Brücken bauen, wo Mauern entstehen Wie queere Menschen in Danzig leben

Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle werden in Polen offen diskriminiert. Bremens Partnerstadt Danzig gilt als weltoffene Stadt – doch auch dort sind jene Menschen nicht vor Hass und Gewalt gefeit.
20.03.2022, 06:02
Lesedauer: 7 Min
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Wie queere Menschen in Danzig leben
Von Patricia Friedek

Die Partnerstädte Bremen und Danzig trennen knapp 1000 Kilometer, Deutschland und Polen nur eine Landesgrenze. Geht es allerdings um den Umgang mit Menschen, die anders denken, als die Regierung es vorgibt, sich anders als heterosexuell orientieren oder anders aussehen als der Durchschnitt, scheinen eher Welten zwischen diesen beiden Ländern zu liegen. Das wird deutlich, wenn Robert Dadanski vom CSD-Verein (Christopher Street Day) in Bremen davon erzählt, wie viel schwieriger es ist, in Polen eine Demo zu veranstalten.

Wenn Arkadiusz Jemielniak vom Pendant-Verein Tolerado in Danzig davon berichtet, wie unterschiedlich sicher sich Schwule, Lesben, Queere, Bi-, Trans- und Intersexuelle in Bremen und in Danzig fühlen. Oder wenn Agnieszka Orlowska darüber spricht, wie viel Kraft es kostet, als queerer Mensch in Danzig ernst genommen zu werden.

Es gibt jedoch etwas, das die sogenannten LGBTQI-Gemeinschaften in Bremen und Danzig zusammenhält. Innerhalb der Städtepartnerschaft ist bereits 2018 eine Zusammenarbeit zwischen dem CSD-Verein aus Bremen und dem Tolerado-Verein in Danzig entstanden. Seither besuchen die Mitglieder der Vereine gegenseitig die CSD-Demonstrationen in der jeweiligen Partnerstadt, organisieren Treffen oder unterstützen sich mental. 

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Ganz aktuell haben die Teams der Städtepartnerschaften einen neuen Verein für diese Zusammenarbeit gegründet, den Queer Cities e.V.. Die "Queere Städtepartnerschaft" wird vom Bremer Senat mit 20.000 Euro im Jahr gefördert und ist somit das Projekt, das den größten Etat innerhalb der Partnerschaft zwischen Bremen und Danzig erhält. Für Aktivitäten in der gesamten Städtepartnerschaft sind im Haushaltsplan des Senats 25.000 Euro vorgesehen.

Um zu verstehen, warum die Verbindung zwischen diesen beiden Vereinen als so wichtig angesehen wird, braucht es einen Einblick in das Leben von nicht-heterosexuellen Menschen in Polen. LGBTQI-Personen werden dort offen diskriminiert, und das sowohl von Bürgerinnen und Bürgern als auch von der Regierung.

Seit die Partei PiS (Deutsch: Recht und Gerechtigkeit) 2015 zur Regierungspartei gewählt wurde, hat sich das Klima im Nachbarland verschärft, werden Minderheiten wie Geflüchtete oder eben nicht-heterosexuelle Menschen diffamiert. Letzteres begründet die PiS vor allem mit den Werten der katholischen Kirche und einer Familienpolitik, die die polnische Familie aus Mutter, Vater und Kindern fördern soll – für die Menschen, die das gleiche Geschlecht lieben, aus PiS-Sicht eine Gefahr darstellen.

Die Anhänger sprechen von einer "LGBT-Ideologie", die bekämpft werden müsse. Im Sejm, dem polnischen Parlament, werden Hassreden gegen die Gemeinschaft gehalten. In manchen Bezirken wurden sogenannte "LGBT-freie Zonen" eingerichtet, die ein angebliches „Propagieren von Homosexualität in Schulen oder im öffentlichen Leben“ verbieten. In Bialystok, einer Stadt im Osten Polens, wurde die erste Gay-Pride-Parade mit Steinen beworfen.

