Auszeichnung "Spiel des Jahres" kommt aus Bremen

"Azul" heißt das Spiel von Michael Kiesling, das seit seinem Erscheinen im vergangenen Herbst die Spieleszene elektrisiert. Nun hat der Bremer Autor dafür den wichtigsten Preis der Branche gewonnen.
23.07.2018, 13:55
Lesedauer: 3 Min
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Von Andreas D. Becker

Sein Herzschlag ging ganz normal, sagte Michael Kiesling. Obwohl er schon angespannt war. Würde er gewinnen? Würde sein "Azul" Spiel des Jahres 2018 werden, würde er gleich auf die Bühne bei der Preisverleihung in Berlin gehen? Restsicherheit gibt es nicht, obwohl das von ihm ausgedachte und vom Verlag wunderschön ausgestattete Legespiel "Azul" als der absolute Favorit galt, nachdem es im vergangenen Herbst erschienen war. Aber die Jury aus Fachjournalisten, die diesen weltweit wichtigsten Preis für Gesellschaftsspiele verleiht, ist schwer auszurechnen. Doch Kiesling, der Favorit, setzte sich durch. Als das Geheimnis gelüftet war, suchte Kiesling erst einmal seine Frau Ina, es gab ein Küsschen.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Spiel von Michael Kiesling den Branchen-Oscar gewinnt. 1999 hieß "Tikal" der Sieger, 2000 "Torres", beide hat der Chef einer Bremer Softwareschmiede, der in Achim lebt, zusammen mit dem Stuttgarter Wolfgang Kramer entwickelt. Nun also sein erster Solosieg, im Jahr 21 seiner Spiele-Autoren-Karriere, in der er schon viele erfolgreiche Spiele wie auch das bekannte "Verflixxt" herausgebracht hat. Mit "Azul" sei Kiesling "die Meisterleistung gelungen, einem einfachen Auswahlmechanismus so viel Tiefgang zu verleihen, dass dieser einen nahezu endlosen Wiederspielreiz auslöst", begründete die Jury ihre Entscheidung für das Spiel, das beim Verlag Next Move/Plan B Games erschienen ist.

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Die Geschichte in "Azul" wirkt im ersten Moment eher unprätentiös: Wir sind Fliesenleger. Was im ersten Moment ähnlich aufregend wie „Bügeln – Das Brettspiel“ oder „Autowäsche, fertig, los!“ klingt. Aber hinter dem Fliesenlegen steckt eine traumhafte Geschichte: Wir kacheln nicht irgendwo, sondern der portugiesische Königspalast soll ausgeschmückt werden. Für die Prunkwände eignen sich natürlich nicht irgendwelche Kacheln, sondern nur solche mit edlen Ornamenten. Das Material ist in „Azul“ bereits die halbe Miete; die raffinierte und reizvolle Spielidee setzt noch einen obendrauf.

Mit "Azul" setzte sich Kiesling in der Hauptkategorie Spiel des Jahres gegen das Schatzsucher-Wettrennen "Luxor" und das kooperative Kartenspiel "The Mind" durch, dessen redaktionelle Betreuung direkt vor den Toren Bremens stattfand, in Hellwege im Landkreis Rotenburg, wo der Spieleautor und Redakteur des Nürnberger-Spielkarten-Verlags, Reinhard Staupe, lebt und arbeitet. Und Kiesling hatte am Montag in Berlin sogar die Chance auf einen Doppelsieg, auch für das anspruchsvollere Kennerspiel war er nominiert.

Zusammen mit seinem Bremer Co-Autor Andreas Schmidt war er mit dem sehr strategischen Legespiel "Heaven & Ale" im Rennen. Doch in dieser Kategorie setzte sich "Die Quacksalber von Quedlingburg" des österreichischen Autors Wolfgang Warsch durch, der auch noch mit seinem anspruchsvollen Würfelspiel "Ganz schön clever" nominiert war. Zu guter Letzt gab es noch einen Sonderpreis für "Pandemic Legacy Season II", einem Spiel, das sich von Partie zu Partie weiterentwickelt und die Spieler stark in die Geschichte reinzieht.

Kiesling war ab 11.30 Uhr, als die Preisverleihung beendet war, der gefragteste Mann in Berlin, er musste ein Interview nach dem anderen geben und immer wieder für Fotos posieren. "Man kann es gar nicht beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn hinter dem Vorhang das eigene Spiel auftaucht und man gewonnen hat", sagte er. Der Preis ist aber nicht nur Ehre, der Preis, in der Branche der rote Pöppel genannt, ist auch ein Wirtschaftsfaktor. Das Spiel des Jahres wird jedes Jahr hunderttausendfach zu Weihnachten unter den Baum gelegt.

Und das ist auch in Zeiten, in denen so viele Brettspiele wie nie in Deutschland verkauft werden, eine nicht zu vernachlässigende Größe. Denn entgegen aller Prognosen haben Computer- und Konsolenspiele klassische Brett-, Würfel- und Kartenspiele nicht verdrängt. Was vielleicht ein Gegentrend, "der Wunsch nach Entschleunigung, ist", sagt Bernhard Löhlein, Sprecher der Jury Spiel des Jahres. Aber das allein könne es nicht sein. Es habe sicherlich auch etwas mit dem Gemeinschaftserlebnis zu tun "und mit der Qualität der Spiele, die in den vergangenen Jahren enorm zugenommen hat".

+++ Zuletzt aktualisiert am 23. Juli um 19.56 +++

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