Täter agieren überregional

Zahl der gesprengten Geldautomaten nimmt zu

Dass Täter Geldautomaten sprengen, um an deren Inhalt zu kommen, ist nicht neu. Aber die Polizei verzeichnet eine gefährliche Änderung. Sie betrifft die Frage, wie die Täter vorgehen.
09.02.2021, 20:19
Lesedauer: 3 Min
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Zahl der gesprengten Geldautomaten nimmt zu
Von Ralf Michel
Zahl der gesprengten Geldautomaten nimmt zu

Zum Greifen nahe war bei diesem Anschlag auf einen Geldautomaten in Bremen die Beute für die Täter. Doch ihnen blieb keine Zeit, um das Geld einzusammeln. Denn durch die laute Detonation wurde ein Nachbar aus dem Schlaf gerissen und alarmierte die Polizei.

Polizei Bremen

Mehr als 400 Geldautomaten sind im vergangenen Jahr nach Angaben der Polizei deutschlandweit gesprengt worden. Sechs davon in Bremen, wo für Januar 2021 schon die nächsten beiden Anschläge zu Buche stehen.

Bei drei der sechs Überfälle auf Geldautomaten im vergangenen Jahr erbeuteten die Täter laut Polizei Geld, in den anderen Fällen blieben sie im Versuchsstadium stecken. „Dennoch gab es auch hier zum Teil erhebliche Schäden am Gebäude sowie an den Gerätschaften der Geldinstitute“, berichtet Nils Matthiesen, Sprecher der Bremer Polizei. Und manchmal sei es nur purer Zufall, dass bei den Sprengungen nicht auch Menschen zu Schaden kommen. So befand sich bei einem der Überfälle in diesem Jahr eine Raumpflegerin in dem Gebäude. Zum Zeitpunkt der Detonation hielt sie sich allerdings im ersten Obergeschoss auf und blieb deshalb unverletzt.

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Die Diebe entkommen in der Regel unerkannt. „Das Entdeckungsrisiko ist gering, die Taten werden nachts durchgeführt, die Täter flüchten mit hochmotorisierten Fahrzeugen“, erklärt Matthiesen. Entsprechend lautet die Antwort auf die Frage nach Fahndungserfolgen bei den jüngsten Fällen in Bremen: „Die Ermittlungen dauern an.“

Die Täter gingen professionell vor. Und skrupellos, betont Matthiesen mit Verweis auf die Raumpflegerin. Zu beobachten sei außerdem eine Änderung in der Vorgehensweise: „Früher wurden die Automaten mit einem Gasgemisch gesprengt, heute verwenden die Täter feste, sehr gefährliche Sprengstoffe, die einen hohen Gebäudeschaden verursachen können.“ Durch die Detonation könne es vorkommen, dass Türen und Mauerwerk meterweit fliegen. Was aber auch für die Täter nicht unproblematisch sei. Zwar gelinge es ihnen, auf diese Weise den Automaten zu sprengen, doch wegen des damit verbundenen Lärms kaum unbemerkt. So liege dann zwar das Geld zum Einsammeln bereit, nur hätten die Täter dafür keine Zeit, weil die von Nachbarn alarmierte Polizei bereits anrücke.

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Diebe nicht selten aus den Niederlanden

In der Regel habe man es mit überregional agierenden Dieben zu tun, die in der Vergangenheit nicht selten aus den Niederlanden gekommen seien. „Am meisten haben die grenznahen Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg mit diesen Taten zu tun.“ Die Polizei Bremen sei deshalb bei diesem Phänomen im ständigen Austausch mit den anderen Bundesländern und dem Bundeskriminalamt (BKA).

Das BKA erstellt zum Thema „Angriff auf Geldautomaten“ jährlich ein sogenanntes Bundeslagebild. Darin aufgeführt werden sowohl physische Angriffe auf Geldautomaten als auch technische Manipulationen, wie etwa das Skimming, bei dem die Täter mit zuvor ausgespähten Kartendaten an das Bargeld kommen. Den Stellenwert, den das Sprengen von Geldautomaten in dieser Statistik einnimmt, unterstreicht, dass das BKA hierfür innerhalb des Lagebildes eigens eine Sonderauswertung vornimmt. Die aktuellsten vom BKA veröffentlichten Zahlen stammen aus dem Bundeslagebild 2020, das die Daten für 2019 enthält. Insgesamt gab es 349 versuchte und vollendete Fälle. 142-mal gelangten die Täter an Bargeld und erbeuteten dabei 15,2 Millionen Euro. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum betrug die Beute beim Skimming 1,4 Millionen Euro.

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2019 wurden in allen Bundesländern Geldautomaten gesprengt. Laut Bundeskriminalamt ließen sich dabei starke regionale Unterschiede feststellen. Brennpunkt war Nordrhein-Westfalen (105 Fälle), überdurchschnittlich stark betroffen waren auch Hessen (53) und Niedersachsen (43). In Bremen und Hamburg gab es 2019 dagegen nur je einen Fall.

Hohes Risiko beim Zigarettenraub

Gemessen am Vorgehen der Täter beim Sprengen von Geldautomaten nimmt sich das Zerstören von Zigarettenautomaten fast wie ein Dummejungenstreich aus. Dabei sei es alles andere als das, betont Polizeisprecher Nils Matthiesen. Auch diese Straftäter bereiten der Polizei Sorge, zumal sich diese Vorfälle in Bremen zuletzt häuften. Sieben davon gab es allein in den vergangenen zwei Monaten.

Wer mit Sprengstoff eine Explosion herbeiführt und dabei die Gesundheit oder das Leben eines anderen Menschen oder eine fremde Sache von bedeutendem Wert gefährdet, begeht eine Straftat. Zudem stellt der unerlaubte Umgang mit Spreng- und Zündmitteln ein Vergehen nach dem Sprengstoffgesetz dar. „Dementsprechend gehen unsere Experten der Kripo auch mit viel Aufwand an diese Tatorte und sichern alle Arten von Spuren“, sagt Matthiesen. Wie nach Attacken auf Geldautomaten werden auch hier Sprengstoffexperten alarmiert, um zu untersuchen, ob noch eine Restgefahr für Unbeteiligte besteht.

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„In der Regel haben wir es mit jungen Leuten zu tun“, beantwortet der Polizeisprecher die Frage nach dem Täterprofil. „Das Objekt der Begierde ist weniger das Geld, sondern eher die Zigarette.“ Erfahrungsgemäß nehme das Sprengen der Automaten in der dunklen Jahreszeit zu, vor allem rund um Silvester. Ein doppelter Grund für die Warnung der Polizei. Neben der strafrechtlichen Verfolgung riskierten die Täter Leib und Leben. Bei illegalen oder auch selbst hergestellten Böllern könnten schon geringste thermische oder mechanische Einwirkungen zu einer Explosion führen. Die Folge seien Knalltraumata, Verbrennungen, zerfetzte oder abgerissene Körperteile sowie andere schwere Verletzungen bis hin zum Tod.

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