56. Bremer Sixdays

Bahnfahren lohnt sich

In der Radsport-Szene wird ein wenig umgedacht. So schildert es Erik Weispfenning, der Sportliche Leiter der Bremer Sixdays. „Bahnfahren ist wieder sexy“, sagt er.
04.12.2019, 07:35
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Bahnfahren lohnt sich
Von Olaf Dorow

Sechstagerennen haben es auch nicht mehr so leicht. Ungefähr zur Jahrtausendwende ist das sozusagen eine amtlich geprüfte Behauptung geworden, als nach und nach immer mehr dieser Bahnrad-Veranstaltungen mit mal kleinerem, mal größerem Party-Anteil aufgaben. Es ist dann aber nicht so gekommen, dass eine vom Aussterben bedrohte Gattung tatsächlich ausstarb. Sie lebt, sie ist sogar recht lebendig. Mit dieser Botschaft traten die Bremer Sixdays-Macher am Dienstag im Courtyard Marriott an, indem sie über die 56. Auflage der Bremer Sixdays vom 9. bis 14. Januar Auskunft gaben.

Fahrradfahren sei das neue Golfen, betonte gleich mehrmals Hans Peter Schneider, Geschäftsführer der Event & Sport Nord GmbH (ESN), das färbe ab. Es sei halt schick heutzutage, Rad zu fahren. Städte würden sich bemühen, das Thema Fahrrad aufzunehmen und in Veranstaltungen umzusetzen. Was die eigene Veranstaltung in der ÖVB-Arena anbelangt, konnte im Courtyard zum Beispiel von steigenden Anmeldungen für das Jedermann-Projekt „Dein Rad“ berichtet werden.

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Oder von der Sogwirkung des von Hans-Peter Jakst und Bernd Rennies betriebenen Projektes. Oder vom gesteigerten Interesse für das Projekt „Tag der Schulen“, in das jetzt auch der Sponsor Vilsa einsteige. Das Bild, das Schneider zeichnete, war vielleicht keine blühende Landschaft. Aber immerhin fand er den Ist-Zustand seiner Veranstaltung gut genug, um eine überraschend klingende Parallele anzubringen: „In den 70er-Jahren hätte man in der SPD gesagt: Genosse Trend ist auf unserer Seite.“

Werbung in eigener Sache ist nicht verboten, erst recht nicht auf der eigenen Pressekonferenz. Und es war ja auch deutlich mehr als Werbung. Erik Weispfennig, Sportlicher Leiter und bislang nicht aufgefallen als notorischer Schönfärber, sagte: „Die Szene ist stabil, mit Tendenz nach oben.“ Es gebe wieder mehr Bahnfahrer. „Bahnfahren ist wieder sexy“, sagte er sogar. Das hänge auch mit einer Art neuem Denken in der Branche zusammen. In etlichen Rennställen würde man großen Wert darauf legen, dass Straßenfahrer auf der Bahn ausgebildet werden.

Man könne da im Madison genannten Zweier-Mannschaftsfahren, dem sportlichen Kernstück der Sixdays, dreidimensionales Manövrieren lernen. Bei Supertempo nicht nur links und rechts, sondern auch noch oben und unten beachten. Das komme Straßenfahrern zugute. Nicht nur rein zufällig hätten von den letzten Tour-de-France-Siegern etliche eine Grundausbildung auf der Bahn erhalten. Und so würden auch wieder mehr Profis von der Straße den Ausflug auf die Bahn wagen.

Zum Beispiel Nils Politt. Der 25-jährige Kölner, ausgebildet auf der Bahn, zählt zur Garde junger deutscher Straßenprofis, denen noch eine Menge zugetraut wird. Politt, der demnächst für das Team Israel Cycling Academy fährt, wurde 2019 Überraschungszweiter bei Paris - Roubaix. Er stand die Tour de France durch, die er auf Rang 64 beendete und bei der er einen Geschwindigkeitsrekord aufstellte. Mehr als 100 km/h wurden auf der Abfahrt vom Col de Vars gemessen. Für das Rennen auf der engen Bremer Bahn hat Politt jüngst Erik Weispfennig die endgültige Zusage gegeben.

Es darf davon ausgegangen werden, dass er diesmal erfolgreicher sein wird als vor vier Jahren. Er fuhr an der Seite von Achim Burkart, er landete mit 19 Runden Rückstand auf Rang acht. Diesmal tritt er gemeinsam mit dem Belgier Kenny De Ketele an, der in Bremen schon zweimal siegte. Weispfennig erwartet Politt/De Ketele weit vorn, ebenso wie das zweite Paar, das bereits feststeht: Madison-Weltmeister Theo Reinhardt wird zusammen mit dem Franzosen Morgan Kneisky antreten, seinerseits vierfacher Weltmeister.

Insgesamt 14 Fahrer haben bereits zugesagt für Bremen 2020, zehn fehlen noch. Laut Weispfennig habe er sich Absagen eigentlich nur deswegen eingehandelt, weil die Fahrer anderweitig unterwegs sind, oder von den Nationaltrainern beziehungsweise den Rennställen keine Freigabe erhalten hätten. Und nicht, weil die Bremer Sixdays zu unattraktiv seien. „Auch Pascal Ackermann wäre gekommen“, sagt Weispfennig. Ackermann hatte in diesem Frühjahr als erster Deutscher die Punktwertung beim Giro gewinnen können. Vom Team Bora-Hans-Grohe, das Ackermann – wie neuerdings auch den Bremer Profi Lennard Kämna – beschäftigt, habe es aber keine Erlaubnis für Bremen gegeben. Dass der Bremer Kämna mal in Bremen antritt, sei nur eventuell und nur irgendwann denkbar, sagt Weispfennig. Anders als Ackermann oder Politt habe Kämna vornehmlich eine Ausbildung für Straßenrennen durchlaufen.

Dass die Titelverteidiger Iljo Keisse und Jasper De Buyst ihren Titel nicht verteidigen werden, liege ebenfalls nicht am Nicht-Wollen. Nur am Nicht-Können. Sie sind für ihren Rennstall zeitgleich in Australien bei der Down-Under-Tour im Einsatz. So steht schon jetzt fest, dass es einen neuen, wenn vielleicht auch erneuten Sieger in Bremen geben wird. Und auch das steht mit ziemlicher Sicherheit fest: Die meisten Fahrer werden ein letztes Mal einigermaßen geschafft sein, wenn sie anreisen. Das Rennen in Rotterdam, das unmittelbar vor jenem in Bremen endet, wird ab der Saison 2020/21 auf den November verlegt.

Info

Zur Sache

Mit Uni-Nacht und Influencern

Eine bunte Mischung aus Sport und Party, das sollen und wollen die Sixdays bieten. Für das umfangreiche Party-Programm bieten die Veranstalter diesmal am ersten Abend als Neuerung die Uni-Nacht in Halle 3 an. Für Stimmung in Halle 4 sollen unter anderem vier DJs sowie die Band Afterburner am Freitag, Marcel „Baller“ Barth am Sonnabend oder Marquess am Montag sorgen. Für den Kidsday (Sonnabend) kündigen die Organisatoren Influencer oder die Bremerin Celine Abeling an, Halbfinalistin bei „Voice of Germany“. Um am Sonntag mehr Zuschauer in Halle 1 zu bekommen, wird dort das Sportprogramm erst um 11.30 statt wie bisher um 10 Uhr starten.

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