Konzentrationslager Bahrsplate Der letzte Zeitzeuge ist tot

Der Franzose Pierre Billaux, ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Bahrsplate in Blumenthal, ist Ende Dezember gestorben. Er war offenbar der letzte Zeitzeuge.
08.01.2019, 17:35
Lesedauer: 4 Min
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Von Imke Molkewehrum

Der Franzose Pierre Billaux, offenbar der letzte Zeitzeuge des Konzentrationslagers auf der Bahrsplate in Blumenthal, ist am 28. Dezember im Alter von 93 Jahren in seiner Heimatstadt Chambois gestorben. Im Alter von 19 Jahren war er am 3. Mai 1944 – kurz vor der Landung der alliierten Streitkräfte – von den Nazis verhaftet, gefoltert und nach Deutschland deportiert worden. Von der Normandie kam er über das Konzentrationslagers Neuengamme in das Außenlager Blumenthal.

„Ich wurde aufgrund der Denunziation durch einen Franzosen verhaftet, der mit den deutschen Besatzern kollaborierte und der mich und eine Gruppe verdächtigte, einer Widerstandsgruppe anzugehören“, erklärte Billaux, am 29. August 2009 in einem Grußwort anlässlich der Installation und Einweihung der Skulptur „Stein der Hoffnung“ auf der Bahrsplate. Damals 84 Jahre alt, wollte er sich ungern an die traumatischen Erlebnisse erinnern und formulierte seine Rückschau milde: „Ich muss sagen, dass meine Gefühle gegenüber Deutschland und den Deutschen bei meiner Rückkehr aus den Lagern nicht sehr positiv waren. Ich nahm es diesem Volk übel, dass es Hitler und den Nationalsozialismus akzeptiert hatte.“

Während der Nazi-Herrschaft wurde der Blumenthaler Volkspark auf der ehemaligen Flussinsel der Weser zu einem Barackenlager. Bereits 1940 wurden auf der Bahrsplate sogenannte Ostarbeiter untergebracht. Ab April 1943 diente ein Teil zeitweise als Lager für Kriegsgefangene. Zwischen diesen Lagern befand sich ein Marine-Gemeinschaftslager. Von September 1944 bis Mitte April 1945 war die Bahrsplate eines von mehr als 80 Außenlagern des KZ Neuengamme bei Hamburg, und Billaux war einer der 929 Gefangenen, die der SS-Standortarzt Alfred Albrecht Josef Trzebinski am 29. März 1945 auf der Bahrsplate registrierte.

Die meisten Häftlinge waren Belgier. Belegt ist, dass auch Franzosen, Polen, Sowjets, Griechen, Kroaten und sogar Dänen hier interniert waren. Im November 1944 kamen auch deutsche und polnische Juden mit einem Transport aus Oranienburg in das Blumenthaler Lager. Pierre Billaux überlebte die Torturen ebenso wie den Evakuierungstransport nach Neuengamme. Unter Arrest gelangte er im April 1945 nach der Räumung des Stammlagers zunächst auf das Schiff „Cap Arcona“ und danach auf die „Athen“. Er überlebte die Bombardierung der Schiffe, da die „Athen“ nicht versenkt wurde. Am 3. Mai 1945 wurde er befreit und kehrte in sein Heimatdorf Chambois zurück. Hier führte er fortan einen kleinen Friseurladen.

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Gemeinsam mit seinem belgischen Freund Guy Melen fuhr Pierre Billaux im Jahr 1953 nach Deutschland. „Ich bin mit einem Kameraden, auch er ein Deportierter auf der Bahrsplate, mit dem Auto nach Neuengamme und nach Blumenthal zurückgekehrt“, erzählt Billaux in seinem Grußwort. „In Blumenthal hatte man uns nicht erlaubt, die Werkstätten an der Weser wiederzusehen. Was die ehemaligen Baracken betraf, so waren sie in Wohnunterkünfte verwandelt worden, umgeben von Gemüsegärten und Blumen; sie wurden offensichtlich von Flüchtlingen aus dem Osten bewohnt, die uns mit Misstrauen betrachteten.“ Pierre Billaux schwor sich damals, „so schnell nicht wieder nach Deutschland zu kommen“.

An sich hatte er gehofft, dass nach Gründung der Vereinten Nationen und der gemeinsamen Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte am 10. Dezember 1948 die Welt den Weg des Friedens und der Freiheit einschlagen werde. Die Ernüchterung folgte in den Folgejahren angesichts zahlloser kriegerischer Konflikte.

Einsatz für die Menschenrechte

„Die Welt war überhaupt nicht so geworden, wie ich es erhofft hatte“, so Billaux in seinem Brief. „So habe er sich entschlossen, für die Einhaltung der Menschenrechte zu kämpfen, und wurde Mitglied von Amnesty International. 2009 konstatierte er: Deutschland sei inzwischen „eine wahre demokratische Nation geworden, ein Land, das nicht davor zurückschreckte, sich mit der eigenen Vergangenheit zu befassen und sie zu verdammen.“

Bereits 1990 hatte er an einer Erinnerungsfahrt nach Blumenthal teilgenommen. In seiner Rede beschreibt er seine Gefühle vor Ort: „Auch wenn alles verschwunden war – die Weser mit ihren Schiffen, die unter einer skandinavischen Flagge nach Norden fuhren, und die Bäume am Ufer stellten für mich eine Szenerie dar, die mich erneut an die Freiheitssehnsucht hinter Stacheldraht denken ließ, und ich habe mich um Jahre zurückversetzt gefühlt. Wenn ich abends dort drüben, auf der anderen Seite des Flusses, Licht in den Häusern sah, sagte ich mir, (…), dass uns ein Abgrund von ihnen trennte, uns, die wir hinter der Stacheldrahtumzäunung eingesperrt waren und schlimmer als Hunde behandelt wurden.“

Nichtsdestotrotz suchte Pierre Billaux den Kontakt zu friedensbewegten Deutschen: „1992 konnten wir den ganzen Tag in Blumenthal verbringen. Wir wurden herzlich von deutscher Seite aufgenommen. Aber was uns besonders beeindruckte, war die Anwesenheit einer kleinen Schülergruppe, die einen Teil ihres Sonntags geopfert hatte, um uns zu treffen. Dieser Tag war reich an Gesprächen und bedeutete den Beginn einer festen Freundschaft.“

Mit Sorge registrierte er später aber auch, „dass man bösartige Ideen überall wiedererstehen sieht“ und verwies dabei auf von Neo-Nazis geschändete Gedenkstätten. Umso wichtiger sei das Engagement der Jugend für den Blumenthaler „Stein der Hoffnung“. „Danke, junge Deutsche, ihr seid die Zukunft eures Landes“, betonte Billaux im Jahr 2009 und wandte sich damit an die Auszubildenden des Schulzentrums an der Alwin-Lonke-Straße, die auf Initiative der Internationale Friedensschule mit dem „Stein der Hoffnung“ die Gestaltung der Gedenkstätte auf der Bahrsplate vollendet hatte.

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