Folgen der Corona-Krise

Spendenaktion soll Bremer Clubs und Bars retten

Bremer Clubs und Bars stehen kurz vor dem Ruin, aufgrund der Corona-Pandemie. Der Verbund Clubverstärker will die Szene mit einer Spendenaktion retten.
20.03.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Spendenaktion soll Bremer Clubs und Bars retten
Von Kim Torster

Seit Montag steht die Club- und Barszene nicht nur in Bremen still. Wegen des grassierenden Coronavirus bleiben derzeit viele Einrichtungen geschlossen. Betreiber und Mitarbeiter fürchten nun um ihre Existenz. Clubverstärker, ein Verbund von Musikspielstätten und Festivals aus Bremen, Oldenburg und dem Bremer Umland, hat deshalb am Donnerstag eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um der Bremer Ausgehszene kurzfristig finanziell auszuhelfen: Über den Link www.clubverstaerkerunited.de wird über ein Spendenportal Geld für verschiedene Clubs und Bars aus Bremen gesammelt.

Dafür wird online eine Art Clubbesuch simuliert. Oder besser: die Dienstleistungen, für die man als Gast bei einem solchen Besuch bezahlt. Die Spendenmöglichkeiten sind nämlich dem Zweck angepasst. Für zehn Euro kann man zum Beispiel eine Runde imaginäres Bier ausgeben, für fünf Euro seine fiktive Jacke an der Garderobe lassen oder für 100 Euro „Solischnaps für alle“ bestellen. Für 30 Euro bekommt man sogar ein (echtes!) T-Shirt zugeschickt: mit Aufdruck, der von der Solidariät zeugen soll. Von den Erlösen profitieren verschiedene Bremer Clubs wie der Tower oder das Modernes, Römer oder Lila Eule, aber auch einige Bars oder Pubs wie der Hegarty’s Irish Pub oder das Eisen.

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Dort ist die Stimmung derzeit angespannt. „Wir leben und planen gerade nur von Tag zu Tag“, sagt Litfass-Chefin Sandra Schütz. Pläne zu machen sei schwierig in dieser Situation. Sie habe Rücklagen, sagt Schütz. Aber auf Dauer könne sie das geschlossene Litfass nicht finanzieren, weil die Fixkosten so hoch seien. Gerade hat ihr Vermieter ihr gesagt, dass er ihr die nächste Pacht erlässt. „Das ist toll!“, sagt sie. Aber länger als drei Monate könne sie so nicht durchhalten.

Auch Eisen-Wirt Fernando Guerrero muss derzeit auf Rücklagen zurückgreifen. „Damit wollen wir unseren Barkeepern aushelfen“, sagt er. „Die stehen ja auch gerade mit leeren Händen da.“ Man müsse nun versuchen, irgendwie über das Jahr zu kommen. Er sei da realistisch, sagt er. „Das Thema wird nicht in ein paar Wochen erledigt sein. Das wird sich über das ganze Jahr hinziehen“. Seine Befürchtung: „Die Hälfte der Läden wird nicht mal bis zum Sommer überleben.“

Auch die Politik ist gefordert, Lösungen zu finden

Dieser Meinung ist auch Olli Brock, Besitzer der Clubs Tower, Pier 2 und des Malenchens. Es sei wichtig zu wissen, dass sich die Clubs speziell in den Monaten März und April das finanzielle Polster für das Sommerloch zulegen, sagt er. „Das bedeutet für uns, dass die Schwierigkeiten nicht unbedingt mit der Beendigung des Shut-downs vom Tisch sind und wir eher von sechs Monaten sprechen, in denen keine bis wenige Einnahmen generiert werden können“, sagt Brock. Auch die Politik sei gefordert, Lösungen zu finden. Mit Krediten allein sei es allerdings nicht getan. Brock und die anderen Club- und Barbesitzer betonen aber, dass ein Austausch stattfindet. „Auf jeden Fall haben wir Vertrauen und fühlen uns nicht allein gelassen“, sagt er.

Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Die Linke) kündigte am Mittwoch ein „Nothilfeprogramm“ an. Auf Nachfrage im Wirtschaftsressort bestätigte Sprecher Kai Stührenberg diese Pläne. Diesen Freitag soll dazu eine Sitzung stattfinden. Man müsse erst einmal abwarten, was der Bund an Hilfen bereitstelle. „Aber wir finden eine Lösung“, sagt Stührenberg.

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Dass auch der Bund an dem Problem arbeite, bestätigte dem WESER-KURIER die Bremer Bundestagsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther (Grüne): „Der Wille ist da!“ Schon in der vergangenen Woche hatte sie eine entsprechende Forderung gestellt. „Die betroffenen Akteure müssen jetzt – und zwar zusätzlich zu den von der Bundesregierung angekündigten Maßnahmen – auf Direktzahlungen und einen Ausfallfonds zugreifen können“, so Kappert-Gonther.

Fraglich ist nur, wie schnell solche Maßnahmen verabschiedet werden können. Der Kulturausschuss im Bundestag tagt dazu erst kommende Woche Mittwoch. „Bei manchen Clubs brennt es schon in den nächsten sieben bis zehn Tagen“, sagt Olli Brock. An dieser Stelle könnte also die Spendenaktion von Clubverstärker eine wichtige Rolle spielen. „Wenn es den Clubverstärker nicht gäbe, wären wir verzweifelt“, sagt Eisen-Wirt Guerrero.

Erste Spendenauszahlungen schon in den nächsten Tagen

Victor Frei, Leiter der Clubverstärker Geschäftsstelle, sagt, schon in der vergangenen Woche sei dem Verbund und seinen Mitgliedern klar geworden, dass der Branche schwere Zeiten bevorstehen. „Wir wussten, wir brauchen etwas, mit dem wir uns selbst und sofort helfen können.“ Erste Spendenauszahlungen ermöglicht das Portal schon in den nächsten Tagen. Clubverstärker will sich bis dahin einen gerechten Verteilungsschlüssel überlegen. Zuerst sollen diejenigen Spenden bekommen, die sie am dringendsten benötigen. Übrigens sei diese Solidarität keine Einbahnstraße, sagt Frei. Gerne wären die Clubbesitzer bereit im Gegenzug ihre nicht genutzten Flächen zur Verfügung stellen – zum Beispiel zur Lagerung von dringend benötigten Gütern.

Auch in Berlin versucht man derweil die Clubszene zu retten. Von dort wird jeden Abend ein Live-Set im Internet gestreamt. Zuschauer können im Gegenzug spenden. Eine tolle und kreative Idee wie Brock findet. Aber es zeige auch, dass ein Stream nicht ein Live-Erlebnis ersetzen könne. Eine gesunde Clubszene sei wichtig für eine Stadt. „Daher würden wir uns natürlich über jede Unterstützung – sei es finanziell oder auch moralisch – absolut freuen.“

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