Der Nächste, bitte!

Ein Blick in das Bremer Impfzentrum an der Bürgerweide

Ratzfatz, und erledigt: Das Bremer Impfzentrum funktioniert reibungslos – was auch daran liegt, dass noch nicht viel zu tun ist. Ein Besuch in Halle 7 an der Bürgerweide.
23.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Ein Blick in das Bremer Impfzentrum an der Bürgerweide
Von Jürgen Hinrichs
Ein Blick in das Bremer Impfzentrum an der Bürgerweide

Die Feldbetten im Impfzentrum werden kaum benötigt, nach der Impfung ruhen sich die meisten nur kurz auf einem Stuhl aus.

Christina Kuhaupt

Sie hatte schon darauf gelauert, war gleich zur Tür gelaufen, als der Postbote da war. Und tatsächlich, ganz wie erhofft, im Briefkasten steckte ein Schreiben der Gesundheitsbehörde – die Einladung, sich gegen Corona impfen zu lassen. Nicht für sie, für die Mutter, aber das war klar. „Fünf Minuten später hing ich am Telefon und habe einen Termin vereinbart“, erzählt Ursula Wurst. Und nun, 24 Stunden später, sitzen die beiden im Impfzentrum und warten auf den ersehnten Moment. Als er kommt, ist es ein Pieks, so einfach.

„Eigentlich wollte ich mich gemeinsam mit meiner Mutter impfen lassen, aber dann hätte sie noch warten müssen, das wollte ich nicht“, sagt die Tochter. Ihre Mutter ist 92 und gehört zur Altersgruppe, die in diesen Tagen ins Impfzentrum gebeten wird. Ursula Wurst muss sich dagegen gedulden, sie ist 68 und noch lange nicht dran.

Lesen Sie auch


Für Mutter und Tochter stand außer Frage, sich impfen zu lassen: „Das war für uns sofort klar, dass wir das machen.“ In Halle 7 an der Bürgerweide, die an diesem Tag von Sonne durchflutet wird, ist es dann ganz schnell gegangen: Der Empfang, das Einchecken mit den Formalitäten, das Aufklärungsgespräch beim Arzt, die Impfstation, und noch ein wenig ruhen hinterher. Eine halbe Stunde, wenn überhaupt, bis Mutter und Tochter sich draußen schon wieder den Wind um die Nase wehen lassen.

Noch muss niemand warten

Seit fast vier Wochen ist das Impfzentrum jetzt in Betrieb. In dieser Zeit war es ausnahmslos Pflegepersonal, das die Spritze mit dem Vakzin gegen das Virus bekommen hat. Nun beginnt die nächste Phase. Angefangen bei den Menschen, die 90 Jahre und älter sind. In den weiteren Schritten sind es die Kohorten bis hinunter zu den 80-Jährigen. Das ist alles zwar noch sehr übersichtlich, an diesem Tag so sehr, dass niemand nirgendwo warten muss: ratzfatz, und erledigt. Der Nächste, bitte! Es werden aber andere Zeiten kommen. Dann sind es nicht mehr 100 oder 200 Termine, die abgearbeitet werden, sondern ein Vielfaches, sofern genügend Impfstoff vorhanden ist.

Lesen Sie auch

In Halle 7, die mit Kabinen und Wartebereichen von Messebauern hergerichtet wurde und einen sehr aufgeräumten Eindruck macht, liegt die Kapazität nach Schätzung der Gesundheitsbehörde bei 1500 bis 1800 Impfungen pro Tag. „Es gibt aber schon konkrete Überlegungen, das auszubauen“, sagt Behördensprecher Lukas Fuhrmann. Infrage komme, das Impfzentrum auf weitere Messehallen auszudehnen. Möglich seien auch dezentrale Lösungen in den einzelnen Stadtteilen.

Die Unternehmerinitiative „Bremen impft“ mit den Firmen Zech und Joke an der Spitze hat Vorbereitungen getroffen, in Bremen täglich rund 15.000 Menschen durch das Impfzentrum zu schleusen. In Teilen folgt die Behörde bereits diesem Ansatz, zum Beispiel beim Anmeldeverfahren, das „Bremen impft“ für die Verwaltung übernommen hat.

