Weltkriegsbombe legte Bremen lahm Sprengung mit Nebenwirkungen

Die geplante Detonation einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg brachte Einsatzkräfte und Verkehrsbetriebe an ihre Grenzen.
25.07.2016, 20:00
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Von Lisa Schröder Jan Oppel

Die geplante Detonation einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg brachte Einsatzkräfte und Verkehrsbetriebe an ihre Grenzen.

Kurz vor der Sprengung mussten die Einsatzkräfte ein letztes Mal evakuieren: Fünf Kühe standen auf einer der Weiden in Niedervieland in gefährlicher Nähe zur Fliegerbombe. Sie mussten in Sicherheit gebracht werden, bevor am Sonntag der 1000 Kilo schwere Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg in die Luft gesprengt werden konnte. Die Detonation der Bombe ließ einen Krater mit einem Durchmesser von 15 Metern und einer Tiefe von sieben Metern zurück. „Und das, obwohl wir die Bombe einige Meter tief vergraben und Erde und Lehm auf sie geschüttet haben. So eine Bombe muss ich nicht noch einmal in der Innenstadt haben“, sagt Einsatzleiter Jens Rezewski im Rückblick.

Sprengung statt Entschärfung: Zuvor sei man ziemlich sicher davon ausgegangen, die am Donnerstag auf der Baustelle an der Stephani-Brücke gefundene Bombe am verkehrsruhigsten Tag der Woche entschärfen zu können. Der Blindgänger wurde 48 Stunden bewacht und zugeschüttet, um ihn für Schaulustige uninteressant zu halten, sagt Rezewski.

Zunächst sei es schwierig gewesen, den Zünder freizulegen, der sich an ­historischen Mauern befand. Eine Stunde Vorarbeit mit Schaufel und Spitzhacke dauerte es, ehe man ihn erreichte. Doch die Zünder der Bombe ließen sich nicht ausbauen. Überlegungen, die Bombe direkt an ihrem Fundort zu sprengen, mussten wegen des zu großen Risikos wieder verworfen werden. Die Verantwortlichen entschieden sich, sie andernorts zur Explosion zu bringen.

Höhe der Einsatz-Kosten noch unklar

Die Höhe der Einsatz-Kosten ist laut Rezewski bisher noch unklar. Ob der Hügel, auf dem die Bombe gesprengt wurde, jemandem gehörte, ist noch nicht bekannt. Derjenige könnte Schadensersatz fordern. Einen Eigentümer für das Terrain habe man nicht ausfindig machen können. Außerdem stünden noch die Rechnung der Feuerwehr, des Technischen Hilfswerks und des Roten Kreuzes aus. Der Tieflader, der einen Bagger transportiert hat, sei auch noch nicht bezahlt.

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Hotels und Gaststätten in der Innenstadt waren von der Evakuierung besonders betroffen. „Für die Betriebe sind solche Aktionen immer eine enorme Herausforderung“, sagt Thomas Schlüter, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes Dehoga. Vor allem den Restaurants, Bars und Cafés fehle nun der Umsatz eines Sonntags.

Die Belegschaft des Hotels Ibis Styles Bremen Altstadt hatte Vorkehrungen getroffen, entsprechend lief alles nach Plan. „Unsere Gäste haben es sportlich genommen“, sagt Managerin Gaby Schulz. Die Hotelangestellten hätten sie vorab per E-Mail informiert, 100 Personen wurden daraufhin ins Ibis Bremen City umgebucht, „dazu gab es die Möglichkeit, kostenlos zu stornieren“, sagt Schulz. Die verbliebenen 94 Gäste mussten sich bis etwa 15 Uhr außerhalb der Gefahrenzone aufhalten. Die Ibis-Belegschaft sei für solche Szenarien geschult, sagt Schulz: „Wir üben einmal im Jahr den Evakuierungsfall.“

Bahnverkehr wurde eingestellt

Die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) musste zeitweise den kompletten Bus- und Bahnverkehr in der Innenstadt einstellen. „Die zentralen Punkte waren lahmgelegt“, sagt BSAG-Sprecher Andreas Holling. Ersatzbusse versuchten, den Verkehr aufrecht zu halten. Dazu waren 14 zusätzliche Fahrgastbetreuer an den Haltestellen im Einsatz.

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Das eingerichtete Service-Telefon in der Leitstelle sei unter den Anrufen der Fahrgäste zusammengebrochen. „Natürlich gab es viele Beschwerden“, sagt Holling. Aber angesichts der schwierigen Lage sei die BSAG mit dem Ergebnis unterm Strich zufrieden.

Kraftakt für Polizei und THW: Bei dem Einsatz waren insgesamt 230 Polizisten und Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerkes (THW) im Einsatz. Sie sicherten das Gebiet rund um den Bombenfundort im Stephani-Viertel ab. Der Schiffsverkehr auf der Weser musste zeitweise eingestellt werden. Der Verkehr in der Innenstadt kam zum Erliegen, auch die Zugverbindung zwischen Bremen und Oldenburg wurde unterbrochen. Die Ab-Inbev Brauerei und das Funkhaus von Radio Bremen mussten zeitweise geräumt werden. Die Radio- und Fernsehprogramme wurden teils vorproduziert und aus provisorischen Studios ausgestrahlt.

Bomben im Bremer Boden

Seit mindestens 15 Jahren habe man keine Bombe dieser Größe mehr transportieren müssen, sagt Einsatzleiter Rezewski. Ein solcher Transport berge immer eine gewisse Gefahr. Auf einem speziellen Fahrzeug brachte der Kampfmittelräumungsdienst die Bombe nach Niedervieland. In der Region habe man schon viele Bomben gefunden, entschärft oder gesprengt. Auf der gesperrten B 75 und A 281 gelangte die Bombe von zwei Motorrädern begleitet nach Niedervieland.

Die genaue Anzahl der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, die noch im Bremer Boden liegen, kann Rezewski nicht beziffern. Luftaufnahmen der Alliierten zeigten, dass sie vor allem den Weserbereich, den Hafen, den U-Boot-Bunker und Industrieanlagen treffen sollten. „Wir wissen aber nicht, wie viele tatsächlich schon explodiert sind“, sagt Rezewski.

Aus Unterlagen der Alliierten geht hervor, dass Amerikaner und Briten bei ihren 173 Luftangriffen auf Bremen 26.000 Tonnen Spreng- und Brandbomben abgeworfen haben. Nach Schätzungen aus der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sollen 13 Prozent der Sprengbomben nicht explodiert sein, doch diese Marke habe man mit bislang über 16.000 entschärften Funden bereits überschritten, heißt es von Seiten des Kampfmittelräumdienstes. Seit 2008 müssen Bauherren in der Hansestadt ihr Grundstück vor dem ersten Spatenstich vom Kampfmittelräumdienst überprüfen lassen.

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