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Für Arkadiusz Jemielniak gehen die Werte der katholischen Kirche nicht mit dem Hass zusammen, der von der Regierung ausgeht. "Das geht einfach nicht in meinen Kopf", sagt er, der selbst gläubiger Christ ist. "Es geht doch darum, seinen Nächsten zu lieben. Ich weiß, dass das nicht immer einfach ist. Aber selbst wenn man den Glauben außen vor lässt: Ist es nicht erstrebenswert, ein guter Mensch zu sein? Das passt nicht mit Beleidigungen und Hassrede zusammen."

Und schließlich gehe es am Ende um Liebe  und darum, wie Menschen lieben. "Und wir lieben genauso wie heterosexuelle Personen." Seine Erzählungen könnte man in eine Episode vor der Wahl 2015 und danach einteilen. "Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand vorher gesagt hätte, Schwulen und Lesben seien widerlich und so weiter und so fort." Wenn Arkadiusz Jemielniak das sagt, muss er seine Tränen zurückhalten.

Danzig ist keine sichere Insel für LGBTQI-Personen

Danzig versteht sich als weltoffene und liberale Stadt, sie ist ein Ort, an den viele queere Personen ziehen, wenn sie vor der Diskriminierung in der eigenen Stadt flüchten wollen. Danziger führen die Freiheit gerne auf den Charakter der Hafenstadt zurück, die sich allein des Handels wegen immer zur Welt öffnete und viele Gäste empfing.

Sowieso gelten die städtischen Räume in Polen als proeuropäisch und weniger konservativ; PiS wird vor allem auf dem Lande gewählt. Auch, wenn es in Danzig keine "LGBT-freien Zonen" gibt, ist die Stadt kein "Safe Space" für LGBTQI-Personen, keine sichere Insel, auf der sie ihre Orientierung und Identität offen ausleben können. "Es gibt wenige, die sich trauen, als homosexuelles Paar auf der Straße Händchen zu halten", sagt Arkadiusz Jemielniak.

Seine Kollegin Agnieszka Orlowska, die im Tolerado-Verein Jugendgruppenleiterin ist, spricht von einer Blase, in der die Danziger lebten und von weniger physischer Gewalt, der LGBTQI-Personen dort gegenüberstünden; das sei in anderen Teilen Polens viel schlimmer. Das liege auch daran, dass die Gemeinschaft in Danzig zum Beispiel von der Stadtpräsidentin unterstützt werde und die LGBTQI-Community dort sehr stark sei. Aber:

Auch in Danzig werden queere Menschen abends auf der Straße beschimpft. Und, es finde sehr viel unterschwellige Diskriminierung statt, sagt Orlowska. "Viele sagen: Ich habe nichts gegen Schwule, aber geht nicht so viel auf die Straße. Ihr habt es hier schon so viel besser, also bittet nicht um mehr Freiheiten." In Danzig fuhr vor wenigen Jahren ein Bus durch die Straßen, der sich "Homofobus" nannte und auf dem homophobe Behauptungen zu lesen waren. "Homosexuelle leben 20 Jahre weniger", stand etwa darauf.

In Bremen werden wir bei den Demos umarmt, in Danzig mit Steinen beworfen.
Robert Dadanski, Vorsitzender des CSD-Vereins Bremen

Auch der Bremer CSD-Verein hat in Danzig einen Übergriff während einer Gleichberechtigungs-Demonstration erlebt. Eine Frau mit kurzen Haaren, die einen Regenbogenschal trug, wurde von zwei Hooligans gewürgt, erzählt Robert Dadanski, der Vorsitzende des Vereins. Erst als die Angreifer bemerkten, dass es sich um eine weibliche Person handelte, ließen sie von ihr ab. Das sei noch eine höfliche Art der Gewalt gewesen, hätten viele im Nachhinein zynisch gesagt.

In Bremens Partnerstadt ist es nicht einfach, eine CSD-Demonstration zu veranstalten – selbst, wenn die Stadtpräsidentin Aleksandra Dulkiewicz die Schirmherrschaft dafür trägt. "In Polen gilt bei Demonstrationen das Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Etwa drei Monate im Voraus fangen Gegner an, Demonstrationen anzumelden, um gewisse Orte für den Gleichberechtigungsmarsch zu blockieren", erklärt Dadanski. Während in Bremen nur ein paar Polizeibeamte bei der Demo mitliefen, sei seine erste Kundgebung in Danzig von zweieinhalb Tausend Polizisten eingekesselt gewesen, um die Demonstrierenden vor der Bevölkerung zu schützen. "In Bremen werden wir bei den Demos umarmt, in Danzig mit Steinen beworfen", sagt Dadanski.