Lesen Sie auch

Angesichts solcher Planzahlen herrscht in Halle 7 noch die Ruhe vor dem Sturm. Die Menschen tröpfeln durch die Tür und werden mit einer Freundlichkeit begrüßt, die von Profis kommt. Lauter Frauen und Männer im Empfangsbereich, die sonst in Hotels arbeiten und es gewohnt sind, mit Gästen umzugehen. Sie haben sich als Helfer gemeldet und sind unter Vertrag genommen worden: Gutes tun, Geld verdienen und nicht länger in Kurzarbeit verharren, weil im eigentlichen Beruf wegen Corona nichts zu tun ist.

Bei „Bremen impft“ sind nach Angaben der Initiative mittlerweile annähernd 1300 Menschen registriert, darunter 735 Helfer. Außerdem medizinisches Personal, knapp 160 Ärzte, 75 Dolmetscher und ebenso viele Mitarbeiter für das Call-Center, das die telefonischen Impfanmeldungen entgegen nimmt. Doch das ist noch nicht alles. Dirigiert wird der Betrieb im Impfzentrum von den Johannitern. Vertreten sind auch das Deutsche Rote Kreuz, der Arbeiter-Samariter-Bund und die Bundeswehr.

Lesen Sie auch

Eine Menge Organisationen, gemischt mit privatem Engagement, das ist – „hochkomplex“, sagt Jutta Dernedde. Die ehemalige Chefin des Bremer Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno) leitet im Auftrag von Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) das Impfzentrum. Denn auch wenn es „Bremen impft“ gibt und die anderen Unterstützer, verantwortlich für die Impfkampagne ist der Staat, in diesem Fall die Gesundheitsbehörde. „Das Zusammenspiel klappt hervorragend“, lobt Dernedde. Kein Streit über Kompetenzen, bisher jedenfalls nicht. Und positive Rückmeldungen der Menschen, die bereits geimpft wurden. „Es hat nur ganz wenige Fälle gegeben, dass jemand zum Beispiel Kreislaufprobleme bekam, vielleicht wegen der Aufregung oder weil er zu wenig getrunken hat.“

Manche sind verunsichert

Nils Beger ist einer der Ärzte, die das obligatorische medizinische Vorgespräch führen. Aufgepasst wird vor allem wegen möglicher allergischer Schocks. Der 26-Jährige sitzt hinter einer Plexiglasscheibe und berichtet, wie unterschiedlich die Unterhaltungen ablaufen. „Manche wollen gar nicht groß reden, auch nicht viel hören, die sind informiert und ganz und gar entscheiden, sich impfen zu lassen.“ Bei anderen das genaue Gegenteil: „Die sind verunsichert, zum Beispiel von den Kampagnen der Impfgegner.“ Dem Arzt, der von den Johannitern bezahlt wird, gefällt seine Aufgabe: „Das ist ein junges, gutes Team hier, und man kann mit anpacken.“ Ähnliche Antworten kommen von drei Soldaten, zwei Frauen, ein Mann, alle Mitte 20, die beim Impfen helfen: „Wir sind bei diesem Dienst nahe bei den Menschen, sie sehen uns in der Uniform und bekommen ein anderes Bild von der Bundeswehr.“

Am Ende des Rundlaufs durch Halle 7 wartet der Ruhebereich. Ein Sanitäter sitzt am Rand und langweilt sich. Irgendwann gibt auch das Smartphone nichts mehr her, was Unterhaltung bringt. Wer geimpft wurde, rauscht hier durch, ein paar Minuten auf dem Stuhl, das schon, aber dann weiter nach draußen. Die Feldbetten nebenan stehen in Reih und Glied, unbenutzt, wie eine Installation in der Kunsthalle. So richtig krank ist im Impfzentrum noch keiner geworden.

Lesen Sie auch

Info

Zur Sache

Taxi-Gutscheine

Über 80-jährige Bremerinnen und Bremer, die eine Impfeinladung bekommen, können demnächst kostenlos mit dem Taxi zum Impfzentrum und zurück fahren – wenn die Fahrtkosten nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Das hat der Senat am Donnerstag beschlossen. Über den konkreten Ablauf will die Gesundheitsbehörde noch informieren. Unter bestimmten Voraussetzungen übernehmen auch die gesetzlichen Kassen für Taxifahrten: Die AOK Bremen/Bremerhaven etwa verschickt dafür seit Freitag Taxigutscheine an zunächst ab 85-jährige Versicherte mit Schwerbehinderung und Pflegegrad 3,4 und 5, sie benötigen dafür kein Attest vom Arzt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+