Interview zum Behindertensport "Man wird geerdet"

Der Bremer Behindertensport-Vorsitzende Bernd Giesecke erlebt es hautnah mit. Selbst kleinste Erfolgserlebnisse erzielen bei den Aktiven mit Handicap große Wirkung.
04.08.2018, 06:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Marlo Mintel

Herr Giesecke, wie sind Sie zum Behindertensport gekommen?

Bernd Giesecke : Das hat drei Gründe. Der erste Grund waren die nationalen Spiele von Special Olympics im Jahr 2010 in Bremen. Damals hat die Sparkasse Bremen Mitarbeiter als ehrenamtliche Helfer zur Verfügung gestellt. Der zweite Grund liegt in meiner Familie. Mein Bruder ist bei der Werkstatt Bremen tätig. Wir haben das Thema Behinderung also in der Familie. Und der dritte Grund: Vor vier Jahren hat mich Hannelore Tempelmann, die damalige Vorsitzende des Behindertensportverbands, angesprochen. Sie hat mich gefragt, ob ich bereit wäre, mich im Vorstand einzubringen.

In den Gesprächen mit den einzelnen Sportlern wurde mir oft von Negativerlebnissen berichtet. Etwa der sehbehinderte Fußballer Josua Trzoska, der als „Blindfisch“ bezeichnet wurde. Wie kann das sein?

Diese unüberlegten Kommentare sind völlig fehl am Platz. Derjenige hat nicht darüber nachgedacht, welche Reaktionen er bei der Person mit einer Beeinträchtigung auslöst. Insgesamt sind wir nach wie vor in einem Prozess, der noch lange nicht am Ende ist.

Was kann der Bremer Behindertensportverband unternehmen, um diesen Prozess zu beschleunigen?

Unsere Aufgabe muss es sein, den Behindertensport in die Vereine zu bringen, die dieses Angebot noch nicht haben. Wir müssen auch bestrebt sein, das Behindertensportangebot bei den Klubs auszubauen, die schon etwas für behinderte Sportler tun. Eine Disziplin mit Nachholbedarf ist zum Beispiel Blindenfußball. In Bremen und Bremerhaven gibt es kaum Vereine, die so etwas anbieten. Das sind Werder Bremen, der OSC Bremerhaven und Sparta Bremerhaven. Es wäre schön, wenn jeder zweite Verein, der Fußball anbietet, auch Blindenfußball im Repertoire hätte.

Was fällt Ihnen zu Mike Schwenke ein?

Er hat das Downsyndrom. Mike ist Leichtathlet beim TuS Komet Arsten – unter anderem im Stabhochsprung. Seine Mutter Sandra trainiert und unterstützt ihn mit viel Engagement. Sie weiß ganz genau, dass ihm Erfolgserlebnisse sehr wichtig sind. Wenn Sie und ich als gesunde Sportler Weltmeister werden, dann freuen wir uns darüber. Ein behinderter Sportler freut sich, wenn er ein Ziel erreicht hat. Das ist für Außenstehende nicht immer zu verstehen. Nicht zu vergessen ist, dass auch Sportler wie Mike Schwenke ihren Sport mit einer großen Begeisterung ausüben und damit für sich auch ein besonderes Stück Lebensqualität bekommen. Die Wahrnehmung ist beim Behindertensport häufig eine andere.

Können Sie das konkretisieren?

Ein Team vom Behindertensportverband Bremen war in Frankfurt beim Downsyndrom-Festival. Daran nehmen jährlich rund 2000 Kinder und Erwachsene teil. Am Schluss der Veranstaltung kam Mike auf uns zu. Er hatte eine Medaille um seinen Hals hängen. Es war nicht Gold, Silber oder Bronze, sondern alle Sportler haben dieselbe Medaille bekommen. Für uns war das nichts Außergewöhnliches. Für Mike aber schon. Er hat eine Medaille erhalten. Mike hat sein Ziel erreicht. Man wird von solchen Erlebnissen geerdet. Bei allem Verständnis für Leistungssport, für Weltmeisterschaften und Titelkämpfe: Wenn man diese natürliche Freude, die uns behinderte Sportler so häufig vermitteln, mit in sein persönliches Leben nimmt, dann hat man manchmal das Gefühl, dass es wirklich Wichtigeres gibt, als sich Stress zu machen, wenn man den Bus verpasst hat.

Das Gespräch führte Marlo Mintel .

Info

Zur Person

Bernd Giesecke ist 51 Jahre alt und erster Vorsitzender des Bremer Behindertensportverbands (BSB). Der Bankkaufmann ist leidenschaftlicher Läufer.

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