seit fast eineinhalb Jahren mit straffällig gewordenen jungen Flüchtlinge arbeitet, beäugt das skeptisch. Benötigt werde vielmehr eine Therapie-Einrichtung für den Entzug. „Dann kann man mit den Jugendlichen auch arbeiten“, versichert der Trainer, der nach seinen Angaben in Bremen insgesamt zehn Einrichtungen für junge Flüchtlinge betreut, eine davon eben jene in Rekum für straffällige. Dass auf ihr Konto weiter eine Reihe von Straftaten geht, relativiert Kannenberg. Es seien überwiegend Polizeieinsätze nötig geworden, wenn Jungs im Heim randalierten oder untereinander Konflikte hatten.

Der ehemalige Profi-Boxer und erfahrene Betreuer gibt zu, dass die Arbeit mit den jungen Flüchtlingen auch für ihn ein Entwicklungsprozess sei. Kulturen stießen aufeinander, darauf hätten er und sein Team sich einstellen müssen. „Aber wir wissen uns jetzt besser zu helfen.“ Regelmäßig komme eine Lehrerin, um die Jungen zu unterrichten. Einige gingen in Ausbildung und Praktika. Im Sattelhof, in einem Gebäude der Stadt in Bremen-Nord, soll in diesem Jahr eine weitere Kannenberg-Einrichtung eröffnet werden, die dann eng mit Rekum verzahnt ist.

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