Rezension

Kurioses aus Bremens Vergangenheit

„Hiesige Vorfälle“ bietet Unterhaltsames aus dem Bremen des 19. Jahrhunderts. Was die Altstädter von der Neustadt halten, wieso Homeschooling schon 1845 ein Problem und ein Winter ohne Kohl fürchterlich sei.
21.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Kurioses aus Bremens Vergangenheit
Von Olga Gala

Diebstahl, Unglücksfälle und Kurioses aus der Hansestadt waren Mitte des 19. Jahrhunderts Thema in der Rubrik „Hiesige Vorfälle“ des „Bremischen Unterhaltungsblattes“. Michael Augustin hat sich die Jahrgänge 1844-1846 für das Buch „Hiesige Vorfälle. Kuriositäten aus dem Bremer Biedermeier“ genauer angeschaut. In diesen Jahren redigierte Friedrich Wagenfeld das Blatt – der Bremer Autor ist bekannt geworden als Fälscher einer antiken Handschrift und zugleich Verfasser der berühmt gewordenen Sammlung bremischer Volkssagen.

Die Rubrik bestand aus lokalen Polizeiberichten – treffend und kurzweilig zusammengefasst. Herausgeber Augustin schreibt, dass kaum einer der zeitgenössischen Redakteure mit dem „stilsicheren, begnadet pointiert schreibenden und mit allen Wassern gewaschenen jungen Friedrich Wagenfeld“ konkurrieren konnte. Immerhin könnte dieser „auch der drögesten Polizeimeldung eine Saft- und Kraftspritze“ verpassen.

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In der Tat: Ton und Tempo der kurzen Mitteilungen sind sehr unterhaltsam. Die Sprache der Kolumne „Hiesige Vorfälle“ ist altmodisch, die einzelnen kurzen Beiträge sind trotzdem amüsant und machen Spaß. Wagenfeld verstand es, zu beobachten und prägnant zu formulieren. Ein wenig gewöhnungsbedürftig ist die Rechtschreibung. Augustin hat die Meldungen nur geringfügig bearbeitet und so ist etwa das in vielen Wörtern mittlerweile verschwundene „th“ allgegenwärtig. Die alte Rechtschreibung und aus der Mode gekommene Wörter wie „Trottoire“ oder „Hülfe“ stören aber nicht den Lesefluss – im Gegenteil, sie schaffen Authentizität und Nähe zu dem Bremen vor mehr als 170 Jahren.

Nicht an Aktualität verloren

Es mag überraschen, wie aktuell einige Themen heute noch sind. So werden in mehreren Beiträgen die fehlenden Brücken über die Weser, der Ausbau der Verkehrswege innerhalb Bremens diskutiert und welche Buden auf dem Freimarkt ihre Waren verkaufen werden. Raser im Bremer Viertel sind schon im 19. Jahrhundert ein Problem: „Am Dienstag Nachmittag jagten in der Gegend des Steinthors sechs Fuhrknechte mit ihren sechs verschiedenen Gespannen in die Wette. Ein daselbst spielendes Kind konnte dem unsinnigen Getreibe nicht so schnell aus dem Wege kommen, es gerieth unter den einen Wagen und nahm beträchtlichen Schaden.“

Auch das Verhältnis mancher Bremer Stadtteile zueinander hat sich über die Jahrhunderte gehalten. Über die Neustadt heißt es 1844: „Der Altstädter betrachtet den Weg über die beiden Brücken als eine Reise, ja, viele werden nur durch die nothwendigsten Geschäfte dorthin getrieben.“ Der Autor beklagt, dass in der Neustadt Gasthöfe und Restaurants fehlen und auch das Droschkensystem sei nur „sehr lau“ betrieben. Sogar die Herrn Nachtwächter haben wenig für den Stadtteil übrig: „[...] nur höchst selten hört man während der Nacht das liebliche Gekrächze ihrer Schnarren.“

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Die „Hiesigen Vorfälle“ beschreiben aber auch Geschichten, die heute undenkbar wären. So können die Bewohner des Blocklands laut eines Berichts im Winter nur über das Eis in die Stadt kommen. Die Gefahr einzubrechen sei allgegenwärtig. Eine andere Meldung berichtet von einem unverheirateten Paar, das zusammen die Nacht verbringt und mit Gefängnis bestraft wird.

Sorge um Kohl und Pinkel

Kohl und Pinkel hingegen sind schon 1846 aus Bremen nicht wegzudenken. Ein „Freund von braunem Kohl und Pinkeln“ sorgte sich um die Ernte, die von gefräßigen Raupen bedroht wurde: „Kein Kohl mit Pinkeln in diesem Winter, fürchterlich! Das schmeckt doch so gut.“

In dem Büchlein finden sich zudem Anzeigen und Leserbriefe – das Zusammenleben in der Stadt beschäftigt die Bremer damals wie heute. So wird diskutiert, wie Unrat richtig entsorgt werden sollte und wann die richtige Zeit für Partys sei. Ungebetene Annäherungsversuche waren auch 1845 nicht willkommen. Eine Emilie wollte endlich in Ruhe gelassen werden und schrieb in der Rubrik an einen Herrn S. „Halten Sie doch nun endlichen mit Ihren Liebesbriefen auf.“ 100 Mal habe der Mann ihr bereits geschrieben, doch sie habe nach wie vor kein Interesse, die Briefe „rührten mein Herz noch immer nicht.“ Auch seine Geschenke wolle sie nicht haben: „Die kostbar mit Flittern besetzte Schleife, die Sie mir zu Weihnachten verehrten liegt zur Zurücknahme bereit. Einen schauderhafteren Geschmack konnten Sie wahrlich nicht an den Tag legen.“

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Sogar Homeschooling beschäftigt die Eltern im Jahr 1845. Ein Elternteil berichtet von den Herausforderungen seine vier schulpflichte Kinder in vier Wochen Ferien zu beschäftigten und zu unterrichten. „Bald kommt ihm das Eine, bald das Andere und verlangt Aufschluß, wie es diese Aufgabe zu lösen oder jenen Aufsatz auszuführen hat, die ihnen für die Ferienzeit vom Lehrer aufgegeben sind.“

„Hiesige Vorfälle“ bietet einen kleinen Einblick in das Bremen um 1845 und schafft einen unterhaltsamen Beitrag zur Alltagsgeschichte, ohne ein Geschichtsbuch zu sein. Die Beiträge stehen und sprechen für sich – Augustin ordnet sie nicht in einen historischen Kontext ein. Der Leser gewinnt trotzdem einen Eindruck von den Gepflogenheiten, Moralvorstellungen und Interessen. Die zeitgenössischen Illustrationen ergänzen die Berichte auf charmante Art und Weise.

Weitere Informationen

Hiesige Vorfälle. Kuriositäten aus dem Bremer Biedermeier. Edition Temmen, ISBN: 978-3-8378-7058-9. Das Buch ist unter anderem erhältlich auf www.weser-kurier.de/shop und telefonisch unter 0421/36716616. 112 Seiten, 9,90 Euro.

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