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Für die Bremer Teilnehmerinnen und Teilnehmer gelten bei der Reise zum CSD nach Danzig klare Regeln: keine Regenbogenflaggen oder bunte Schminke in der Öffentlichkeit, es gibt ein Sicherheitskonzept. Die Mitglieder fahren ausschließlich mit privaten Autos zum Marsch, nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln. "Die Gegner sind an diesen Tagen noch einmal wacher als sonst." Erst, wenn sie in geschützten Bars, Wohnungen oder Clubs ankommen, können die Demonstrierenden ihre Sexualität offen zeigen und Regenbogenfahnen schwenken.

Finanziell unterstützen die Vereine sich zwar in der Regel nicht gegenseitig, trotzdem konnte der CSD-Verein den Danzigern auch mal mit etwas Materiellem helfen: Auf den Gleichberechtigungsmärschen in Danzig bauen die Demonstrierenden keine Bühne auf, weil die Gefahr sonst zu groß wäre, angegriffen zu werden. Sie fahren daher mit einem Transporter vorne weg, von dem aus sie Musik spielen und Reden halten. Für eine CSD-Demonstration hatte der Tolerado-Verein einmal einen Transporter gemietet – als der Verleih erfuhr, wofür der Wagen gedacht ist, war dieser plötzlich nicht mehr verfügbar. "Da sind wir spontan eingesprungen und haben einen Transporter von Bremen aus organisiert", erzählt Robert Dadanski.

Ein Unterschied bei der Sicherheit

Wenn die Mitglieder von Tolerado nach Bremen reisen, erleben sie vor allem einen Unterschied bei der eigenen Sicherheit. "Besonders, wenn es um die Freiheit geht, sich mit seinem Partner oder seiner Partnerin zu zeigen", sagt Jemielniak. Doch auch in Deutschland sei nicht alles toll und frei von Diskriminierung. "Insbesondere bei transsexuellen Personen bemerken wir keinen großen Unterschied bei der Inakzeptanz, diese Personen stehen vor den gleichen Herausforderungen", sagt er.

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Akardiusz Jemielniak hat allerdings auch eine Veränderung im Laufe der Jahre in Danzig beobachtet. Der ehemalige Bürgermeister Pawel Adamowicz, der 2019 mutmaßlich aus politischen Gründen ermordet wurde, hat aus seiner Sicht zum Wandel der Stadt beigetragen. "Ich habe das Gefühl, dass in ihm etwas passiert ist. Früher galt er als Konservativer und er war streng gläubiger Christ. Doch dann trat er das erste Mal bei unserer Demonstration auf, das hat sehr viel verändert. Aus meiner Sicht braucht es so viel Mut, Menschen zu unterstützen, die derart ausgeschlossen und verhasst sind. Das hat uns unglaublich geholfen und war sehr wichtig." Dass Danzig im Vergleich zu anderen polnischen Städten besser dasteht, ist eine große Errungenschaft für die LGBTQI-Gemeinschaft.

Arkadiusz Jemielniak erinnert sich noch an Zeiten, in denen Polen in den Rankings der ILGA Europe immer weiter hochgeklettert ist, was die Akzeptanz von LGBTQI-Personen betrifft. Die Organisation erhebt jährlich auf der Basis der gesetzlichen und politischen Entwicklungen den Einfluss auf die Toleranz gegenüber der Community. Heute steht Polen auf Platz 43 von 49. Doch Jemielniak ist überzeugt, dass wenn die Gemeinschaft laut genug ruft und auf ihre Lage aufmerksam macht, ihr Leben in Polen besser werden wird. Noch mehr überzeugt ist er davon, wenn er beim Christopher Street Day in Bremen mitläuft.

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