Kiwanis Club zeichnet pensionierten Mathe-Lehrer Reinhard Werner aus / Engagement für Chancengleichheit Preis für Bildungsinitiative

Wer in der Schule erfolgreich ist, kommt fast immer aus einem wohlhabenden Elternhaus – diese Grundstruktur des deutschen Schulsystems wollte Reinhard Werner nie akzeptieren.
27.09.2014, 00:00
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Preis für Bildungsinitiative
Von Jörn Hüttmann

Wer in der Schule erfolgreich ist, kommt fast immer aus einem wohlhabenden Elternhaus – diese Grundstruktur des deutschen Schulsystems wollte Reinhard Werner nie akzeptieren.

Für Reinhard Werner stand 1958 eine Klassenfahrt an – aber seine Eltern hatten nicht genug Geld. So musste der Zwölftklässler in Leer bleiben und vorübergehend die Schulbank in der Parallelklasse drücken. „Das hat mich damals nicht groß gestört“, sagt der 74-Jährige heute. Welche schwerwiegenden Folgen solche Fälle für Kinder ohne ein starkes Selbstbewusstsein haben können, ist ihm erst Jahre später als Lehrer aufgefallen. „Der Bildungserfolg hängt häufig von der finanziellen Situation der Eltern ab.“ Dagegen kämpft er mit der Initiative Bildungsbrücke. Für sein Engagement ist er am Freitag mit dem 14. Förderpreis des Kiwanis Clubs Bremen ausgezeichnet worden.

In der Schule sollen Kinder lernen. Für Reinhard Werner geht es dabei um mehr als reines Büffeln. Kinder sollten vielmehr Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit entwickeln. „Das ist wichtig für den schulischen und beruflichen Erfolg.“ Niemand sei von Geburt an selbstbewusst, alle müssen es lernen, ist sich Werner sicher.

Aber genau dieses Lernen von Selbstbewusstsein sei oft eng an die finanziellen Ressourcen der Eltern gekoppelt, sagt Werner. So sei es keine Seltenheit, dass in der Schule Projekte geplant würden, Eltern jedoch kein Geld für die Materialien hätten. „Wenn Kinder sagen müssen, dass sie kein Geld haben, oder sich plötzlich krank melden, dann wird das Selbstbewusstsein geschwächt.“

Um solche Situationen zu vermeiden, hat Werner 2008 die Initiative Bildungsbrücke mitbegründet, für deren Arbeit er den mit 3000 Euro dotierten Förderpreis des Kiwanis Clubs verliehen bekam. In der Initiative engagieren sich die Weserterrassen-Stiftung, die Beiräte Mitte und Östliche Vorstadt, die Friedensgemeinde, die St.-Petri-Domgemeinde, das Ortsamt, das Haus der Familie Mitte und alle Schulen im Viertel. Sie unterstützt Eltern, die Sozialleistungen beziehen oder deren Einkommen zwar über dem Existenzminimum, aber deutlich unter der Armutsgrenze liegen. Im Schuljahr 2013/2014 wurden so 175 Schüler aus 101 Familien im Viertel gefördert. Die Initiative zahlte insgesamt 46 970 Euro Spendengelder aus. „Dabei geht es zum Beispiel um den Zugang zum Internet, Zuschüsse zur Sportbekleidung oder zu Leihgebühren für Musikinstrumente.“

Bei Klassenfahrten spitze sich diese Situation zu, erklärt Werner. Zum einen seien sie teuer, zum anderen für den sozialen Zusammenhalt in den Klassen besonders wichtig. „Deshalb bin ich mit meinen Gruppen auch nur gefahren, wenn alle mitfahren konnten“, sagt Werner. In den 30 Jahren, in denen er Mathematik und Physik am Schulzentrum am Rübekamp unterrichtete, habe er dafür einige Male Fahrtkosten von einzelnen Kindern auf die ganze Gruppe umlegen müssen. „Das habe ich den Eltern erklärt, und die haben verstanden, wie wichtig die Fahrten für die ganze Gruppe sind.“

Dass er einmal an der Schule landen würde, hätte Werner nach dem Abitur nie gedacht. Er zog nach Saarbrücken. Studierte Physik; Hörsäle und Labors waren sein Zuhause. Allerdings musste er auch Geld dazuverdienen. Und am Knabengymnasium wurde händeringend Unterstützung im Matheunterricht gesucht. So kam es, dass Werner morgens ab acht Uhr siebte und achte Klassen unterrichtete und mittags selbst in der Universität büffelte. „Das ging auch ohne pädagogische Ausbildung ganz gut.“ Nach dem Diplom überlegte er, als Physiker in die Wirtschaft zu gehen. „Aber da hat meine Frau gesagt, du gehst in die Schule, das macht dir doch Spaß.“

Heute sagt Werner, der Eintritt in den Schuldienst sei eine der besten Entscheidungen seines Lebens gewesen – allerdings nur die zweitbeste. Platz eins belegt der Entschluss, seine Frau zu heiraten, Platz drei der Umzug nach Bremen. Grund: „Weil hier schon damals die Absicht, die Schule nach modernen Gesichtspunkten weiter zu entwickeln, sehr ausgeprägt war.“ Ganz in dem Sinne, Schüler aus allen sozialen Schichten zu starken und selbstbewussten Menschen zu erziehen. Werner: „Allerdings ist man heute immer noch dabei, das umzusetzen.“

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