Diskussion über Kunstrasenplatz-Verbot Gefährliches Granulat für Bremer Fußball-Szene

Wie die Bremer Fußball-Szene auf das geplante EU-Verbot für Kunstrasenplätze mit Mikroplastik reagiert. Auch der Bremer Fußball-Verband fordert eine Übergangsfrist.
10.07.2019, 20:00
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Gefährliches Granulat für Bremer Fußball-Szene
Von Mathias Sonnenberg

Noch weiß keiner im Bremer Fußball so genau, wie sich das geplante Verbot der Europäischen Union für Kunstrasenplätze mit Granulat ab 2021 wirklich auswirkt. Klar ist aber schon jetzt: Setzt sich die EU mit dem Mikroplastik-Gesetz durch und unterbindet auch eine Übergangsfrist, werden gerade den Fußballern in Bremen und Bremerhaven deutlich weniger Sportplätze und damit auch Trainingszeiten zur Verfügung stehen. Ganz abgesehen von den Kosten, die eine Umrüstung der betroffenen Spielfelder ohnehin nach sich ziehen wird.

Der Bremer Fußball-Verband hat noch keine Gespräche mit den betroffenen Vereinen geführt, besitzt aber genaue Kenntnis über die Zahl und Standorte der betroffenen Flächen: 15 städtische Plätze in Bremen, vier in Bremerhaven. Hinzu kommen aber auch die sogenannten Mini-Spielfelder, die der DFB in Bremen und Bremerhaven an insgesamt neun Orten einrichtete und auch finanzierte. Noch ist unklar, ob der DFB bei einem Verbot diese Plätze nachrüsten will. Oder ob sie dann einfach stillgelegt werden.

Dass sich die EU mit einem Verbot des umstrittenen Füllstoffes beschäftigt, stößt beim Verband auf Verständnis. „Das Granulat gehört zu den größeren Verursachern von Mikroplastik“, sagt Vizepräsidenten Holger Franz. Aber er sagt auch: „Nun gilt es zu prüfen, ob es praktikable und sichere bauliche Alternativen etwa durch Drainagen mit Filtern oder Barrieren an den Spielfeldrändern gibt, wodurch das Granulat zu 100 Prozent auf den Plätzen bleibt.“ Sollte es tatsächlich zu einem Verbot kommen, müsse dies zuerst für Neubauten gelten, fordert Franz. „Für die bestehenden Anlagen benötigen die Vereine und die Städte lange Übergangsfristen bei möglichen Umbauten der uns bekannten neunzehn granulatverfüllten Polygrasplätze.“

Bremens Fußball-Szene reagiert verunsichert auf die Verbotspläne der EU. Insgesamt wären 21 Vereine betroffen, der TuS Schwachhausen ist einer der Vereine. Und Christof Frankowski als Abteilungsleiter der Fußballsparte sagt: „Ein Verbot und mögliche Sperrung unseres Platzes wäre ein herber Schlag und alles andere als lustig.“ Der Verein teilt sich den Kunstrasenplatz mit dem SC Vahr-Blockdiek, laut Frankowski trainieren in den Herbst- und Wintermonaten bis zu 23 Mannschaften wöchentlich auf der Fläche. „Wenn wir den Platz nicht mehr hätten, müssten wir wohl wie die Profis auch vormittags trainieren, damit alle Mannschaften dann auf unseren einzigen Schlackeplatz könnten“, versucht es Frankowski mit Humor. Er ahnt, was eine Nachrüstung der Granulat-Plätze zur Folge hätte. „Das würde viel, viel Geld kosten. Geld, das dann an anderen Stellen gestrichen werden müsste.“

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Das stimmt, denn schon die Errichtung der Kunstrasenplätze wird in der Regel mit Geldern aus Sportfördermitteln bezuschusst, die die Deputation vergibt. Gleiches gilt für mögliche Kosten bei der Nachrüstung der Plätze. Immerhin werden in Bremen schon seit Jahren keine Plätze mehr mit Granulat, sondern nur noch mit Sandanteil errichtet, laut Sportressort seien deshalb mittlerweile die Hälfte aller Kunstrasenplätze in Bremen und Bremerhaven ohnehin schon granulatfrei.

Diese Weitsicht könnte bei einem EU-Verbot für Granulatplätze sehr viel Geld wert sein. Das niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport will die Sportvereine und Kommunen vor Fehlinvestitionen und Folgekosten schützen. Deshalb hat man die Förderungen von Kunststoffrasenplätzen mit Gummigranulat aus Mitteln der Finanzhilfe und aus dem bis zu 100 Millionen Euro umfassenden Sport­stättensanierungsprogramm unterbunden. Die Kommunen und Vereine sind angehalten, alternative Verfüllungen aus Sand oder Kork zu prüfen.

Bremens Sportsenatorin Anja Stahmann weiß um die große Problematik eines möglichen Kunstrasen-Verbots. Sie weist in ihrem Brief als Vorsitzende der Sportministerkonferenz an die EU darauf hin, dass die Betreiber von Sportanlagen neben den Kommunen meist gemeinnützig und ehrenamtlich geführte Vereine seien. „Dieses bürgerschaftliche Engagement würde durch eine kurzfristige Stilllegung der Anlagen einen Rückschlag erleiden, der den Betroffenen – trotz der guten umwelt- und gesundheitspolitischen Argumente der Europäischen Chemikalienagentur – nur schwer zu vermitteln sein dürfte“, schreibt die Senatorin.

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Sie bitte die EU deshalb um eine Empfehlung, die einerseits die Natur schütze und andererseits die Interessen des Sports nicht aus den Augen verliere. Für viele Sportvereine geht es jetzt darum, den Spiel- und Trainingsbetrieb auf möglicherweise viel weniger vorhandenen Plätzen aufrechtzuerhalten. „Das wird viele Vereine vor Probleme stellen“, ahnt Schwachhausens Abteilungsleiter Frankowski schon heute.

Info

Zur Sache: Das ist Mikroplastik

Als Mikroplastik werden Kunststoffteilchen bezeichnet, die kleiner als fünf Millimeter sind. Primäres Mikroplastik findet sich in Pflegeprodukten, entweder als flüssiges Plastik oder als kleine Perlen in Peelings, Duschgel oder Zahnpasta. Durch das Abwasser gelangt es in Flüsse und landet schließlich auch im Meer. Doch auch große Plastikteile können zu Mikroplastik werden, wenn sie nicht korrekt entsorgt werden, sondern in die Umwelt gelangen.

Durch Umwelteinflüsse zerfallen die Teile in zahlreiche, immer kleinere Fragmente. So entsteht sekundäres Mikroplastik. Über die natürlichen Wasserkreisläufe gelangt ein großer Teil des Mikroplastiks in Flüsse und ins Meer und so in die Nahrungskette, etwa über Fische, die kleinste Teilchen aufnehmen und später verzehrt werden. Welche Auswirkungen das auf unsere Gesundheit hat, kann noch nicht abschließend beurteilt werden.

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