Verhältnis zwischen DFB-Spitze und Amateurlager

Der Frust an der Bremer Fußball-Basis

Nach dem Rücktritt von Reinhard Grindel steckt der DFB in der Führungskrise. Wie ist die Stimmung im Bremer Amateurlager? Das Meinungsbild scheint einheitlich.
10.04.2019, 16:02
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Der Frust an der Bremer Fußball-Basis
Von Olaf Dorow
Der Frust an der Bremer Fußball-Basis

Arbeit an der Fußball-Basis: FCO-Trainer Kristian Arambasic im Gespräch mit seinem Spieler Denis Nukic.

Frank Thomas Koch

Der Fall des Reinhard Grindel ist nicht nur ein Fall für die Staatsanwaltschaft und den Zoll. Wer im Amt des DFB-Präsidenten Nebeneinkünfte verschweigt, die er über eine DFB-Tochter bezieht, wer sogar mit einer geschenkten Luxus-Uhr nicht so umgehen kann, wie sich das gehört, der gerät dann eben ins Visier der Behörden. Grindel, der Anfang April zurücktreten musste, beschäftigt auch die Gremien des Fußballs. Die Ethikkommission des DFB zum Beispiel.

Ihre Gründung wurde einst von Grindel vorangetrieben, sie befasst sich nun mit ihrer ersten größeren Nummer: mit Grindel. „Wir setzen darauf, dass wir in Zukunft in Ethikfragen von herausragenden externen Fachleuten beraten werden“, hatte der einst gesagt. Der Mann, der mehr Ethik wollte, ist ein Fall für die Ethikhüter.

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Ein seit spätestens dem Sommermärchen-Märchen in seinem Ruf angeschlagener Verband fahndet schon wieder nach einem Mann an der Verbandsspitze. Was tun? Wer soll den Job machen? Vor allem: Was müsste sich strukturell ändern, damit sich im Verhältnis zwischen DFB-Spitze und Fußball-Basis etwas ändert?

Diese Basis besteht immerhin aus rund 25.000 Vereinen. Aus Männern und Frauen, von denen viele mit ihrem ehrenamtlichen Engagement dafür sorgen, dass dieser Sport ein Volkssport ist, mit einem nicht zu unterschätzenden sozialen Mehrwert für die Gesellschaft.

Der WESER-KURIER hat herumgefragt an der Bremer Basis. Es ist keine repräsentative Umfrage. Es ist aber wohl mehr als ein Zufall, dass darin niemand ins Schwärmen geriet über den DFB.

Die Grindel-Affäre, so scheint es, fördert etwas zutage, was seit Längerem gärt, und was man durchaus einen besorgniserregenden Befund nennen könnte. Vier von vier Befragten gaben eine ähnliche Stimmung wieder: Wenn die Basis des DFB auf die Spitze des DFB schaut, dann hat sie wenig Hoffnung und viel Frust.

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Der Trainer

Wenn Kristian Arambasic, Trainer des Bremen-Ligisten FC Oberneuland, davon spricht, dass es eigentlich für das Amateurlager nicht von Belang ist, wer Grindels Nachfolger als DFB-Boss wird, dann könnte man sagen: Ja, gut. Ist für Arambasic nicht von Belang. Man könnte aber auch folgern: Soweit ist es schon gekommen, dass es da unten egal ist, was da oben passiert. DFB-Verdrossenheit.

„Was wir hier machen, wie wir die Kinder von der Straße holen, das interessiert da doch keinen“, sagt Arambasic. Für ihn ist der DFB vom Profi-Betrieb gekennzeichnet, und der Profi-Betrieb ist für ihn vorwiegend Show und Geldverdienen. Es sei eine eigene Welt, die mit der Welt der zahllosen kleinen Amateurvereine nicht viel zu tun habe.

Er sei mal mit dem sogenannten DFB-Mobil unterwegs gewesen. Vereinfacht gesagt, sollten Demo-Einheiten in Dorfvereinen abgehalten werden. Seitdem wüsste er, „wie dort das Geld rausgeschmissen wurde“. Es seien Dinge verkauft worden, die nichts Nachhaltiges mit sich gebracht hätten. „Die sind meilenweit von dem entfernt, was die Basis interessiert“, sagt Arambasic.

Der Spieler

Muhamed Hodzic von der SG Aumund-Vegesack ist mal auf Reinhard Grindel getroffen. Das war Ende des vergangenen Jahres, als der DFB-Präsident im Rahmen des Bremer Lotto-Masters Hodzic die Trophäe für den Amateurfußballer des Jahres überreichte. „Er hat auf mich den Eindruck gemacht, ein gewiefter Politiker zu sein. Und keiner, der für die Basis steht“, sagt Hodzic.

