Lehrerin und Risikopatientin

Per Livestream im Klassenzimmer – seit mehr als zehn Monaten

Lehrerin Christina Hinrichs ist Risikopatientin und unterrichtet ihre Schüler seit mehr als zehn Monaten digital. Mit Webcam und Beamer schaltet sie sich von zu Hause aus im Klassenzimmer zu.
07.02.2021, 22:02
Lesedauer: 4 Min
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Per Livestream im Klassenzimmer – seit mehr als zehn Monaten
Von Sara Sundermann

Ihre Schülerinnen und Schüler hat sie zuletzt am 19. März 2020 real gesehen. Zu Beginn des ersten Lockdown im Frühling vergangenen Jahres verließ Christina Hinrichs die Schulgebäude und kehrte seitdem nicht mehr zum Unterrichten ins Klassenzimmer zurück. Die 39-Jährige ist Lehrerin und Risikopatientin.

Christina Hinrichs hat Sklerodermie, eine seltene Autoimmun-Erkrankung, bei der das Bindegewebe verhärtet. Das kann dramatische Folgen haben, zum Beispiel, wenn die inneren Organe betroffen sind. Vor fünf Jahren wurde die Krankheit festgestellt. Trotzdem konnte sie weitgehend normal arbeiten: Alle vier Wochen steht für sie ein planbarer Krankenhaus-Aufenthalt an, bei dem sie ein Medikament per Infusion bekommt. Zudem fällt sie ab und zu durch akute Einschränkungen ein paar Tage aus. Doch ansonsten stand sie weiter im Klassenraum.

Die Corona-Pandemie veränderte ihre Lage stark. Ein schwerer Corona-Verlauf könnte für sie schlimme Folgen haben. Die Ärzte sagten ihr im ersten Lockdown klar: „Wenn die Schulen wieder öffnen, gehen Sie bitte nicht wieder hin.“ Die 39-Jährige wohnt in Niedersachsen in der Nähe von Bremen. In ihrer Schule in Walle ist sie nur in den Ferien oder zu Randzeiten noch mal kurz gewesen – wenn dort sonst niemand war. „Mein Mann kauft ein, ich bin praktisch nur zu Hause.“

Seit 13 Jahren unterrichtet Christina Hinrichs Englisch und Biologie an der Oberschule Helgolander Straße in Walle. Von ihrem Beruf ist sie immer noch begeistert: „Ich mache meinen Job wahnsinnig gerne, da geht es ja um die Zukunft der Schüler“, sagt sie.

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Schule in der Corona-Zeit: Nicht alle Schüler im Fokus der Webcam

Nun macht sie ihn digital. Und schaltete sich in den vergangenen Monaten zu den normalen Unterrichtszeiten per Webcam und Beamer im Klassenzimmer zu. „Es läuft im Prinzip Unterricht im Kino-Format.“ Ihre Schüler können sie sehen, auf die weißen Tafeln per Beamer und Webcam projiziert. Und sie kann ihre Schüler sehen, fast alle jedenfalls. Denn seit wegen Corona die Tische der Schüler auseinander gerückt werden mussten, konnte die Kamera meist zwei oder drei Kinder nicht mehr erfassen. Wenn jemand, der für die Lehrerin nicht sichtbar war, sich zu Wort meldet, gaben die Klassenkameraden ihr Hinweise. Zusätzlich rotierte die Sitzordnung alle zwei Wochen, damit jeder mal im Blickfeld der Kamera ist.

„Als die Schulen im Herbst zwischenzeitlich ganz offen waren, habe ich komplett nach Stundentafel unterrichtet“, sagt Hinrichs – von zu Hause aus. Ihre eigene 9. Klasse konnte sie so per Livestream allein unterrichten. Für die 5. und 6. Klassen holte die Schule Hilfe dazu: Eine zweite Tandem-Lehrkraft war für die jüngeren Kinder vor Ort im Klassenraum und unterstützte Christina Hinrichs beim Unterricht. Dafür erhielt die Schule zusätzliche Mittel, um Risikogruppenangehörige zu entlasten.