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Sein Wunsch in Richtung des anstehenden Führungswechsels an der DFB-Spitze: Bitte kein Politiker! Lieber mal einer, der in einem Dorfverein großgeworden ist „und nicht nur zum Händeschütteln in den Dorfverein kommt“. Seit knapp zwei Jahrzehnten schon kickt Muhamed Hodzic, 37 Jahre alt, in der Bremen-Liga. Früher seien mehr Zuschauer gekommen.

Für ihn hängt das auch mit der Zerstückelung des Bundesligaspieltags zusammen. Hodzic' Vorschlag: eine Art Solibeitrag der Profis für die Amateure. „Vielleicht ab einem Millionengehalt zwei Prozent an die Amateurvereine. Das würde keinem wehtun und enorm helfen an der Basis“, sagt er.

Der Funktionär

Vom DFB? „Da kommt nichts. Außer mal Strafgeld-Bescheide.“ Das sagt Christof Frankowski. Er ist 51, Koordinator der Montage-Schulungen bei Mercedes, einem großen DFB-Sponsor. Rund zehn bis 15 Wochenstunden wendet Frankowski für sein Ehrenamt auf, als Abteilungsleiter Fußball beim TuS Schwachhausen.

„Wir gehören doch gar nicht dazu. Wir sind die Basis, weil wir ganz unten sind“, sagt er. Der DFB verdiene das große Geld, „und ich mit meinen 23 Teams, ich kann nicht mal die Duschen reparieren lassen, weil die Mittel fehlen.“

Er habe keine Hoffnung mehr, dass sich durch einen Wechsel an der DFB-Spitze etwas ändert. Er müsse für Kinder im F-Jugend-Alter so etwas wie einen Aufnahmestopp verhängen. Weil er nicht genügend Jugendtrainer finde.

„Ein Jugendtrainer bekommt 30 Euro im Monat“, sagt Frankowski. Wie solle er dem denn bitteschön erklären, dass der ohnehin finanziell gut abgefederte DFB-Chef mal eben eine teure Luxus-Uhr unterschlägt? Ja, wie?

Der Fan

Johanna Göddecke denkt eine Weile nach. Dann sagt sie: „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt mal gedacht habe: 'Oh, das haben die vom DFB aber gut gemacht.'“ Die Zahntechnikerin ist 26 und 1. Vorsitzende des rund 280 Mitglieder starken Fanclubs WFC#twerder. Sie gehörte 2016 zu den Initiatoren der bundesweit beachteten Fan-Aktion „#greenwhitewonderwall“.

Sie empfindet es als „ein Stückweit resignierend“. Auf die Fans werde keine Rücksicht genommen, die seien „eh' nur die Bösen, die mit Pyro hantieren“. Für sie ist der DFB abgehoben und habe schon vor fünf Jahre die Fan-Nähe nicht mehr hinbekommen, obwohl da der WM-Titel bejubelt werden konnte.

Wenig Fan-Nähe, überteuerte Ticketpreise, kaum öffentliche Trainingseinheiten der DFB-Auswahl. „Die sind überhaupt nicht mehr greifbar und emotional abgekapselt“, sagt Göddecke. Vielleicht würde ja eine Frau als Nachfolgerin von Reinhard Grindel das besser hinbekommen, überlegt sie. Doch ihre Hoffnung hält sich in Grenzen. Sie sagt: „Irgendwie verliert man als Fan das Vertrauen.“

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Zur Sache

Lemke gegen DFB-Strukturreform

Willi Lemke hält die von der Deutschen Fußball Liga geforderte DFB-Strukturreform mit einem hauptamtlichen Präsidenten für überflüssig. „Wenn man Leute findet, die qualifiziert genug sind, die Aufgaben, die auf ihren Schultern lasten, exzellent auszuführen, müssen die Strukturen nicht verändert werden“, sagte der frühere Manager und Aufsichtsratschef von Werder Bremen der "Sport-Bild". Lemke weiter: „Natürlich muss ein ehrenamtlicher, finanziell unabhängiger Präsident eine ordentliche Aufwandsentschädigung bekommen.

70.000 Euro im Jahr sind unangemessen – unangemessen wenig, wenn man sieht, was die Herren, denen er gegenüber sitzt, sich an Gehältern genehmigen." Der künftige DFB-Boss müsse auf jeden Fall wirtschaftliche Kompetenz mitbringen, sonst werde er "100 Mal über den Tisch gezogen. Er muss finanziell unabhängig sein".

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