Dass ihre Schule bereits vor Corona verstärkt auf digitales Lernen setzte, davon können Hinrichs und ihre Schüler nun profitieren. „Man merkt das extrem“, sagt die Lehrerin über ihre 9. Klasse, die in der 5. Klasse Netbooks bekommen hat. „Die sind total geübt im Umgang mit den Geräten.“

Lehrerin und Risikopatientin: Aufgeben ist für Christina Hinrichs keine Option

Und sie selbst? „Ich war schon immer ein bisschen ein Technik-Nerd, ich probiere gerne Neues aus.“ Auch vor Corona habe sie selten Arbeitsblätter ausgedruckt, auch da stellten ihre Schüler Ergebnisse einer Gruppenarbeit nicht mit Plakaten vor, sondern mit digitalen Präsentationen. „Ich habe eigentlich immer ein Tablet dabei“, sagt sie und bezeichnet sich selbst als „Workaholic“.

Nun helfe ihr die Arbeit oft, sich abzulenken. Zum Teil arbeitet sie sogar vom Krankenhaus aus, während sie dort am Tropf ihre Infusion bekommt. „Einerseits bin ich sehr dankbar, dass ich so arbeiten darf, weil ich auch wirklich Angst vor Corona habe.“ Und andererseits sagt sie klar: „Ich bin eigentlich so gar kein Schreibtischtäter, ich arbeite in der Schule, weil ich gerne mit Menschen spreche. Ich gucke Menschen auch gerne ins Gesicht.“

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Mit ihren Schülern und deren Eltern hat sie offen über ihre Krankheit gesprochen: „Ich wollte nicht, dass es über mich heißt, die Frau fällt ja wegen jeder Erkältung aus.“ Auf ihre Offenheit bekommt sie viele positive Rückmeldungen: „Ich habe wahnsinniges Glück mit meinen Eltern, und mit meinen Schülern auch. Es fasziniert mich selbst, aber die machen ganz toll mit.“ Öffnen selbstständig die Fenster im Klassenzimmer, wenn Lüften dran ist, nehmen sich gegenseitig dran, sind oft mucksmäuschenstill, sagt Hinrichs.

Wie viel bekommt man von seinen Schülern persönlich mit, wenn alles digital läuft? „Meine Schüler vertrauen mir viel an“, sagt sie. „Manche gerade von den Jüngeren sagen mir auch, dass sie mich vermissen.“

Um sich neu zu motivieren, reiche ihr im Alltag oft das nächste digitale Treffen, sagt Christina Hinrichs: „Sobald die nächste Videokonferenz anfängt, ist man wieder auf Spur und macht weiter. Ohne die Video-Treffen ginge es gar nicht.“ Sie sagt auch: „Natürlich möchte ich lieber heute als morgen, dass die Pandemie vorbei ist.“ Aber sie hat für sich beschlossen: „Aufgeben ist keine Option.“

Info

Zur Sache

Digitales Lernen in Walle

Was Christina Hinrichs und ihre Schüler seit Monaten praktizieren, müssen viele andere derzeit noch trainieren. Die Lehrerin arbeitet an einer Schule, die schon länger stark auf Digitalisierung setzt. Der Bremer Zentralelternbeirat bezeichnet die Oberschule an der Helgolander Straße als Leuchtturm für digitales Lernen in Bremen. „Wir haben uns früh auf den Weg gemacht“, sagt Hinrichs. Schon vor Corona habe die Schule Whiteboards aus eigenen Mitteln angeschafft, in vielen Klassenräumen gebe es Webcams. Und in jedem Jahrgang wurde schon vor der Pandemie eine Klasse mit kleinen Laptops ausgestattet. Dadurch waren viele Schüler und Lehrer hier in Walle vergleichsweise gut vorbereitet auf den Distanzunterricht, der nun von allen Schulen digitales Lernen erfordert.

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